«Es müssen ja nicht gleich elf Kolollis sein»

FCZ-Sportchef Thomas Bickel über Trainer Magnin, die nächsten Transfers und emotionale Ausbrüche der Spieler.

«Wir spielen nicht einfach etwas vor. Wir sind echt»: Thomas Bickel im FCZ-Museum. Foto: Sabina Bobst

«Wir spielen nicht einfach etwas vor. Wir sind echt»: Thomas Bickel im FCZ-Museum. Foto: Sabina Bobst

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Die Rangliste liest sich für den FC Zürich immer noch so wie im Winter: recht freundlich. Die Mannschaft belegt Platz 4, sie führt das breite Mittelfeld der Liga an. Und trotzdem stockt sie in ihrer Entwicklung. Sie hat im neuen Jahr in sieben Partien gerade einmal acht Punkte geholt, und vor allem: Sie verdient sich stilistisch gar keine guten Noten.

Sportchef Thomas Bickel erwartet eine Steigerung. Aber der 55-Jährige, seit bald drei Jahren im Amt, wirkt nicht im geringsten so, als wäre er nervös. Als er sich an den Tisch gesetzt hat, einen Espresso vor sich, sagt er: «Was wollen Sie von mir wissen? Der FCZ ist doch ein skandalfreier Club, es ist ruhig.»

Als wir im Oktober 2017 mit dem damaligen GC-Sportchef Mathias Walther und Ihnen ein Interview vor einem Derby führten, sagten Sie: «Bei allem Respekt, ich lasse mich nicht von GC inspirieren.»
Sehen Sie …!

Ist es beim FCZ wirklich ruhig?
Ja!

Wäre es das auch, wenn es vor zwei Wochen gegen Xamax nicht zu einem 2:1-Sieg gereicht hätte?
Wir wären auch in diesem Fall geschlossen und mit Überzeugung gegen aussen aufgetreten. Wir spielen nicht einfach etwas vor. Wir sind echt. Aber wirwaren zweifellos erleichtert, als wir die drei Punkte gegen Xamax geholt hatten.

Der FCZ profitiert sicher davon, dass beim Stadtrivalen etwas mehr Aufregung herrscht …
... der Druck der Öffentlichkeit und der Medien ist vielleicht nicht so gross. Aber wir lassen Unruhe gar nicht erst aufkommen.

Die nüchternen Zahlen nach 25 Runden sagen, dass sich der FCZ im Mittelmass bewegt: 8 Siege, 9 Unentschieden, 8 Niederlagen, 35:36 Tore.
Wir kennen die Fakten sehr wohl und setzen uns damit selbstkritisch auseinander.

Wie weit geht die Selbstkritik?
Wir in der Vereinsführung sind nicht zufrieden mit den letzten Auftritten, die Trainer und die Spieler sind es ebenso wenig. Das Team muss lebendiger werden, die Kommunikation muss besser werden. Wir hatten viele Spiele, ja, wir hatten ein paar Verletzte, ja. Nur: Wir haben ein breites Kader, mit dem wir Ausfälle kompensieren können. In absehbarer Zeit muss eine positive Entwicklung stattfinden. Wir müssen uns steigern.

«Kevin Rüegg als Captain? Wir wollen mutig sein, und er verkörpert die FCZ-Philosophie.»

Also dulden Sie keine Ausreden?
Nein. Fakt ist, dass zu viele Spieler ihrer Form etwas hinterherhinken, und wir unsere Ansprüche nicht erfüllen. Wir lieben guten, schönen, leidenschaftlichen, dynamischen Fussball, aber den zeigen wir derzeit zu wenig. Wir brauchen nichts schönzureden. Vielleicht ging mit unserer Planung nicht alles so auf, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Was meinen Sie konkret?
Wir planten nicht damit, dass der neu verpflichtete Georgier Lewan Charabadse als 19-Jähriger gleich alle Spiele bestreitet. Aber dann fielen mit Kevin Rüegg, Pa Modou und Joël Untersee gleich drei Aussenverteidiger aus. Schon sahen wir uns mit der Kritik konfrontiert, dass wir zu wenig vorsichtig waren, was die Besetzung dieser Position angeht.

Betrachten Sie auch Entscheide aus der Vergangenheit selbstkritisch?
Zum Beispiel?

Im Februar 2018 musste Trainer Uli Forte trotz Rang 3 gehen, Ludovic Magnin kam – aber merklich weiter ist der FCZ nicht.
Wir haben den Entscheid, den Trainerwechsel vorzunehmen, nie bereut. Und wenn Sie sagen, dass wir nicht merklich weiter sind, muss man schon berücksichtigen: Wir haben Chancen, die Saison auf Platz 3 abzuschliessen, wir stehen im Cup-Halbfinal (gegen Basel), und wir haben in der Europa League die Gruppenphase überstanden. Das sind überragende Resultate.

Aber die Höhepunkte sind seit dem 3:2 gegen Leverkusen ausgeblieben.
Das lässt sich schwer widerlegen.

«Ludo ist Ludo, und er soll es bleiben. Aber es ist auch klar, dass er an sich arbeiten muss.»

Mangelt es dem FCZ an Persönlichkeiten?
Vielleicht. Aber dieses Problem haben viele andere Mannschaften auch.

Eine offensichtliche Veränderung fand in der Winterpause mit dem Captain-Wechsel statt: Der 20-jährige Kevin Rüegg übernahm das Amt vom 27-jährigen Victor Palsson, der im Januar zu Darmstadt wechselte. Diese Wahl war …
... gewagt. Wir sagen ja: Wir wollen mutig sein. Kevin Rüegg verkörpert das, er verkörpert die Philosophie des FCZ, ist eine Identifikationsfigur und verfügt auch bereits über die nötige Reife. Es macht sehr wohl Sinn, dass Rüegg diese Rolle übernommen hat. Er war die beste Lösung. Aber wir haben noch andere Junge, die ein Beleg dafür sind, dass die Tür vom eigenen Nachwuchs zur ersten Mannschaft offensteht.

Das behaupten andere Clubs auch.
Ja, aber wer setzt das auch wirklich um? Schauen Sie einmal, wie viele eigene Junge bei YB oder Basel auf dem Platz stehen. In der Schweiz gibt es keinen anderen Verein, der so eine Quote vorweisen kann wie wir. Wir vertrauen den Jungen mit dem Risiko, dass die Stabilität im Team manchmal fehlt. Und einmal, das haben wir hinterher auch kritisch aufgearbeitet, hat der Trainer übertrieben: In Sitten stellte er zu viele Junge auf einmal auf.

Sah das Magnin auch so?
Ja. Es ist wichtig, dass ein Trainer einsieht, wenn er einen Fehler begangen hat, er muss lernfähig sein. Allein ist er verloren. Wer das Gefühl hat, keinen Rat annehmen zu müssen, wird nicht Erfolg haben. Selbst ein Pep Guardiola sagt, dass er noch jeden Tag dazulernt.

Was überzeugt Sie an Magnin?
Fussballkompetenz bringt jeder Trainer mit. Magnin ist im Auftreten sicher, er macht die Spieler stärker. Vielleicht kommt jetzt der Einspruch von Ihnen. (schmunzelt)

Gute Idee: Man merkt es den Resultaten nicht unbedingt an.
Ja, einige Dinge passen noch nicht ganz zusammen. Aber ich bin überzeugt: Es wird zum Turnaround kommen.

Wie hat sich Magnin verändert, seit er die Mannschaft übernommen hat?
Ludo ist Ludo, authentisch, und er soll es bleiben. Aber es ist auch klar, dass er an sich arbeiten und sich wie jeder Trainer täglich praktisch neu erfinden muss.

An sich arbeiten heisst bei ihm in erster Linie: souveräner werden an der Seitenlinie?
Wir alle müssen in bestimmten Situationen souveräner werden.

Und wenn er in Thun nach dem Match sagt, er habe aus 500 Metern gesehen, dass Benjamin Kololli penaltyreif gefoult wurde …
... sage ich: Ich hätte es aus einem Kilometer Entfernung gesehen. (lacht) Ach, das ist doch nicht dramatisch, und dafür brauche ich ihn nicht zu tadeln. Ich war auch einmal Trainer, okay, auf einem anderen Level, bei den Junioren. Aber ich war auch eine Furie am Spielfeldrand.

Wir tun uns schwer mit dieser Vorstellung: Sie als Furie.
Ja, ja ...! (lacht) Bis zu einem gewissen Grad habe ich Verständnis für Ludo, aber klar: Er muss lernen, und das tut er auch. Es wäre nicht gut, wenn wir in einem Jahr immer noch darüber diskutieren würden, dass er seinen Umgang mit dem Schiedsrichter ändern sollte.

Haben Sie den Eindruck,dass Magnin dünnhäutiger geworden ist?
Nein. Es ist einfach so, dass die Trainer einen ungeheuren Druck auszuhalten haben. Es ist ein absoluter Stressjob und sicher nicht immer nur lustig.

Macht man es sich zu einfach, wenn man fordert: Magnin soll sich einfach ruhiger verhalten.
Ja. Wir wollen es doch, dass die Trainer mitleben. Und solange alles im Mass passiert, kann das kein Problem sein. Neulich hat Frankfurts Trainer Adi Hütter in den Emotionen eine Wasserflasche weggekickt und wurde dafür auf die Tribüne verwiesen. Was soll das?

Kololli zerstört Spielbank: Der Mittelfeldspieler sorgt für Spektakel. Video: SRF

Benjamin Kololli zeigte beim FCZ Emotionen, als er nach einer Auswechslung mit der Faust das Dach der Ersatzbank zertrümmerte.
Er ist einer, der polarisiert. Aber wir wollen Spieler, die Emotionen zeigen. Es müssen ja nicht gleich elf Kolollis sein. Und was seinen Ausbruch angeht: Ich sagte ihm, dass das nicht geht. Trotzdem wäre es unangemessen, daraus eine grosse Geschichte zu machen.

Welche Perspektiven hat der FCZ mittelfristig?
Mit diesem Thema beschäftige ich mich täglich. Die Schere im Weltfussball geht noch weiter auseinander. Wenn wir im Sommer auf dem Transfermarkt etwas unternehmen, wollen wir uns verstärken. Nur: Da sind Kreativität und das richtige Timing die Voraussetzung. Es wird immer schwieriger, einen Coup zu landen. Mimoun Mahi (der marokkanisch-holländische Doppelbürger kommt in der neuen Saison von Groningen) könnte nun einer sein, von ihm versprechen wir uns einiges.

Wie viele Millionen stehen Ihnen für Sommereinkäufe zur Verfügung?
Fragen Sie den Präsidenten. Die Buchhaltung ist einfach: Wenn man Geld ausgeben will, muss man welches einnehmen. Bislang haben wir das sehr gut hinbekommen.

Gibt es bereits Angebote für Spieler?
Noch nicht. Aber es wird welche geben.

Für wen konkret?
Für Spieler. (lacht)

Erstellt: 29.03.2019, 23:19 Uhr

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