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«Wir müssen das Team verteidigen»

GC-Trainer Pierluigi Tami hat aus seinen ersten zwei Jahren in Zürich gelernt, dass wertvolle Spieler nicht während der Saison abgegeben werden dürfen. Für die Rückrunde ist er in einem Dauerdilemma.

«Wir dürfen keine zu grossen Versprechen abgeben»: GC-Trainer Pierluigi Tami. Foto: Doris Fanconi
«Wir dürfen keine zu grossen Versprechen abgeben»: GC-Trainer Pierluigi Tami. Foto: Doris Fanconi

Draussen sieht es aus, als würden für Langläufer Loipen präpariert. Dabei ist der Platzwart auf dem GC-Campus ­daran, den Kunstrasen vom Schnee zu befreien, um der ersten Mannschaft ein Training zu ermöglichen. Pierluigi Tami sitzt in einem Sitzungszimmer, hat die Beine übereinandergeschlagen und schaut hinaus in die Winterlandschaft. Bis am Wochenende muss er noch ­improvisieren, dann ist er die Sorge los, ob ein tauglicher Platz zur Verfügung steht: Der 55-Jährige reist am Montag mit seinen Spielern für neun Tage nach ­Benidorm in Spanien. Zuvor redet er über seine bisherige Zeit bei GC, die Notwendigkeit von Transfers und eine Forderung des Präsidenten.

Seine BilanzDas Auf und Ab

Vor zwei Jahren fing alles an mit ihm und GC, mit dem vorherigen Schweizer U-21-Coach und einem Club in einem schlechten wirtschaftlichen Zustand, platziert im sportlichen Niemandsland. Als Pierluigi Tami antrat, versprach er: «Ich werde einen guten Job machen.»

Nun zieht er eine Zwischenbilanz, und das hört sich an wie ein Auf und Ab: ein schwieriger Start mit drei Niederlagen; eine erste Hälfte der Saison 2015/16 mit regelmässigem Spektakel, Platz 2 hinter dem FC Basel, «wir transportierten die hervorragende Stimmung in der Mannschaft auf den Platz»; die schwierige Fortsetzung in der Rückrunde, «in der wir ein paar Fehler machten», sagt der Coach. Und beschreibt den grössten: «Die Gruppe hätte zusammenbleiben müssen.» Daraus hat er eine Lehre gezogen: «Künftig müssen wir unser Team verteidigen, besser als bisher.» Das heisst: Wertvolle Spieler wie Ravet dürfen nicht mehr mitten in der Saison ­abgegeben werden. «So etwas hat sofort einen negativen Einfluss auf die Stimmung.» Das drückte sich etwa in Munas Dabburs Unzufriedenheit aus, die sich über Monate hinzog.

Seine RolleDie Kehrseite der guten Arbeit

Vor Weihnachten erklärte GC-Präsident Stephan Anliker, die Rückrunde müsse besser werden: «Das ist kein Wunsch, sondern eine Forderung.» Anliker dachte an den Europacup – sieben Punkte liegt GC hinter dem vierten Rang und Luzern zurück. Gleichzeitig sagte Tami, man sei auf gutem Weg, aber er erhoffe sich zwei neue Spieler – «die braucht es, wenn man der Mannschaft helfen will». Und die braucht es, um den 34-jährigen schwedischen Captain Kim Källström zu entlasten.

Nur sieht es derzeit nicht danach aus, als gäbe es Bewegungen auf der Transferebene, weil schlicht das Geld fehlt. Ein Trio aus dem Nachwuchs bestreitet die Vorbereitung mit den Profis, aber das ist nicht das, was der Coach unter Soforthilfe versteht. Und wenn sich daran nichts ändere, werde der Prozess länger dauern. Europa-League-Plätze zu fordern, das ist für Tami daher nicht zielführend. «Dabei würden Arrivierte alle anderen um ein paar Prozente besser machen», sagt er, «alle», und fährt mit der Hand über die Mannschaftsliste, die vor ihm auf dem Tisch liegt.

Tami steckt in einem Dauerdilemma. Liefert er gute Arbeit, werden die Besten verkauft, und er muss praktisch wieder vorne beginnen. Und das alles mit der unangenehmen Begleiterscheinung, dass das eingenommene Geld nicht für Zuzüge, sondern für den Abbau des ­Defizits verwendet wird.

Sein AnspruchDer Blick nach oben

Es gab eine Zeit, da leuchteten Tamis ­Augen, wenn er über seine Mannschaft sprechen konnte. Kombinationen, Ballstafetten und wunderbare Tore versüssten ihm die Pressekonferenzen. In den jüngsten Monaten war das anders, gelegentlich wirkte er etwas hilflos, wenn er über seine Spieler sprechen musste – es schien zuweilen, diese würden seine Ideen nicht begreifen.

Glaubt man Tami, hat sich das inzwischen geändert: «Uns fehlt wenig, damit wir nach oben schauen dürfen.» Trotzdem dürfe man sich in einer Zehnerliga nicht in Sicherheit wiegen.

Als wichtigen Faktor in seinem Konzept für die Rückrunde sieht er Lucas Andersen. Der 22-jährige Däne wird erstmals eine komplette Vorbereitung mit den Zürchern absolvieren und hatte ­zuletzt gezeigt, dass er aus den durchzogenen ersten Partien gelernt hat. «Ich erwarte viel von ihm.» Tami hat ein Flair für offensiven Fussball, das bemerkt er gerne, doch die Statistik sagt: GC schiesst kaum Tore. Vor einem Jahr waren es in der Vorrunde 46, heute sind es lediglich 26. Es fehlen 20 Treffer. «Wir haben in ­jedem Spiel genug Chancen, aber noch nicht die nötige Effizienz», sagt Tami.

Seine MannschaftDie Furcht vor Verletzungen

Tami kennt die Eigenarten seiner Mannschaft. Er merkt, wenn es ihr blendend geht, er spürt auch, wenn sie abgelenkt ist. Vor der Saison war das so. Wenn er in der Kabine auftauchte, bekam er die Diskussionen und Zweifel der Spieler über Abgänge und fehlenden Ersatz mit: Hat der Verein seine sportlichen Ambitionen verloren?

In der Vorrunde gab es für Pierluigi Tami kaum einmal einen Härtefall, wenn er das Aufgebot für ein Spiel zusammenstellte. Sein Kader umfasst 22 Fussballer, kein Team der Super League sei schmaler besetzt – das betont er. So füllt sich das Matchblatt jeweils von alleine. «Der Konkurrenzkampf findet bei uns nicht so statt, wie ich mir das vorstelle. Dabei ­fördert dieser Druck die Leistung», sagt Tami. Zudem komme bei GC ein Risiko dazu: «Sollte einmal mehr als nur einer verletzungsbedingt ausfallen, dann könnten wir in Schwierigkeiten geraten.»

Mit seinen Spielern ist er zufrieden. «Das sind alles gute Typen mit gutem Charakter.» Doch viele von ihnen sind noch jung und unerfahren. «Es geht oft vergessen, dass jeder seinen eigenen Reifeprozess hat. Shani Tarashaj etwa war drei Jahre in der ersten Mannschaft.»

Erst im dritten gelang ihm der Durchbruch. Oder Jan Bamert, der einen Herbst mit schwankenden Leistungen hinter sich hat. «Verschiedene Dinge wie beispielsweise die Fahrprüfung» hätten ihn abgelenkt, glaubt Tami und wird dann grundsätzlich: «Die Jungen müssen lernen, was es heisst, Profi zu sein. Sie müssen wissen: Um einem Caio den Platz streitig zu machen, braucht es viel, sehr viel.»

Seine ZukunftDie offene Kommunikation

Vor einem Jahr hat Tami den Vertrag bis 2019 verlängert. Es gab Gerüchte, ­wonach Bundesligisten an ihm interessiert seien, aber er bekannte sich zu GC. Raubt ihm der Stillstand nicht irgendwann die Lust an der Arbeit? Hat er nicht irgendwann genug, ständig und vergeblich um Verstärkungen zu betteln? Er schüttelt den Kopf: «Ich kenne die Verhältnisse von GC und identifiziere mich mit dem Club.» Und doch ist ihm offene Kommunikation wichtig, gerade auch dem Fan gegenüber. Der Tessiner sagt zwar: «Der Präsident hat das Recht, zu sagen, dass er bessere Resultate möchte.» Aber er fügt auch an: «Wir dürfen keine zu grossen Versprechen abgeben.» Tami meint, die Voraussetzungen dafür müssten erst erfüllt sein.

Trotzdem nochmals: Wie lange bleibt er noch GC-Trainer? «Mit dieser Frage beschäftige ich mich nicht, mich interessiert nur die Gegenwart.» Er schaut auf die Uhr, steht auf und kümmert sich ­darum, wo er mit seiner Mannschaft trainieren kann.

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