Wo Fans den Club führen und Präsidenten jauchzen

Für viele ist die 1. Qualifikationsrunde tiefe Fussballprovinz. Für manche aber ist sie ein Highlight.

Balzans Captain und Präsident feiern den Cupsieg. (Bild: Imago)

Balzans Captain und Präsident feiern den Cupsieg. (Bild: Imago)

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Für die meisten tönt das nicht nach grosser Fussballwelt: Cork, Bukarest, Turku, Laci, Balzan. Für diese Clubs ist der Europacup aber genau das. Auch wenn es nur die Qualifikation zur Europa League ist, 1. Runde. Was für die einen wie tiefste Provinz wirkt, ist für andere eine unvergessliche Gelegenheit. Denn selbst wenn 3000 statt 30'000 im Stadion sitzen, tönt die Hymne der Grossen gut.

Die Iren von Cork City: Der Club, der den Fans gehört

Die Probleme kamen mit der Post. Im April 2007 erhielt der Cork City FC einen Brief von der Fifa. Inhalt: Der Verein darf beide seiner Zuzüge nicht einsetzen, weil diese in den zwei Monaten zuvor bereits für zwei andere Clubs gespielt haben. Die Fifa änderte die Regel zwar ein Jahr später, doch Cork City stand nun ohne zwei Spieler da, mit denen es gerechnet hatte. Und das war erst der Anfang. Im gleichen Jahr folgten die Übernahme durch ein Risikokapital-Unternehmen und ein Insolvenzverfahren. In der Folge wurde die Clubgeschichte von Gerichtsterminen und Verfahren geprägt. Alles gipfelte im Lizenzentzug durch die Liga und in einem Auflösungsbeschluss. Das war den Fans zu viel.

Zurück an der Spitze: Das Team von Cork City feierte 2017 den irischen Pokalsieg. (Bild: Andrew Surma/NurPhoto via Getty Images)

2010 gründeten sie den Cork City Foras Co-op und stiegen in Irlands 2. Liga ein. Foras – das steht für Friends of the Rebel Army Society. Einige Monate später erhielten sie den alten Namen und damit auch das Vermächtnis des alten Clubs zugesprochen. In der Folge tourten sie durchs Land und hielten Vorträge, wie sie den Club zu führen gedenken: Für 10 Euro pro Monat kann man Mitbesitzer werden. Wer länger als ein Jahr dabei ist, kann sich in den Verwaltungsrat wählen lassen. Und es funktionierte. Noch heute sind die Fans Besitzer des Clubs, der mittlerweile wieder in der ersten Liga spielt und vor zwei Jahren die Meisterschaft gewann. Und für das Hinspiel gegen Progrès Niederkorn aus Luxemburg kamen über 3000 Besitzerfans ins Stadion.

Die Rumänen vom FCSB: Von Ed Sheeran verdrängt

Der Fotbal Club FCSB, früher auch einmal unter dem Namen Steaua Bukarest bekannt (und erfolgreich), hat eine schöne Arena. 2012 war das Nationalstadion Bühne für den Europa-League-Final. Doch die schöne Arena bedeutet auch, dass der Fotbal Club FCSB manchmal aus ihr weggeschickt wird. In diesem Sommer darf er zwei Monate nicht in sein Daheim. Zuerst ist Ed Sheeran zu Besuch und dann Metallica.

Ein schmuckes Daheim: Das Stadion vom Fotbal Club FCSB fasst rund 55'000 Zuschauer – manchmal auch Konzertfans. (Bild: Robert Ghement)

Schon im letzten Jahr musste der FCSB fünf Heimspiele in der Fremde bestreiten. Auch das Hinspiel in der Europa-League-Qualifikation gegen Milsami ­Orhei aus Moldau wurde im rund 70 km entfernten Giurgiu ausgetragen. Und das ist noch nicht alles. Weil im Nationalstadion auch vier Spiele der EM 2020 stattfinden werden, wird irgendwann die Uefa anklopfen und die Stätte für sich in Anspruch nehmen. Dem Fotbal Club FCSB bleibt nichts anderes übrig, als sich im Exil heimisch einzurichten.

Die Albaner vom KF Laci: Die unerreichte Krönung

Wenn sie ehrlich sind im albanischen Lac, dann müssen sie wohl zugeben: Die Saison war bestenfalls durchschnittlich. Von den 36 Spielen der Superliga wurden nur 12 gewonnen, am Ende stand Platz 6. Zwei Trainer waren während der Saison zurückgetreten. Und trotzdem spielt der KF Laci nun europäisch.

Trotz durchschnittlicher Saison spielen sie europäisch: Das Team von KF Laci.

In Albanien qualifiziert sich der Erste für die Champions-League-Qualifikation, Platz 2 und 3 bedeuten Europa League. Nun war aber das zweitplatzierte Kukesi schon als Cupsieger qualifiziert. Also rückte Skenderbeu auf Platz 4 nach. Eigentlich. Doch Skenderbeu war von der Uefa wegen Wettbetrugs gesperrt worden. Der nächste Profiteur, das fünftplatzierte Flamutari, hatte die Uefa-Lizenz gar nicht erst erhalten. Und so kam Laci trotz der verkorksten Saison zum Zug und hat noch Chancen aufs Weiterkommen. Im Hinspiel gegen Be’er Sheva (ISR) gab es ein 1:1.

Die Finnen von Inter Turku: Ein Team für den Sohn

Wenn es nach der Zeitrechnung von Traditionsvereinen geht, dann ist der FC Inter Turku ein Jüngling. 1990 steht als Gründungsdatum in seinem Wappen, und auch dieses gibt es eigentlich nur, weil Stefan Håkans Sohn in kein anderes Team aufgenommen wurde. Der Geschäftsführer einer Abschlepp- und Bergungsfirma gründete darum kurzerhand selbst ein Team. Die Firma stieg als Sponsor ein, zwei Jahre später begannen sie in der vierten finnischen Liga zu spielen.

Jubel im Auswärtssektor: Die wenigen Fans von Inter Turlu feiern den Auswärtstreffer im Hinspiel gegen den FC Bröndy. (Bild: Jan Christensen / FrontzoneSport via Getty Images)

1996 waren sie in der ersten Liga angekommen. Seither wurde Inter Turku einmal Meister (2008) und zweimal Cupsieger (2009 und im letzten Jahr) und steht nun zum fünften Mal in der Vereinsgeschichte im Europacup, wo es zum nordischen Derby gegen den FC Bröndby aus Kopenhagen kommt (Hinspiel 1:4).

Die Malteser vom Balzan FC: Der glückliche Präsident

Die erste Geschichte von Anton Tagliaferro und dem FC Balzan beginnt in seiner Kindheit. Aufgewachsen in Malta, spielte er für den Club, ehe er nach London ging, um Wirtschaft zu studieren. Er machte im Finanzsektor Karriere und gründete in Australien eine Investmentfirma.

Die zweite Geschichte von Anton Tagliaferro und dem FC Balzan beginnt mit Ferien in der Heimat. Es war vor 11 Jahren, als er wieder einmal im Clubhaus vorbeischaute – und den Mann traf, der ihn vor 30 Jahren coachte. Als ihm dieser erzählte, wie schlecht es um den Club stand, hatte Tagliaferro nur eine Frage: «Wie kann ich helfen?»

So wurde er Präsident, und seit 2010 ist Balzan wieder in der obersten maltesischen Liga. Doch etwas fehlte seit je: Nie gewann der Club eine Trophäe. 2016 verlor er den Cupfinal, 2017 und 2018 wurde er Zweiter, und am Ende der vergangenen Saison verlor er auch im Supercup.

Die nächste Chance kam am 12. Mai, Balzan spielte im Cupfinal. 2:2 stand es da nach 90 Minuten, doch als La Valetta 4:2 in Führung ging, schien alles einmal mehr vorbei. Aber irgendwie kam Balzan zurück, glich in den letzten fünf Minuten aus, gewann das Penaltyschiessen – und katapultierte seinen Präsidenten in einen Freudentaumel. Genau das war es, was er wollte, als er seinen Jugendverein übernahm: Glücksgefühle. Denn Tagliaferro war von Anfang an klar, dass er nie Geld verdienen würde mit dem Club. «Weisst du, wie man am schnellsten aus einem Milliardär einen Millionär macht?», fragt er gerne. «Schau, dass er einen Fussballclub kauft.»

Erstellt: 17.07.2019, 14:26 Uhr

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