Auf den Rängen der Challenge League

Der Regen peitscht auf die Tribüne, vor dem Auge ein Pfosten. Dennoch: Der Besuch eines Derbys in Aarau, Lausanne oder Winterthur bietet beste Unterhaltung.

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Freitag, Aarau: Hitzfeld im Untergeschoss

Sachen gibts, die gibts gar nicht. Zum Beispiel Aarau. Oder besser: das neue Stadion von Aarau. Oder noch besser: den entsprechenden Bahnhof dazu. «Aarau Torfeld» heisst er, und seit diesem Jahr halten dort Züge der Regionalbahn WSB auf Verlangen. Auf der Industriebrache gleich dahinter wird – vielleicht – irgendwann das neue Stadion des FC Aarau zu stehen kommen.

Jetzt aber steht da: nichts. Ein- und aussteigen tut in der Einöde auch kaum einer.

Im Herbst 2019 dürfte in ­Aarau ein weiteres Mal über die Realisierung der neuen Arena ab­gestimmt werden, seit bald zwei Jahrzehnten wird sie inzwischen geplant. Die Realität für den Kleinclub heisst deshalb unverändert Brügglifeld, 20 Gehminuten entfernt. Heisst: Stehpissoir im Halbdunkeln. Aargauer Spiess. Ghackets mit Hörnli beim Restaurant Sportplatz nebenan. Pfosten vor dem Auge. Heisst an diesem kühlen Abend: komplett im Regen zu stehen. 2222 sind da.

Das garstige Wetter passt zur Saison des Heimteams. Mit sechs Niederlage in Serie ist es ins Jahr gestartet, inklusive Diskussionen um den neuen Trainer Patrick Rahmen. Um für positive Stimmung zu sorgen, wurden im Untergeschoss des Stadions, wo die Profis ihre Schuhe waschen, Zeitungsartikel und Fotos aus erfolgreicheren Zeiten aufgeklebt. Ein Interview mit Ottmar Hitzfeld im «Aargauer Tagblatt» nach dem Cupsieg 1985. Oder wie Captain Bernd Kilian am 12. Juni 1993 den Meisterkübel stemmt.

Das Team hat sich seit dem arg missratenen Start gefangen, das 3:1 gegen Vaduz spült Aarau bis auf neun Punkte an den Barrageplatz heran. «Träumen darf man immer», sagt Roger Geissberger, der Vizepräsident, «und deshalb träume ich von den Top 3.» Er und Präsident Alfred Schmid ­ziehen sich Ende Saison zurück. Die Suche nach den Nachfolgern läuft – ist wegen der Stadionunsicherheit aber nicht einfach. Geissberger glaubt trotzdem an ein Happy End.

Marco Schneuwly und Stefan Maierhofer heissen die Hoffnungsträger auf dem Platz. Schneuwly war der teure Königstransfer vor der Saison, aus Sitten gekommen, um Aarau an die Spitze zu schiessen. Der Österreicher Maierhofer kam später, weil Schneuwly nicht traf und sich auch noch verletzte. «Major» nennen die Fans den über zwei Meter langen (und lustigen) Wiener. In zehn Spielen sind ihm sieben Tore gelungen.

Gegen die Liechtensteiner ist es aber Schneuwly, der trifft. Das erste Mal im Aarauer Dress. Und wie: Einen weiten Ball nimmt er aus der Luft an, jongliert einmal – und verwertet volley. «Nicht schlecht gemacht», findet der Freiburger selbst. Wie für all seine Tore im Laufe seiner Karriere wird der U-17-Europameister auch dafür von der Grossmutter einen Fünfliber erhalten.

Samstag, Lausanne:Was für ein Spiel!

Der Bus der Linie 1 kämpft sich vollgestopft vom Bahnhof den Berg hoch. Am Ziel steht das alte Stadion mit dem grossen Namen, Stade Olympique. Es gab hier schon grosse Spiele. 31000 Zuschauer drängten sich 1954 auf die Ränge, als die Schweiz die Hitzeschlacht gegen Österreich 5:7 verlor. Halb so viele waren es, als Servette das grosse Léman-Derby 5:2 gewann und Lausanne im letzten Moment den Meistertitel wegschnappte, das war 1999.

Es sind ferne Erinnerungen an diesem späten Nachmittag. Lausanne - Servette mag zwar ein Spitzenspiel sein, Vierter gegen Leader. Aber es ist nur eines in der Challenge League, weil Lausanne im Frühjahr abstieg und Servette schon seit fünf Jahren nicht mehr zur Super League gehört und zwischendurch wegen einer ruinösen Clubpolitik gar in der Promotion League verschwunden war.

8000 haben Lust auf Fussball, das sind über 1000 mehr als am Abend zuvor beim Derby der Eishockeyaner. 8000 sind viermal mehr als üblich, das Publikum gilt als verwöhnt; und ja, wer hat normalerweise schon Lust auf den Besuch in einem Stadion, in dem es selbst im Sommer kalt ist, wenn die Sonne nicht gerade scheint, und in dem die maroden Plätze wegen der Laufbahn so weit weg sind, dass die Zuschauer den Rasen nicht riechen können? «Ici c’est Lausanne», steht im Tribünengang, angelehnt an den Spruch von PSG («Ici c’est Paris»). Es tönt grossspurig. Nächstes Jahr erfolgt der Umzug ins neue Stadion.

Hinter Lausanne steht der britische Chemieriese Ineos, hinter Servette die Fondation 1890 mit ihren vier Mäzenen, unter ihnen die Stiftung, der Rolex gehört. Lausanne hat ein Budget von rund 12 Millionen, Servette eines von der Hälfte. Lausanne steckt resultatmässig in einem Tief, weil es bis zum Derby nur zwei von zehn Spielen gewann, Servette dafür eilt von Sieg zu Sieg.

Beide haben Trainer, die sich zu Höherem berufen fühlen: ­Lausanne mit Giorgio Contini, im April beim FC St. Gallen abgehalftert, Servette mit Alain Geiger, der früheren Spielergrösse. Neun Jahre musste Geiger warten, bis er in der Schweiz wieder bei einem Club unterkam. Er wunderte sich, wieso sein Name in der Schweiz so wenig zählt, und verdingte sich darum vor allem im Norden Afrikas. Im Frühjahr meldete er sich selbst bei Ser­vettes Präsident Didier Fischer, um sich ins Gespräch zu bringen.

Geiger, 2004 während zehn Monaten bei GC nicht glücklich geworden, ist 58 inzwischen, das Haar ist dünner geworden, der Schritt ist leichtfüssig geblieben. Er sagt: «Diese Liga gewinnt man im Angriff», und entsprechend lässt er spielen. Alexandre Alphonse, Koro Koné oder Miroslav Stevanovic sind Gesichter seiner Offensive. Das Derby strotzt von einer Qualität und Intensität, die für diese Liga selten ist. Noch in der 90. Minute sprinten vier ­Servettiens auf der Suche nach dem Sieg über den ganzen Platz. Stevanovic vergibt die Chance. Es bleibt beim 1:1. Draussen läuft auf Grossleinwand Chelsea gegen Manchester City.

Sonntag, Winterthur:Lieber kein Geld aus Afrika

Noch ein Derby, noch ein Spitzenspiel, diesmal Dritter gegen Zweiter: Winterthur gegen Wil. Vom Bahnhof zur Schützen­wiese ist es wie ausgestorben. Wenigstens das «Stadion» hat offen, eine Beiz, so unprätentiös wie ihr Name. Max Meili sitzt mit roter Schiebermütze am Tisch. Meili ist der Einzige aus erfolgreichen 70er-Jahren des lokalen FCW, der sich in der Schützenwiese sehen lässt. «Mannix» sieht auch mit 72 fit aus. «Früher hiessen die Spieler Meili, heute heissen sie Dzemaili», ist einer seiner Sprüche.

Der FCW ist dieser Club, der im Kleinen seine Kultur pflegt. Er versteht sich als Gegensatz zu einem Fussballgeschäft, das ­Andreas Mösli so gerne als «überhitzt» bezeichnet. Mösli ist der Geschäftsführer eines Vereins, der im Frühjahr vielleicht nur deshalb nicht abstieg, weil sich der FC Wohlen freiwillig aus der Liga zurückzog. Jetzt hat der FCW den pragmatischen Deutschen Ralf Loose als Trainer, den wirbligen Davide Callà als neuen Captain und eine Mannschaft, die um den Barrageplatz mitkämpft.

Das muss für den Moment ­reichen, weil der FCW weder die Struktur noch die Mittel hat, um eine Liga höher zu bestehen. Einen Präsidenten gibt es seit dem Rückzug von Hannes W. Keller vor dreieinhalb Jahren weiterhin nicht, mit Mike, einem seiner beiden Söhne, gibt es nur einen Vizepräsidenten. Der Familie gehört der Club unverändert, und er würde ihn auch abgeben, wenn das richtige Angebot vorläge. Vereinzelt meldeten sich Interessenten, aber weil sie aus Südamerika oder Zentralafrika kamen, entsprachen sie nicht den Ideen der Kellers und Möslis. Sie träumen tapfer davon, einen Geldgeber zu finden, der regional verwurzelt ist und ein Budget von rund 4 Millionen Franken ermöglicht.

Niemand zieht in der Chal­lenge League mehr Zuschauer an als Winterthur, 3555 im Schnitt. Selbst gegen Wil sind es 2800, «und das bei diesem Wetter», sagt Speaker Ruedi Kern, der selbst eine Institution geworden ist, «danke schön!». Wer die ­mässige Unterhaltung auf dem tiefen Boden positiv werten will, ­redet von Kampfspiel. Winterthur hat etwas mehr Chancen, Wil dafür mit Konrad Fünfstück eine dauerreklamierende Nervensäge an der Seitenlinie.

Am Ende steht es 0:0. Mehr hat kein Team verdient. Im Tribünengang fragt eine Reporterin von Radio Top einen Wiler Spieler: «Kann ich mit dir reden? Wie heisst du?»

Erstellt: 11.12.2018, 14:58 Uhr

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