«Wir fragen uns oft: Wie kann so etwas entstehen?»

Vor dem Schicksalsspiel in Sofia nimmt Basel-Präsident Bernhard Heusler Stellung zu den Gerüchten in der Trainerfrage.

Ist der FCB in einer Zwischenwelt gefangen? «So kann man es sehen.»

Ist der FCB in einer Zwischenwelt gefangen? «So kann man es sehen.» Bild: Keystone

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Bernhard Heusler, geht es für Urs Fischer beim Spiel gegen Ludogorets Rasgrad um seinen Job?
Nein.

Warum kommt man als Aussenstehender auf die Idee, dass es so sein könnte?
Schwer zu sagen. Vielleicht, weil im Informationsdschungel einer Aussage ohne verlässliche Quelle mehr Gewicht gegeben wird als jener eines direkt Betroffenen. «Scoop» und «Likes» vor Wahrheitsgehalt. Das hat man auch bei den Wahlen in den USA gesehen. So entwickeln sich Hypes und irreführende Meldungen, bei denen wir uns oft selbst fragen: Wie kann so etwas entstehen? Zum Beispiel, wenn vor dem Spiel gegen Lausanne plötzlich Fabio Celestini als neuer FCB-Trainer gehandelt wird.

Hat der FCB die Büchse der Pandora mit den frühzeitigen Abgängen von Heiko Vogel und Murat Yakin nicht selbst geöffnet? Seither besteht das Gefühl, dass in Basel Erfolg allein nicht reicht. Und andere Faktoren kann die Öffentlichkeit schlecht einschätzen.
Die beiden Fälle lassen sich nicht vergleichen. Vor allem beim Fall Vogel scheint man nicht geschätzt zu haben, dass man von uns nicht im Voraus fordern konnte, wir müssten den Trainer wechseln. Seither werden vorschnell Vermutungen aufgestellt. Damit man sagen kann, man habe es ja schon vorausgesagt, wenn dann wirklich etwas passiert.

Dann ist die Partie in Sofia also kein kapitales Spiel für den FCB?
Nein. Aber es ist ein sportlich wichtiges Spiel. Weil das Überwintern im Europacup eines unserer formulierten Ziele ist. Und Ziele sind da, um erreicht, aber auch mal verfehlt zu werden. Aber auch das ändert nichts daran, dass wir die Trainerpersonalie nie an einzelnen Spielen aufhängen.

«Das Umfeld, aber auch uns, die wir uns fragen: Wie können wir den Leuten noch Freude machen?»

Ist der FCB in einer Zwischenwelt gefangen, in der er national ein Riese und international ein Zwerg ist?
So kann man es sehen. Celtic Glasgow ist kürzlich als Club im Niemandsland bezeichnet worden. Das kann man mit uns vergleichen: durch die vielen nationalen Titel und durch die immer weiter aufgehende finanzielle Schere international. Klar fühlt sich der eine oder andere orientierungslos oder visionslos.

Wen meinen Sie damit?
Alle. Das Umfeld, aber auch uns, die wir uns fragen: Wie können wir den Leuten noch Freude machen? Bewegt es sie noch, wenn wir sagen, dass wir unbedingt Schweizer Meister werden wollen? Man hat mir vor Jahren gesagt, der Club sei in einer visionslosen Zone. Ich sage, viel wichtiger ist, dass wir eine Mission haben.

Und diese Mission ist?
In Basel einen Fussballclub möglichst gut zu führen auf der Basis, die wir hier haben. Sich nicht an irgendwelche grossen Visionen zu klammern, sondern recht rational das einzusetzen, was wir haben, um den Leuten mit möglichst vielen Emotionen Freude zu machen.

Leiden FCB-Trainer darunter, dass Meistertitel einfach vorausgesetzt werden? Kommt daher der Ruf nach internationalen Erfolgen?
Das geht in Richtung dieses Niemandslands. Es ist nicht einfach für einen Trainer, zu sehen, dass der FCB auch ohne ihn wiederholt Meister geworden ist. Er spürt genauso wie wir, dass bei Siegen in der Meisterschaft immer gefragt wird: Wie wurde gewonnen? Und bei nationalen Titeln kommt schnell das Gefühl: Pflicht erfüllt. Was es für ihn selber ja nie sein kann.

Im letzten Spiel der laufenden Champions League spielt Arsenal in Basel. Muss der Schweizer Fussballfan bald auf solche Spiele verzichten, weil sich die Grossen in einen eigenen Wettbewerb verabschieden?
Wir sollten uns in der Schweiz schon seit Jahren daran gewöhnen, dass solche Partien aussergewöhnlich sind. Aber klar, es ist schwierig, den Leuten etwas als ausserordentlich zu verkaufen, wenn du in den letzten acht Jahren sechsmal in der Champions League warst. Wie aussergewöhnlich das tatsächlich war, wird wohl erst in der Zukunft ersichtlich werden. Durch die wachsenden Unterschiede bei den finanziellen Möglichkeiten auf europäischer Ebene. Und durch die Reglementsänderungen, die jenen Clubs mehr Planungssicherheit geben, die für die grossen Einnahmen der Champions League verantwortlich sind.

Ist diese Entwicklung nicht pervers? Der Kuchen wird immer grösser, und die Grossen wollen den Kleinen immer weniger davon abgeben?
Das ist pervers, wenn man wirtschaftliche Realitäten vom Sport fernhalten will. Der Kuchen scheint immer grösser zu werden. In Wahrheit wird der Wettkampf um die TV-Gelder zwischen der Champions League und der englischen Premier League immer härter. Das Wachstum des Kuchens findet auf einer weltweiten Ebene statt. Und dafür sind die grossen Clubs verantwortlich, nicht wir oder Bukarest.

Und wer zahlt, sagt auch, wer spielt?
Ist ja klar, dass Geldgeber keine Freude haben, wenn die Gruppenphase der Champions League nach drei Runden praktisch entschieden ist. Weil dann der chinesische Zuschauer Manchester City gegen Liverpool in der Premier League vielleicht interessanter findet.

Das entwurzelt den Fussball doch komplett. Asien, wo es keine emotionale Bindung mit den antretenden Clubs gibt, soll entscheiden, wer im europäischen Wettbewerb mitmachen darf?
Eine spannende Frage. Vieles ist die Folge davon, dass sich die Champions League als Weltmeisterschaft der besten Clubs präsentiert. Das hat mit dem Bosman-Urteil begonnen und der Personenfreizügigkeit. Dadurch können Vereine Spieler aus ganz Europa und der ganzen Welt verpflichten und diese nicht mehr unbeschränkt binden. Man kann sich fragen, ob moderne Topclubs nicht per se schon entwurzelt sind. Wir spielen ja manchmal gegen Mannschaften, in denen kein einziger Spieler aus dem Land stammt, in dem der Club beheimatet ist.

«Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, was die Zukunft der Champions League betrifft.»

Bereitet sich der FCB darauf vor, dass er ab 2021 ohne Champions League auskommen muss, weil sich eine Superliga bilden wird?
Das kann man noch nicht beantworten, weil es in Europa starke Kräfte gibt, die momentan eher ihre nationale Liga stärken wollen. Die Premier League oder auch die spanische Liga, die durch die Blume zu verstehen gegeben hat, dass sie Terminkollisionen mit der Champions League in Kauf nehmen würde. Das ist ja schon fast eine Kriegserklärung. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, was die Zukunft der Champions League betrifft.

Kann der FCB da mitreden?
Natürlich bin ich in der einen oder anderen Kommission. Aber niemand wartet darauf, was der FCB sagt.

Es gibt hinter den Kulissen Bestrebungen von Investoren, neue europäische Clubwettbewerbe zu gründen. Sind Sie auch schon angefragt worden, ob der FCB bei so etwas mitmachen will?
Bis Ende 2017 soll klar sein, wie der Europacup 2021 aussehen soll. Natürlich muss man sich jetzt überlegen, wie man sich positionieren soll. Auch als Liga. Ich bin froh, dass die Swiss Football League bei allen Gesprächen dabei ist, die andere Ligen führen. Wir dürfen auf keinen Fall den Zug verpassen. Denn es werden einige Züge abfahren.

Welche?
Solche, die interessante Möglichkeiten eröffnen werden. Ich habe nicht die geringste Sorge um den internationalen Fussball ab dem Jahr 2021. Auch nicht aus Schweizer Sicht. Wenn sich die aktuelle Entwicklung weiter akzentuiert, dann kann es sein, dass ein Spiel zwischen dem FC Basel und Real Madrid irgendwann sportlich sowieso nicht mehr attraktiv ist, weil die Stärkeverhältnisse zu klar sind. Dann ist es vielleicht interessanter, wenn wir uns mit dem Meister von Holland oder Belgien messen. Wer weiss.

«Attraktiv ist nicht das Spiel gegen einen riesengrossen Namen, attraktiv ist der enge Wettbewerb.»

Da sind wir bei dem deutschen Nationalspieler Thomas Müller, der die Partie gegen San Marino als unnötig bezeichnet.
Spannend war, wie heftig darauf reagiert wurde. Vor ein paar Jahren hätte man das vielleicht noch achselzuckend zur Kenntnis genommen. Aber heute haben viele Leute Angst, dass sich der Fussball auf Topniveau von seiner Basis komplett abkoppelt. Eine andere viel beachtete Aussage war jene von Paul Scholes, er schaue keine Premier League mehr, sondern nur noch tiefere Ligen. Vielleicht kommt der Moment, in dem die Leute sagen: Attraktiv ist nicht das Spiel gegen einen riesengrossen Namen, attraktiv ist der enge Wettbewerb.

Doch der St.-Jakob-Park ist dann voll, wenn grosse Namen kommen. Und nicht, wenn es sportlich eng ist.
Es gibt einen Stamm, der genau weiss, warum er kommt: Man will den FCB im sportlichen Wettkampf gegen einen internationalen Gegner sehen – egal, gegen wen. Das sind zwischen 15'000 und 20'000 Menschen. Wenn wir 35 000 Zuschauer haben und volle VIP-Logen, dann in jenen Spielen, bei denen Wettbewerb und Gegner als besonders attraktiv empfunden werden. Dann reisen Leute aus der ganzen Schweiz an. Klar, der Entertainmentfaktor ist gegen Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi tatsächlich höher.

Und wann weiss Urs Fischer, ob er im Sommer noch Trainer ist?
Das weiss er, seit er seinen Vertrag unterschrieben hat, das ist alles klar definiert. Und wenn wir über eine Vertragsveränderung oder sonst etwas reden, dann machen wir das mit ihm persönlich.

Also ist er es im Sommer noch?
Wir haben doch nicht den geringsten Anlass, über Veränderungen nachzudenken oder zu reden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.11.2016, 10:33 Uhr

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