«Wir können etwas Grossartiges erreichen»

YB-Trainer Adi Hütter erklärt, warum seine Mannschaft so gefestigt ist und gute Chancen hat, Meister zu werden.

Meister der Selbstkontrolle – und bald auch der Super League? YB-Trainer Adi Hütter. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Meister der Selbstkontrolle – und bald auch der Super League? YB-Trainer Adi Hütter. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

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Bereiten Sie sich auf ein längeres Interview vor?
Ich bin immer vorbereitet.

Immer?
Grundsätzlich schon. Die Vorbereitung, ob auf ein Spiel oder ein Interview, ist die halbe Miete.

Machen Sie sich Gedanken darüber, welche Botschaft Sie verbreiten möchten?
Das habe ich schon im Kopf.

Was möchten Sie uns vermitteln?
Warten wir das Gespräch ab. Natürlich wissen wir, dass wir bis jetzt eine gute Saison spielen. Und wir in der Lage sind, etwas Aussergewöhnliches zu erreichen.

Wie wichtig ist Ihnen die Aussendarstellung?
Sehr wichtig. Man darf nicht vergessen, welche Stellung der Trainer in einem Club wie YB hat. Er ist wahrscheinlich die Person, die am häufigsten in der Öffentlichkeit vorkommt. Ein Trainer muss sich bewusst sein, welchen Stellenwert er hat.

Wollen Sie keine Spuren hinterlassen?
Doch, doch. Wenn es geht, positive.

Sie könnten auch sagen, dass Ihnen egal ist, wie über Sie geredet wird.
Egal ist es mir nicht. Aber ich kann es nicht beeinflussen. Für mich ist grundsätzlich wichtig, dass wir immer wieder Botschaften nach aussen senden. Ich bin nicht der Trainer, der emotional Aus­sagen tätigt, die Stoff für zehn Geschichten liefern. Ob man auf Dauer mit zu viel Emotionalität in diesem Business überleben kann, weiss ich nicht. Ich will nicht zu viel Interpretationsspielraum lassen. Meine Erfahrung zeigt mir, dass ich mit meiner Art am meisten erreiche.

Also: Bloss nichts Falsches sagen?
Die Frage ist immer: Was ist falsch?

«Ich will den Leuten in Bern nicht als Grossmaul in Erinnerung bleiben.»

Was Ihnen schaden könnte oder dem Verein.
Es geht ausschliesslich darum, sachlich und positiv zu wirken.

Sie wirken sehr kontrolliert. Müssen Sie sich anstrengen, so zu sein?
Nein. Es ist ja nicht so, dass ich das erste Jahr Trainer bin. Ich glaube, dass ich ­authentisch bin und dass das, was ich nach aussen darstelle, nach innen nicht viel anders ist.

Treten Sie vor der Mannschaft nicht härter auf?
Das Spiel selbst ist mit wahnsinnig viel Emotionalität verbunden. Und trotzdem muss ich die richtige Tonlage finden. ­Natürlich kribbelt es auch manchmal. Aber die Grenzen dürfen nie überschritten werden. Die grössten Fehler riskiert man bei hohem Puls. Ich bin klar vor der Mannschaft, konstruktiv in der Kritik, ­lösungsorientiert. Wenn es sein muss, kann ich unangenehm und laut sein. Aber ich werde nicht mehr im Affekt handeln. Das machte ich am Anfang meiner Trainerkarriere, und das war nicht korrekt.

Wurden Sie einem Spieler gegenüber persönlich?
Ja. Dabei ist doch wichtig, dass man auch in der Enttäuschung die Leistung in den Vordergrund stellt. Es gibt einmal einen schlechten Tag, es kann auch sein, dass ich als Trainer enttäuscht bin von der Aussage eines Spielers in der ­Öffentlichkeit. Aber ich darf trotzdem nie den Menschen angreifen. Wenn das passiert, lässt sich das Verhältnis mit dem Spieler nur noch schwer kitten. Ich will den Leuten in Bern nicht als Grossmaul in Erinnerung bleiben, als einer, der immer gute Sprüche geliefert hat . . .

. . . und nichts gewonnen hat?
(lacht) Mein Ziel ist es, dass man sagt: Das war ein Trainer, der uns weitergeholfen hat, der Spuren hinterlassen hat, der menschlich gut gewesen ist.

Sie könnten jetzt doch gut den Meistertitel versprechen.
Wenn ich etwas verspreche, halte ich es auch ein. Aber den Titel versprechen? Das kann ich nicht. Dass wir Meister werden wollen, kann ich nicht abstreiten. Sonst wären wir fehl am Platz.

Im Moment sieht es gut aus.
Am Sonntag haben wir die Hälfte der Saison absolviert. Und wir werden noch immer Erster sein. Aber entschieden wird alles im Frühjahr. Ich habe zu viel Respekt vor allen anderen Mannschaften, nicht nur vor dem FC Basel. Wir ­haben noch nichts erreicht. Das ist Fakt. Noch nichts. Oder haben wir schon etwas erreicht?

YB hat Erwartungen geschürt.
Eine gute Ausgangsposition erreicht – das haben wir. Wir stehen im Cup-Halbfinal. Super. Wir sind in der Meisterschaft Erster. Super. Aber wir haben noch nichts in Händen.

Wieso sind Sie eigentlich Trainer geworden?
Mittlerweile weiss ich es. Zu Beginn dachte ich: Okay, ich möchte es einfach probieren, ins Trainergeschäft einzusteigen. Um zu sehen: Kann ich umsetzen, was ich im Kopf habe? Nach zehn Jahren wage ich zu sagen, dass das eine gute Entscheidung gewesen ist. Weil ich das Gefühl habe, dass ich etwas bewegen kann. Mittlerweile habe ich etwa 375 Wettbewerbsspiele als Trainer erlebt. Wenn man das Geschäft nicht beherrscht, kommt man nicht auf diese Zahl. Es macht mir total Spass. Ich war unglaublich gern Spieler. Aber ich bin noch lieber Trainer.

Weil Sie nicht mehr rennen müssen?
(lacht) Nein, weil ich wesentlich mehr beeinflussen kann. Die Arbeit ist komplexer, ich muss entscheiden, ich kann beeinflussen, in welche Richtung es geht: nach oben oder nach unten. Natürlich kann man einmal Pech haben, aber auf Dauer kann man nicht nur Pech ­haben oder nicht nur Glück.

Fällt es Ihnen schwer, unpopuläre Entscheide zu treffen, sich von Spielern zu trennen etwa?
Rational gesehen nein, emotional gesehen schon. Das Wichtigste ist immer Klarheit, auch für den Spieler. Klarheit bedeutet: Wie sieht meine Situation aus? Plant man noch mit mir oder nicht?

Was hat der aktuelle Erfolg mit Ihnen zu tun?
Das müssen Sie jemand anderen fragen. Ich rede nicht gern über mich.

Versuchen wir es so: Was ist anders als im September vor zwei Jahren, als Sie zu YB kamen?
Die Mannschaft. Als ich nach Bern kam, sagte ich: Schwierig, die Spieler haben ja alle längerfristige Verträge als ich. Meine Aufgabe war, mit den vorhandenen Spielern das Bestmögliche herauszuholen. Aber so richtig beeinflusst ­haben wir das in diesem Sommer. Ein paar Spieler gaben wir ab, weil wir eine bestimmte Idee hatten. Wir wollten junge, hungrige, dynamische Spieler. Die haben wir gekriegt. Christoph Spycher als Sportchef und die Sportkommission haben einen Superjob gemacht. Alles, was wir bezüglich Kaderplanung besprochen hatten, wurde umgesetzt. Wir verpflichteten keinen einzigen, der älter ist als 23. (Er meint David von Ballmoos, Jordan Lotomba, Marco Bürki, Christian Fassnacht, Djibril Sow und Jean-Pierre Nsame.)

Sie wurden in Salzburg als Spieler Meister, als Trainer auch. Was braucht es, um den Titel zu holen?
Die mentale Stärke ist die Basis. Wir ­haben Qualität, wissen aber auch, dass wir nicht die Einzigen sind. Entscheidend ist in unserem Fall, dass wir weniger Aussetzer haben als in den vergangenen zwei Jahren. Es braucht Konstanz in den Leistungen, und ich glaube, dass wir diese Stabilität hinbekommen haben . . .

«Als ich anfing, war der etwas fehlende Hunger auf Erfolg das, was mich am meisten störte.»

. . . ausser gegen Thun.
Das kann passieren. Mich stört jede Niederlage, aber gerade jene in Thun ­zuletzt, die war verdient. Wenn wir im Winter die Leistungsträger halten ­können, und davon gehe ich auch aus, und wenn wir nach einer guten Vorbereitung erfolgreich in die Rückrunde starten, können wir etwas Grossartiges erreichen.

Wie äussert sich die neue Stabilität?
Zum Beispiel darin, dass wir es schafften, nachzulegen, wenn Basel in einer Runde vor uns gespielt und gewonnen hatte. Oder darin, dass wir beim FCB ein 0:1 ausgleichen. Es gab einige Momente, in denen ich merkte: Wir sind eindeutig gefestigter. Und: Unser Spiel ist nicht mehr nur auf Guillaume Hoarau aus­gerichtet, es ist nicht mehr so, dass wir vor allem dann siegen, wenn er dabei ist. Die Last des Toreschiessens ist auf viele Schultern verteilt.

Sind die Spieler in der Lage, mit den hohen Erwartungen umzugehen?
Davon bin ich überzeugt. Aber klar ist auch, dass es sich der FC Basel nicht ­gefallen lassen will, die Saison hinter uns beenden zu müssen.

Es gab bei YB schon Trainer, die Mühe hatten, wenn ein Pokalgewinn als Ziel definiert wurde.
So bin ich nicht. Und ich falle auch nicht gleich um, wenn wir einmal verlieren. Als ich 2015 zu YB kam, waren die Spieler . . . (bricht ab) Ich will jetzt nicht sagen, dass sie satt waren . . .

. . . aber vielleicht verwöhnt?
Wir kennen die Begriffe wie Wohlfühl­oase und Ähnliches. YB ist ein wunderbarer Verein, aber als ich hier anfing, war tatsächlich der etwas fehlende Hunger auf Erfolg das, was mich am meisten störte. Ich konnte das mit meiner Einstellung nicht vereinbaren. Deshalb entschieden wir schnell: Wir müssen etwas verändern. Es ist schön, ein Spiel zu gewinnen, aber das reicht mir nicht. Es geht darum, Titel zu holen. Und heuer ist diese Chance da. In den letzten Saisons war gegen den FC Basel nichts auszurichten. Er war überragend. Aber eben: Wir sind stabiler geworden.

Nur das Abschneiden in der Europa League ist kein Ruhmesblatt.
Wir haben doch gestern (am Donnerstag gegen Skenderbeu) ein Superspiel abgeliefert, gewonnen, alle sind happy (lacht). Nein, natürlich sind wir das nicht.

Wie reagieren Sie, wenn Basel in der Champions League die Achtelfinals erreicht?
Wer jemandem den Erfolg nicht gönnt, wird selbst nie Erfolg haben. Ich sitze nicht vor dem Fernseher in der Hoffnung, dass Basel in der Champions League verliert. Ganz im Gegenteil. Weil es nicht um die Rivalität in der Liga geht, sondern um das Standing des gesamten Schweizer Fussballs. Ich respektiere das sehr, was die Basler geschafft haben.

Erstellt: 09.12.2017, 00:06 Uhr

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