«Wir sind der FC Bayern der Schweiz»

Caroline Abbé empfängt mit dem FC Zürich in der Champions League heute ihren früheren Verein Bayern München. Dieser ist Favorit, doch Abbé sagt: «In Zürich ist der Druck grösser als in München.»

Zürich statt München, Amateurin statt Profi – Caroline Abbé im Heerenschürli. Bild: Tom Egli

Zürich statt München, Amateurin statt Profi – Caroline Abbé im Heerenschürli. Bild: Tom Egli

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Die meisten kennen Bayern München als Rekordmeister, als Krösus, als fast unschlagbare Maschine. Gilt das für die Frauen-Abteilung auch?
Bayern hat den Namen, das merkt man einfach. Wenn wir auswärts spielten, hatte es automatisch mehr Zuschauer, weil wir halt Bayern München waren. Und ein Sieg gegen uns löste grossen Jubel aus. Als ich früher jemandem sagte, ich spiele bei Freiburg, hiess es: «Cool.» Als ich später sagen konnte, ich sei bei den Bayern, kam als Reaktion plötzlich: «Wow!»

Als Bayern-Spielerin fühlt man sich besonders?
Na ja, ich konnte das immer gut einschätzen. Bayern ist bei den Frauen nicht, was es bei den Männern ist. Teams wie Wolfsburg, Frankfurt oder Potsdam haben im deutschen Frauenfussball mehr Titel gewonnen und standen deshalb immer eher im Mittelpunkt. Und ein Verein wie Wolfsburg hatte lange Zeit auch viel mehr finanzielle Mittel.

Also fristen die Frauen bei den Bayern ein Mauerblümchen­dasein?
Natürlich gibt es nicht so viel Geld wie bei anderen Vereinen, aber der Bayern-Vorstand unterstützt die Frauen schon. Sie dürfen auch den neuen Campus im Norden der Stadt mitbenützen, den der Club für die Nachwuchsmannschaften gebaut hat. Da bieten sich erstklassige Trainingsbedingungen. Und als wir zweimal im selben Jahr wie die Männer Meister wurden, hat Uli Hoeness jeweils auch uns zur Feier an den Tegernsee eingeladen. Hoeness kam auch regelmässig zu unseren Spielen.

Kamen auch Spieler?
Ja, auch. Ich erinnere mich, dass Rafinha einmal da war und Javi Martinez.

Xherdan Shaqiri? Ein Jahr lang, von 2014 bis 2015, waren Sie ja mit ihm bei Bayern.
Kontakt hatten wir keinen. Aber vielleicht hat er ja trotzdem verfolgt, wie wir spielen. Wir durften im Trainingszentrum an der Säbener Strasse die Kantine mitbenützen, und nach einem Sieg bekamen wir immer Rückmeldungen. Da merkte ich schon, dass wir im Club etwas zählten.

Spürten Sie das auch finanziell?
Ich konnte jedenfalls immer Vollprofi sein, das gilt für meine ganzen sechs Jahre in der Bundes­liga. Nicht überall geht das.

Die Lohndifferenz zu den männlichen Bayern-Stars war ja sicher sehr, sehr beträchtlich.
Ich spiele aus Leidenschaft und nicht wegen des Geldes. Fussball ist für mich kein Business.

Aber Ihr Beruf eben schon.
Mir hat es immer genügt, so viel Geld zu verdienen, dass es zum Leben reicht. In der Bundesliga ist das zum Glück möglich.

Neid auf die Männer kam bei Ihnen nie auf?
Klar wäre es schön, mehr zu verdienen. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir mindestens so viel trainierten wie die Männer und trotzdem viel weniger verdienten. Aber ich war immer glücklich mit dem, was ich erhielt.

2017 verliessen Sie die Bayern und wechselten zum FCZ in die bescheidene Schweizer Liga. War das kein Schock?
Ein Schock war es eher, nach sechs Jahren als Profi wieder ins Büro arbeiten zu gehen. (lacht) Natürlich gibt es einen Unterschied. Doch auch wenn beim FCZ Profitum nicht möglich ist, ist das Niveau gut. In der Schweiz sind wir der Rekordmeister, das Mass der Dinge, und alle wollen gegen uns gewinnen. Wir sind etwas wie das Bayern München der Schweiz. Ich spüre beim FCZ fast mehr Druck als noch in München. Schliesslich wollen wir auch in dieser Saison das Double gewinnen. Das ist eine schöne Herausforderung.

Wieso wollten Sie nicht länger Profi sein?
Ich habe gespürt, dass ich einen Wandel brauche, und wollte wieder ein normales Leben haben. In einem gewissen Alter muss man wissen, wann es genug ist. Und da ich nicht mit 40 an Krücken gehen wollte, habe ich auf meinen Körper gehört. Die Belastung in der Bundesliga war gross. Jetzt ist die Intensität nicht zu vergleichen.

Seit 2011, Ihrem Weggang von Yverdon nach Freiburg, ist einiges passiert im Schweizer Frauenfussball. Erkennen Sie Fortschritte?
Ich finde, dass die Jungen deutlich besser ausgebildet sind. Wir haben jetzt auch Erfolge mit den Nationalteams der U-17 oder U-19. Und es gibt klar mehr junge Spielerinnen in der Liga. ­Sicher könnte sich der Frauenfussball noch viel mehr entwickeln, aber man sieht Fortschritte, das Niveau ist besser als 2011.

Und die Wertschätzung?
Gerade in Zürich haben die Erfolge geholfen. Für die grossen Partien dürfen wir in den Letzi­grund, Ancillo Canepa verfolgt die Spiele. In der ersten Runde der Champions League war seine Frau Heliane im Stadion und, was mich sehr gefreut hat, die gesamte Juniorenabteilung. Das ist schon Wertschätzung. Auch wenn mir nicht gefällt, wenn der Verein das Budget reduziert. Es ist ein ständiger Kampf.

Nun spielt der FCZ ausgerechnet gegen Bayern. Haben Sie persönlich darauf gehofft?
Ja und nein, denn es ist ein schwieriger Gegner. Aber wir hätten in jedem Fall ein hartes Los erhalten. Für mich ist das Spiel natürlich speziell, und ich freue mich sehr, meine früheren Teamkolleginnen wiederzusehen.

Bei den Männern würde man sagen, dass der FCZ von zehn Duellen mit Bayern München eines gewinnt. Ist das Kräfteverhältnis bei den Frauen ähnlich deutlich?
Vermutlich verlieren auch wir von zehn Spielen neun. Bayern ist klar der Favorit, aber es ist nicht unschlagbar. Auch Bayern-Spielerinnen sind Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen. (lacht) Aber es braucht höchste Konzentration. Wenn wir zwei perfekte Tage haben und sie zwei weniger gute, ist vieles möglich.

Ein Weiterkommen wäre ...?
Eine Sensation. Wir geben aber alles, um sie zu realisieren.

Erstellt: 17.10.2018, 16:07 Uhr

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