Wie sich ManCity von Sieg zu Sieg zaubert

Niemand spielt in der Premier League spektakulärer als Manchester City. Pep Guardiola hat erkannt, dass es dafür eine stabile Defensive braucht.

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Von Pep ­Guardiola hat es schon vieles geheissen. Selbst Ottmar Hitzfeld, in Wertungen sonst zurückhaltend, hat ihn «ein Genie» und «einen Pionier» genannt. Guardiola hat als Trainer grossartige Ideen und Vorstellungen. Eine Guardiola-Mannschaft in Hochform kann ein Hochgenuss zum Anschauen sein. Das war in Barcelona so, in München auch, und jetzt ist es in Manchester wieder so.

Seit eineinhalb Jahren beehrt der stolze Katalane die Premier League. Die ersten zwölf Monate waren so etwas wie eine Lehre für einen Trainer, von dem man dachte, er wisse schon alles über seinen Sport. Dass er die erste Saison nur auf Platz 3 beendete, war für ihn eine Enttäuschung und ein Erweckungserlebnis zugleich. Er erkannte: Ohne starke Defensive ist auch in England nichts zu gewinnen.

Dabei hatte Guardiola zwischendurch mit der Aussage verwirrt: «Ich bin kein Trainer für Zweikämpfe. Deshalb lasse ich sie nicht trainieren.» Ob er es wirklich so meinte, weiss zwar keiner. Aber er sagte das genau so nach dem 2:4 in Leicester.

Im folgenden Sommer zog er dann die Konsequenzen aus dem ersten Jahr. Er gab so viel Geld für die Defensive aus, wie das vor ihm noch kein Trainer getan hatte. Oder genauer: Er überzeugte seinen Verein, 158,5 Millionen Pfund, aktuell 206 Millionen Franken, in einen Torhüter und drei Aussenverteidiger zu investieren. In Ederson von Benfica Lissabon, in Kyle Walker von Tottenham, Benjamin Mendy von Monaco und Danilo von der Ersatzbank Real Madrids.

21 Siege, ein Remis, eine Niederlage, 61:16 Tore

Das Zwischenresultat lässt sich sehen. City ist durch die Champions League geflogen (das 0:2 bei Donezk am Mittwoch war ohne jede Bedeutung). Und City führt die Premier League ungeschlagen und überlegen vor Manchester United an, seit dem Derby-Sieg trennen stolze 11 Punkte die Rivalen.

Was Guardiola in dieser Saison bisher erreicht hat, ist eindrucksvoll. Da sind einmal die Zahlen in Liga, Ligacup und Champions League: 22 Siege und ein Remis in 24 Spielen, 63:17 Tore. Da ist zum anderen die Art der Auftritte: City spielt an guten Tagen Guardiola-Fussball, der viele begeistert – ausser natürlich José Mourinho, Guardiolas feurigen Gegenspieler von Manchester United, der den City-Spielern vorwirft, schon beim ersten Windstoss umzufallen.

Um den ewigen Provokateur vom Old Trafford einmal auf der Seite zu lassen: Wenn Kevin De Bruyne aus vollem Lauf den Ball in die Tiefe spielt und mit seinem Pass die gegnerische Verteidigung durchschneidet, wenn Leroy Sané den Ball direkt vom Flügel in den Sechzehner passt und Sergio Agüero direkt verwertet, dann fühlt sich Guardiola an der Seitenlinie bestätigt. Dann haben ihn seine Spieler verstanden.

Dafür steht auch seine Botschaft vor dem Derby: «Wir versuchen, guten Fussball zu spielen, wir versuchen zu sein, was wir sind.»

Ja, was sie sind. Sie sind eben inzwischen mehr als Traumtänzer, die Zweikämpfe nicht trainieren müssen. Sie haben das Kämpfen gelernt, das beharrliche Arbeiten für den Sieg. Zuletzt gewannen sie innerhalb von acht Tagen dreimal 2:1, gegen die kleinen Mannschaften von Huddersfield, Southampton und West Ham und dank Toren in der 84., 96. und 83. Minute. Guardiolas Veitstänze zeigten, welche Bedeutung solche Siege auf Dauer haben können. Vor dem Spiel gegen ManUnited sagte er: «Der Fokus liegt darauf, dass wir die Zweikämpfe gewinnen müssen. Sonst ist es nahezu unmöglich, Manchester United zu besiegen.»

Guardiola ist besessen davon, Titel zu gewinnen. Das sagt er selbst. So besessen wie Mourinho, den er in dieser Beziehung als Zwilling bezeichnet. 14 Titel holte er mit Barcelona, bis er sich nach vier Jahren für zwölf Monate zum Erholen nach New York zurückzog. Drei Meistertitel, zwei Cupsiege und drei Halbfinals in der Champions League waren die Bilanz in drei Saisons bei Bayern München. Das tönt grossartig. Aber eben: Es waren in der Champions League nur drei Halbfinals. Darum ist unvergessen, dass der Applaus zu seinem Abschied im Münchner Stadion verhalten ausfiel.

Meister muss der Spanier jetzt in England schon fast werden, mit dem teuersten Kader der Welt überhaupt. Der Sieg in der Champions League wäre im zehnten Jahr der Regentschaft von Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan und nach ganz vielen Enttäuschungen zudem endlich willkommen.

Grosse Trainer sind auch teure Trainer

City war schon einmal, vor rund 50 Jahren, ein recht grosser Verein, er war Meister 1968, Cupsieger 1969 und Sieger des Europacups der Cupsieger 1970. Die Maine Road war seine Heimat. «Blue Moon» hiess schon damals die Club-Hymne, die voller Melancholie und Sehnsucht ist. Darin heisst es: «Ich hörte jemanden flüstern, bitte, begehre mich / Und als ich schaute, hatte sich der Mond in Gold verwandelt / Jetzt bin ich nicht mehr länger allein / Ohne Traum in meinem Herzen.» Jetzt ist der Scheich da. Und Guardiola.

Guardiola hat als Trainer immer dieses Glück gehabt, aus hervorragenden Spielern auswählen zu können. In Barcelona waren das Messi, Xavi oder Iniesta, in München Neuer, Lahm oder Robben. Jetzt sind das Agüero, David Silva oder De Bruyne. Guardiola sagt brav: «Tag für Tag bedanke ich mich beim Club für die Spieler, die ich habe.»

Grosse Trainer sind auch teure Trainer. 317 Millionen Franken betragen die jährlichen Lohnkosten inzwischen bei City. 487 Millionen gab der Club allein unter Guardiola für neue Spieler aus. 1006 Millionen sind es für das aktuelle Kader und 1639 Millionen für neue Spieler während der gesamten Ära von Scheich Mansour. Der kann sich das leisten. Er gehört zur Herrscherfamilie von Abu Dhabi, deren Gesamtvermögen auf 1000 Milliarden geschätzt wird.

20 Millionen verdient Guardiola pro Jahr, immerhin die Hälfte davon ist für De Bruyne reserviert. Das ist der Spieler, der einmal eine Bar wieder verliess, als er herausfand, dass eine Cola 34 Franken kostet. Der «Guardian» beschreibt den Belgier mit den kurzen roten Haaren in einem ausführlichen Porträt als «bescheiden, ruhig und überlegt». Freunde nennen ihn «Wäschetrockner», weil seine Art so trocken ist. De Bruyne ist auch stur, um das zu erreichen, was er will. Viele erkannten das Talent in ihm, darum landete er 2012, 21-jährig, bei Chelsea. Doch von seinem damaligen Trainer Mourinho erhielt er nicht die gewünschten Einsatzzeiten. Darum drängte er auf einen Wechsel nach Wolfsburg. Das war sein Plan: von der funkelnden Weltstadt in die vergessene Provinz. Der Plan ist aufgegangen.

De Bruyne und sein Video: «Schau mir zu»

Das tut er erst recht, seit Guardiola mit De Bruyne arbeitet. De Bruyne gehört zu denen, die den Trainer schnell verstehen. Er besitzt die Füsse, die umsetzen können, was andere im Kopf haben. In der letzten Saison kam er auf 18 Assists. In der Sommerpause verbreitete er über die sozialen Netzwerke die Höhepunkte seiner letzten Saison. Das Video war mit der Musik von The Phantoms unterlegt: «Watch Me», schau mir zu. Es ist wie eine Prognose gewesen: Es gibt derzeit in der Premier League kaum einen aufregenderen Spieler als den stillen Belgier.

Guardiola, der Trainer, für den zwar viele seiner Spieler schnell einmal «top, top, top» sind, vergleicht De Bruyne mit den Besten der Welt. Und De Bruyne? Der ist nicht nur ein Wäschetrockner. Er ist auch aus Teflon. Das Lob perlt an ihm ab. Er spielt lieber seine Pässe in die Tiefe.

Erstellt: 10.12.2017, 18:02 Uhr

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