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«Ein Gegner, der jeden Fehler von uns wie ein Tor feiert»

Was es braucht, damit die Schweiz die WM-Barrage gegen Nordirland gewinnt – das Rezept von Coach Vladimir Petkovic.

«Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen», mahnt Nationaltrainer Vladimir Petkovic vor den entscheidenden Spielen. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)
«Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen», mahnt Nationaltrainer Vladimir Petkovic vor den entscheidenden Spielen. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Am Tag der Barrage-Auslosung in Zürich war Vladimir Petkovic noch mürrisch, verspannt, kurz angebunden. Als liege ihm das Spiel von Portugal weiter schwer auf dem Magen.

An diesem Montag ist der Nationalcoach wieder an einem Ort, an dem er nicht sein möchte: in Pratteln, Basler Agglomeration. Eigentlich wollte er in diesen Tagen nach Miami oder Dubai reisen, um mit seinen Spielern die Wärme zu geniessen, harmlose Testspiele zu bestreiten, und in Gedanken schon in Russland sein. Aber jetzt ist er da, wo es atmosphärisch und klimatisch kalt ist. Und es wird diese Woche nicht wärmer werden, ­sondern allenfalls stürmischer, zumindest auf dem Rasen. Wenigstens ist ­Petkovic wieder entspannt.

Es stehen zwei Spiele an, um ein grosses Ziel zu erreichen, die WM 2018. Oder wie es Petkovic sagt: «Es ist ein Mini­turnier, in dem wir besser sein müssen als ein Gegner.»

Nati-Trainer Vladimir Petkovic hat sich in den letzten Wochen akribisch mit den Nordiren auseinandergesetzt und den Gegner studiert. (Video: Tamedia/SDA)

Nordirland also, am Donnerstag in Belfast, am Sonntag in Basel. Freundschaftsspiele werden das nicht sein. Die Nordiren sind keine Strandfussballer, sondern robuste Arbeiter, Petkovic sagt schon einmal mahnend: «Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen.»

Die mentale Arbeit

Vor vier Wochen in Lissabon war das noch das Problem der Schweizer, sie ­waren unterlegen in den Zweikämpfen, deutlich sogar, und darum letztlich chancenlos. Jetzt müssen sie umdenken – und das in den wenigen Stunden, die bis zum Match im Windsor Park bleiben. Die Arbeit im mentalen Bereich ist wichtiger als jene im technisch-taktischen. Petkovic betont das auch. Weil er nach Gesprächen mit Beobachtern und dem Studium des Gegners gut erahnen kann, was auf sie zukommt: «Ein Gegner, der jeden Fehler von uns wie ein Tor feiert. Davon lebt er.» Ein Gegner, der 18'000 Zuschauer im Rücken hat, in den letzten drei Jahren daheim nur gegen Deutschland verlor und in sieben von zehn Qualifikationsspielen ohne Gegentor blieb.

Doch lieber als über den Gegner redet Petkovic über seine Spieler und noch lieber mit ihnen. Er muss sie in der Kürze der Zeit dahin bringen, dass sie wieder so auftreten, wie sie das können. «Wir müssen wieder Chef auf dem Platz sein», betont er.

In neun Spielen der Qualifikation ­waren sie das. Nur Deutschland und Spanien haben mehr Punkte gewonnen als sie, «wir brauchen uns nicht zu schämen», sagt Petkovic deshalb. Stolz sollen sie auf das Erreichte sein. Und «mit offener Brust» vorwärtsschauen. Er meint: selbstbewusst.

Begegnungen mit «wirklich starken Mannschaften» fehlen

In Lissabon waren sie für die Aufgabe nicht bereit. Natürlich verloren sie da «nicht gegen irgendwen», so Petkovic, «sondern gegen den Europameister». Was den Coach gleichwohl enttäuschte, war die Tatsache, dass sie nicht fähig ­waren zu agieren. Er könnte auch anmerken: dass sie nicht reagieren konnten, als sie einmal im Rückstand lagen.

Petkovic stellt im Rückblick auf das 0:2 vor vier Wochen fest, wie sehr Begegnungen mit «wirklich starken Mannschaften» fehlen, um sich zu entwickeln. Deutschland zum Beispiel bestreitet bis zum März Tests gegen England, Frankreich, Spanien und Brasilien. Von einem solchen Programm kann die Schweiz nur träumen. Darum ist Petkovic ein Freund der Nations League, die im kommenden Herbst eingeführt wird und Spiele gegen stärkere Teams verspricht.

Zuerst aber sind Belfast und Basel. Und da soll alles wieder anders sein als in Lissabon. Muss es auch. Sonst bleibt Russland unerreichter Boden. Die personellen Voraussetzungen für die Barrage könnten allerdings besser sein.

Johan Djourou fällt verletzt aus. ­Valon Behramis Einsatz ist wegen seiner Oberschenkelprobleme höchst fraglich, wozu Petkovic die Formulierung gelingt: «Es gibt realistisch einige Prozent, dass wir an ein Wunder glauben können.» Admir Mehmedi ist in Leverkusen ausser Form geraten und in die zweite Reihe ­abgetaucht. Blerim Dzemaili hat in ­Montreal von seiner Dynamik verloren. Ricardo Rodríguez kam mit muskulären Problemen nach Pratteln. Yann Sommer leistete sich am Samstag einen entscheidenden Fehlgriff. Stephan Lichtsteiner, Haris Seferovic und Steven Zuber waren nur Ersatz. Andere sahen die Rote Karte oder hatten sonst negative Erlebnisse (siehe Übersicht).

Das Negative kann positiv sein

Petkovic sitzt im Teamhotel in einem ­engen Sitzungszimmer und lässt sich durch die vielen negativen Nachrichten von seinen Spielern nicht beunruhigen. So entspannt gibt er sich, dass er sagt: «Dass verschiedene Spieler vom Wochenende nur wenige Minuten in den Beinen haben, kann auch positiv sein. Das kann auch für frische Beine und einen frischen Kopf sorgen.»

Beides brauchen die Schweizer. Den Kopf, um sich keine Fehler zu leisten, die sie unter Druck bringen und den Gegner aufputschen. Die Beine, um so viel zu laufen wie die nimmermüden Nordiren und noch ein bisschen mehr. Petkovic hat einen Plan für seine Spieler: Sie müssen körperlich dagegenhalten, und wenn sie das dann einmal geschafft haben, müssen sie mit ihren spielerisch grösseren Qualitäten den Unterschied ausmachen.

Auf «50:50» hat der Trainer nach der Auslosung die Chancen der Schweiz ­festgelegt. Nur Tiefstapelei? «Nein», ­antwortet er, «es kann alles passieren.»

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