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Wichtiger als der Staatspräsident

Mit 40 Jahren endet die Karriere von Didier Drogba. Der Einfluss des ivorischen Stürmers wird deswegen nicht schwinden.

Heilsbringer, Identifikationsfigur, Rekordtorschütze: Didier Drogba ist weit mehr als nur ein Fussballer, der 65 Tore für sein Land geschossen hat.
Heilsbringer, Identifikationsfigur, Rekordtorschütze: Didier Drogba ist weit mehr als nur ein Fussballer, der 65 Tore für sein Land geschossen hat.
Georgi Licovski/EPA
Dreimal nahm er mit der Elfenbeinküste an einer WM teil, die erstmalige Qualifikation gelang 2006.
Dreimal nahm er mit der Elfenbeinküste an einer WM teil, die erstmalige Qualifikation gelang 2006.
Maurizio Gambarini, Keystone
Danach liess er seine Karriere in Übersee ausklingen. Zuerst spielte er in der Major League Soccer bei Montreal Impact und schliesslich in der zweiten US-Liga bei Phoenix Rising. Am 8. November 2018 unterlag sein Team im Playoff-Final Louisville, womit Drogbas Karriere zu Ende ging.
Danach liess er seine Karriere in Übersee ausklingen. Zuerst spielte er in der Major League Soccer bei Montreal Impact und schliesslich in der zweiten US-Liga bei Phoenix Rising. Am 8. November 2018 unterlag sein Team im Playoff-Final Louisville, womit Drogbas Karriere zu Ende ging.
Joe Hicks/Getty
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Es gibt einen Satz, der alles über Didier Drogba sagt. Der offenbart, auf welcher Flughöhe sich der Ivorer bewegt, der aufzeigt, dass er viel mehr ist als nur ein Ausnahmefussballer – ein Nationalheld, Hoffnungsträger, Friedensstifter, Mythos, eine Ikone.

Der Satz lautet: «Didier Drogba ist die wichtigere Person für unser Land als der Staatspräsident.» Gesagt hat ihn vor einiger Zeit Geoffroy Serey Dié, Drogbas Landsmann, der beim FC Basel spielt. Seine Worte mögen übertrieben klingen, doch es gibt Geschichten, die seine These stützen.

Die erste trägt sich im Oktober 2005 zu. Die Elfenbeinküste hat im Sudan gerade 3:1 gewonnen und sich erstmals für eine WM-Endrunde qualifiziert, weil Konkurrent Kamerun beim 1:1 gegen Ägypten in der Nachspielzeit einen Penalty verschossen hat. Minuten später tritt Drogba in der Garderobe von Khartum vor die Kamera, umringt von seinen Teamkollegen, die ins Bild drängen, um der Botschaft zusätzlich Kraft zu verleihen.

Rede für die Geschichte

Drogba, ein Mikrofon in der Hand, spricht zu seinem Volk: «Ivorerinnen und Ivorer, egal ob aus dem Norden, dem Süden, dem Zentrum oder dem Westen, wir haben heute bewiesen, dass alle Bewohner der Elfenbeinküste zusammenleben und wir gemeinsam für ein Ziel spielen können, die WM-Qualifikation. Ich flehe euch auf meinen Knien an: Lasst nicht zu, dass unser reiches Land durch einen Krieg verwüstet wird.»

Zusammen mit seinen Kameraden kniet er nieder und setzt seine Rede fort: «Ich bitte euch: Legt die Waffen nieder. Organisiert Wahlen, und alles wird besser werden.» Die Mannschaft erhebt sich und beginnt zu singen.

Die Elfenbeinküste ist zu dieser Zeit tief zerrüttet. Ein Stammes- und Bürgerkrieg tobt seit 2002, doch an diesem Abend gelingt es Drogba, Feinde zu einen, es kommt zu einem Waffenstillstand, auch wenn der nicht lange währt.

Besuch beim Rebellenführer

Im März 2007 tritt Drogba erneut als Friedensstifter auf. Der Staatspräsident Laurent Gbagbo hat ihn in seinen Palast eingeladen, um den goldenen Ball zu zeigen, die Trophäe für Afrikas Fussballer des Jahres, die Drogba am Vorabend erstmals erhalten hat. In seiner kurzen Rede sagt er: «Monsieur le Président, das ist der Ball, der unserem ganzen Land gehört. Bitte erlauben Sie mir, ihn auch in Bouaké zu präsentieren.»

Bouaké ist die Rebellen-Hauptstadt, und Drogba fliegt tags darauf dorthin, um dem Rebellenführer Guillaume Soro die Nachricht zu überbringen, das Nationalteam werde bald ein Länderspiel in Bouaké bestreiten. Am 3. Juni 2007 schlägt die Elfenbeinküste Madagaskar in der Qualifikation zur Afrika-Meisterschaft 5:0. Knapp zwei Monate später verbrennen Gbagbo und Soro im selben Stadion Waffen und erklären den Bürgerkrieg für beendet.

Drogba ist zu dieser Zeit schon ein Star bei Chelsea, und die Verehrung in der Heimat nimmt immer gigantischere Ausmasse an. Drogba auf Bussen, Drogba als Werbegesicht für Schokolade, Handys, Starkbier, und, und, und. Jeder will etwas von ihm, auch Verwandte, die er schon reichlich beschenkt hat, klopfen immer wieder an. Drogba, der einem Spital in Abidjan seine ganze Nike-Jahresgage von drei Millionen Euro gespendet hat, soll auch noch für dies und das aufkommen, sich auch noch um dies und jenes kümmern. Humanitäre Projekte liegen ihm so sehr am Herzen, dass ihn das US-Magazin «Time» 2010 auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt setzt.

Mourinhos Lockruf

Als er fünfjährig ist, entscheiden seine Eltern, den kleinen Didier nach Frankreich zu Onkel Michel Goba zu schicken. Sie sehen dort bessere Perspektiven für ihren Sohn als zuhause in Mahinadopa nahe Abidjan. Goba verdient sein Geld als Fussballer in der zweiten französischen Liga, er schleift seinen Neffen quer durchs Land, von Club zu Club. Drogba ist in den Nachwuchsteams meist der einzige Schwarze und lernt, sich durchzusetzen. «Ihm verdanke ich alles», sagt er.

Weil das Heimweh so stark ist, fliegt er als Achtjähriger zurück in die Elfenbeinküste, landet aber mit elf wieder beim Onkel, nachdem seine Eltern ihre Jobs verloren haben. Diesmal bleibt Drogba länger. Er entwickelt sich als Fussballer weiter, muss aber 23 werden, ehe er Ende Januar 2002 bei Guingamp in der Ligue 1 debütiert. Via Marseille, wo er in 55 Spielen 32 Tore schiesst, landet er bei Chelsea und José Mourinho. Der Portugiese hat das Traineramt kurz zuvor übernommen und schon bei seiner Zeit in Porto ein Auge auf Drogba geworfen. Später wird er sagen: «Wenn ich einen Spieler wählen müsste, mit dem ich in die Schlacht ziehe, dann nähme ich Didier.»

Ein Bauch wie eine Granitwand

Drogba beeindruckt auch in England mit seiner Wucht, Explosivität, Kraft. Oliver Kahn, der legendäre Bayern-Goalie, der nicht im Ruf steht, sich schnell beeindrucken oder gar einschüchtern zu lassen, erinnert sich an eine Begegnung mit dem Stürmer vor einem Champions-League-Spiel: «Ich habe Didier einen Klaps auf den Bauch gegeben. Es fühlte sich an, als hätte meine Hand gegen eine Granitwand geschlagen.» Und, fast schon ehrfürchtig: «Es schüchtert einen Torwart schon ein, wenn du weisst, dass da so ein Riesentier vor dir steht.»

Video: Drogba führt Chelsea zum CL-Titel 2012

Es wäre allerdings ein Fehler, Drogbas Qualitäten auf seine herausragende Physis zu reduzieren. Was den 1,89-Meter-Mann auf dem Feld so faszinierend macht, ist, dass er Eleganz, Technik, List und Übersicht mit seiner Athletik kombiniert. Kurz: Drogba bringt alles mit, was einen Weltklasse-Goalgetter auszeichnet. Er kann aber auch eine Diva sein. Er gibt seinen Trainern unverblümt zu verstehen, was er von einer für seinen Geschmack verfrühten Auswechslung hält, einmal schleudert er eine Münze zurück ins Publikum und zeigt den gegnerischen Anhängern den Mittelfinger. Er legt sich mit Schiedsrichtern an, provoziert, polarisiert. «Ich weiss nicht, warum ich auf dem Platz so reagiere», sagt er zu seinen Gefühlsausbrüchen. «Im Spiel bin ich ein anderer und erkenne mich manchmal nicht wieder.»

Ausklang in Nordamerika

Weil Drogba aber vor allem im Strafraum kaum zu zähmen ist, feiert er zahlreiche Erfolge. Er holt während seines ersten Engagements bei Chelsea dreimal die englische Meisterschaft und gewinnt zum Abschluss 2012 die Champions League, ehe er nach China und dann zu Galatasaray Istanbul wechselt. 2014 kehrt er nach London zurück, wird noch einmal Meister, 164-mal hat er in 381 Spielen für die Blues getroffen, dann verabschiedet er sich nach Nordamerika.

Mit 37 findet er bei Montreal Impact Unterschlupf, wo er weiterhin seine Tore macht, das Knie aber zunehmend schmerzt und Dissonanzen das Verhältnis zum Club stören. Ende 2016 geht er. Im April des folgenden Jahres unterschreibt er einen letzten Vertrag beim Phoenix Rising FC, wo er Mitbesitzer wird.

Am Donnerstag, 8. November 2018, endet Drogbas Karriere, als seine Mannschaft im Playoff-Final der zweiten US-Liga 0:1 gegen Louisville verliert. Die eindrückliche Schlussbilanz: 300 Tore auf Clubebene, dazu 65 für die Nationalmannschaft, mit der er dreimal an einer WM war.

Manch einer in der Heimat sähe die Integrationsfigur nach dem Ende als Fussballer gerne in der Politik. Für Drogba ist dies jedoch kein realistisches Szenario. Wie sagte er doch einmal: «Heute hört mir jeder zu, wenn ich spreche. Sobald ich mich für eine bestimmte Partei entscheide, sind es bestenfalls noch 50 Prozent.»

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