Der Militärgruss aus dem Stade de France

Die Türken salutieren auch im Spiel gegen Frankreich. Die Geste löst eine immer grösser werdende Debatte aus.

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Manchmal wäre ein 0:0 gescheiter, ein tor- und vor allem jubelloses Unentschieden. Ein 0:0 für den Weltfrieden, sozusagen.

In Paris, beim geopolitisch aufgeladenen Spiel zwischen Frankreich und der Türkei am Montagabend, Gruppe H der Qualifikation für die Europameisterschaften im kommenden Jahr, lief lange alles recht harmonisch. Trotz der Sorgen im Vorfeld, der Debatten über militärisch salutierende Fussballer und Boykottforderungen. Die Marseillaise? Natürlich gab es Pfiffe, immerhin waren 30 000 Türken ins Stade de France gekommen, sie tauchten die Arena in feuriges Rot. Doch der französische Fussballverband stellte die Nationalhymne einfach so donnernd laut ein, dass die paar Pfiffe im «Allons enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé» untergingen. Es gab auch missfallendes Geheule, als die Bleus fürs Aufwärmen den Rasen betraten, aber das gehört nun mal dazu.

Das Spiel wogte also nett dahin, ziemlich animiert sogar. Die Franzosen taten viel für die Offensive, um die schmähliche Niederlage beim Hinspiel vergessen zu machen, scheiterten aber regelmässig an den massierten Abwehrreihen der Türken, gleich zwei davon hatten die Gäste da montiert, und an Mert Günok, dem auffällig gut aufgelegten Torwart. Einmal waren die Weltmeister von 2018 so nahe dran am Führungstor, mit zwei satten Schüssen in schneller Sequenz von Antoine Griezmann und Moussa Sissoko, dass es schon einer aussergewöhnlichen Geistespräsenz bedurfte, beide zu parieren.

Ausgerechnet Giroud

Bis zur 76. Minute war alles gut, 0:0. Dann traf Olivier Giroud mit dem Kopf, ausgerechnet Olivier Giroud, 33 Jahre alt, der viel Geschmähte und oft Unterschätzte. In seinem Verein, dem FC Chelsea, spielt er nur noch sehr selten, im Nationalteam aber schiesst er Tor um Tor. 38 sind es schon, drei weitere, und er holt Michel Platini ein, den ewigen Rekordhalter. Giroud war diesmal nur Ersatz, obwohl ihm einige Tage zuvor schon das Siegestor gegen Island gelungen war. Nationalcoach Didier Deschamps zog ihm Wissam Ben Yedder vor, den Stürmer von AS Monaco. Von dem hiess es, er sei in viel besserer Form. Nun ja, ging so. Giroud brauchte nach seiner Einwechslung nur vier Minuten für sein Tor, breitete dann die Arme zum Albatross, führte die Hände hinter die Ohren. Noch Fragen, noch Diskussionen? «Zorro» nannte ihn der Kommentator auf M6, «Held», sogar «Retter», alles in einem Atemzug.

Das 0:0, dahin. Nun fühlten sich die Türken bemüssigt, ihre extreme Tiefenlage aufzugeben und auch vorne mal was zu probieren. Und so passierte in der 82. Minute, was aus sportlicher Sicht ja durchaus und immer im Bereich des Möglichen liegt, politisch aber gerade nicht so unproblematisch ist: Tor für die Türkei. Eine lange Freistossflanke von Hakan Calhanoglu zum entfernten Pfosten, hinter die Rücken der französischen Verteidiger. Und da flog der Düsseldorfer Kaan Ayhan heran, Kopf voran, 1:1. Seine Mitspieler stürmten weiter und grüssten in die Gästekurve, die Kop, wo die 3800 härter gesottenenen Fans aus der Türkei untergebracht waren. Sie legten die rechte Hand flach an die Stirn, streckten sich durch zur Achtungsstellung, in Formation. Nur Ayhan nicht, der Torschütze, der weigerte sich diesmal, obschon man ihn dazu drängte. Die Kurve salutierte zurück.

Vor einigen Tagen, nach dem Siegestor der Türken gegen Albanien, konnte man mit viel Wohlwollen noch von einer einigermassen spontanen Aktion reden, so streitbar und deplatziert sie auch wahr. Da zeigten sich türkische Nationalspieler im Moment patriotischer Ergriffenheit solidarisch mit türkischen Soldaten, die in Nordsyrien gegen die Kurden kämpfen. Diesmal war gar nichts mehr spontan, und wer noch immer daran zweifelte, wie angeblich zufällig sich alles vermischt, Nationalstolz und Kriegspropaganda, brauchte nur nochmal ein paar Minuten warten: Nach dem Schlusspfiff führten die Spieler ihre militärische Show noch einmal auf, ausgeruht, manche schon in ihre Trainingsjacken gehüllt. Der Salut ist jetzt Trotz und Provokation.

Vielleicht blieb Jean-Yves Le Drian auch deshalb zuhause. Eigentlich war vorgesehen gewesen, dass der französische Aussenminister auf der Ehrentribüne Platz nehmen würde. In letzter Minute sagte er ab: «für unsere kurdischen Alliierten». Aus der Regierung war nur Roxana Maracineanu, die Sportministerin, im Stade de France. Und die dankte nach dem Spiel dem französischen Verband und den Sicherheitskräften, dass die für einen gesitteten Verlauf der Begegnung gesorgt hätten, und fügte dann an: «Mit ihrem militärischen Gruss haben die türkischen Spieler aber alle Mühen zerstört, die Geste widerspricht dem Sportsgeist.» Maracineanu forderte die Uefa auf, eine «exemplarische Strafe» auszusprechen.

Was sie sich unter «exemplarisch» genau vorstellt, sagte sie nicht. Es gibt ja nun auch eine internationale Kampagne mit dem Ziel, den Austragungsort für das Finale in der laufenden Champions League zu verlegen: Vorgesehen ist dafür das Stadion Atatürk in Istanbul, am 30. Mai 2020. In Frankreich hatte es schon vor dem Länderspiel gegen die Türkei Intellektuelle und Politiker gegeben, die zu einem Boykott der Begegnung aufriefen, sie verlangten gar, dass es ganz abgesagt würde. In den sozialen Netzwerken lief die Petition unter #AnnulationFranceTurquie. Die Verantwortlichen aber fanden, eine Absage würde die politisch gespannte Lage zwischen beiden Ländern nur noch weiter verschärfen. Am Ende sei es doch nur Fussball, man vertraue auf den gesunden Menschenverstand.

Nun, der Menschenverstand war auch bemerkenswert stabil, bei fast allen auf den Rängen. Wenigstens solange es 0:0 stand.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 15.10.2019, 09:51 Uhr

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