«Wofür brauchen wir eine so grosse Fifa?»

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin über Mega-Transfers, Spielerberater und die Rivalität zum Weltverband.

«Wir sind finanziell dreimal grösser als die Fifa»: Uefa-Chef Aleksander Ceferin an einem Kongress in Athen. Bild: Keystone

«Wir sind finanziell dreimal grösser als die Fifa»: Uefa-Chef Aleksander Ceferin an einem Kongress in Athen. Bild: Keystone

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Financial Fairplay – das tönt gut. Doch kann die Regelung, dass die Clubs ausgeglichene Bilanzen vorweisen müssen, überhaupt funktionieren? Sie fanden bisher dazu starke Worte, aber was können Sie wirklich tun? Gibt es überhaupt eine Chance, den freien Sportmarkt zu bändigen?
Wir reden über zwei Dinge. Einmal das Financial Fairplay, das gut funktioniert: Du kannst nicht mehr ausgeben, als du in der nächsten Saison verdienst. Da untersuchen wir einige Fälle. Das Zweite ist die Ungleichheit im Wettkampf.

Und wie wollen Sie da Ernst ­machen?
Wir planen einiges. Etwa, die Grösse der Spielerkader zu limitieren. Manche Clubs haben bis zu 100 Profis registriert. Ein Club aus einem der grössten Märkte in Europa hat 56 Spieler ausgeliehen. Zu viele werden nur gekauft, um andere Teams zu schwächen.

«Wir brauchen etwas Ähnliches wie eine ­Luxussteuer»

Was genau streben Sie an?
Das klären wir jetzt. Ob wir es limitieren oder die Ausleihen ganz verbieten können. Ich spreche bereits mit Stakeholdern und wichtigen EU-Politikern.

Mit wem sprechen Sie konkret ­ und worüber?
Es gibt noch nichts Offizielles. Am wichtigsten ist, dass alle Beteiligten mit uns ziehen, Ligen, Clubs, und nicht immer nur reden über die Wettbewerbsgleichheit. Sie sagen, die Uefa soll etwas tun – sie müssen auch was tun! Ich lade alle hierher ein und erkläre: Wir haben ja schon Kader-Begrenzungen, 25 Spieler für die Champions League. Aber ihr habt das nicht in der Mehrheit der nationalen Ligen! Dasselbe gilt für die Ausleihen: Wenn das nicht alle auch national begrenzen, hat es keinen Sinn.

Die EU verbietet Regierungen und Staaten, Geld in die Privatindustrie zu geben. Im Fussball­geschäft treten aber Länder wie Katar auf und pumpen enorme Gelder aus staatlichen Kassen in Clubs und Spieler. Warum nicht so ein Verbot? Das stünde in Einklang mit EU-Recht.
Wir haben das schon, als Teil des Financial Fairplay. Wenn du 300 Millionen ausgibst und kriegst dann 300 Millionen von einem Staat, zählt das nicht. Eine Sponsorzahlung muss kommerziell sein.

Bei Neymars 222-Millionen- Transfer von Barcelona zu Paris ­ St. Germain kam das Geld aber von Katar.
Das wird jetzt untersucht. Es wäre unfair, wenn ich es kommentierte. Wir haben alle Dokumente dazu und warten auf die Transferperiode im Januar. Das gilt generell im Financial Fairplay: Wenn Sie eine Million im August ausgeben und nehmen im Januar eine ein, ist alles okay. Wenn Sie aber eine Million ausgeben und beispielsweise die deutsche Regierung gibt ihnen eine Million, dann zählt das nicht.

Der 222-Millionen-Wechsel Neymars von Barcelona nach Paris wird von der Uefa untersucht. Foto: Getty Images

Will Paris keinen Ärger, könnte es im Januar also Superstürmer Cavani für 100 Millionen Euro verkaufen. Das würde helfen?
Das könnte natürlich helfen. Das gilt nicht nur für PSG, sondern für Bayern, Manchester United, Chelsea – für alle. Es ist die Regel mit den zwei Transfer­fenstern.

Im Gespräch ist auch ein Salary Cap. Aber gibt es nicht viele Wege, eine Gehaltsobergrenze zu umgehen?
Das befürchte ich auch. Ein klassischer Salary Cap sei derzeit aufgrund der ­EU-Gesetze nicht möglich, heisst es. Ausserdem funktioniert es nur in geschlossenen Ligen wie im US-Sport, mit 16 oder 20 Teams in einem Land. In unseren Wettbewerben wäre das schwierig. Wir brauchen etwas Ähnliches wie eine ­Luxussteuer: Du kannst mehr ausgeben als erlaubt, aber dann musst du eine Steuer darauf zahlen, und die wird unter all den anderen verteilt, die die Regel einhalten. Das könnte mit ­EU-Recht ­vereinbar sein, wir besprechen es direkt mit der EU-Kommission. Wir wollen ­keinen Fall vor Gericht ­verlieren.

«Wäre die EU wie die Uefa – wir würden in Europa besser leben.»

Wenn jemand Hunderte Millionen für einen Fussballer zahlt, verfolgt er damit doch ganz andere Ziele, als den Sport zu verbessern.
Es mögen verschiedene, sogar politische Ziele dahinterstehen. Der Versuch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Oder nur zu viel Geld, für das sich jemand ein Spielzeug kaufen will. Manche Leute tun das. Aber in den Topligen spielt nur ein Prozent der Profis. Und wir müssen alle fördern.

Der Champions-League-Sieger soll bald 150 Millionen Euro ­kassieren. Das forciert die Ungleichheit.
Richtig. Und trotzdem: Würde die EU wie die Uefa funktionieren, würden wir in Europa viel besser leben. Denn wir bei der Uefa verteilen 86 Prozent der Einnahmen. Und die Clubs in den Europacup-Wettbewerben kriegen 92 Prozent von dem, was wir dort generieren. Nur acht Prozent bleiben bei der Uefa.

Aber es geht um gerechtere ­Verteilung.
In Deutschland ist das schwer zu verstehen, doch ohne Hilfe der Uefa können kleinere und mittlere Länder den ­Laden dichtmachen. Aber wegen der Gelder aus den Clubwettbewerben müssen wir furchtbare Verteilerdebatten führen. Die Clubs interessiert nur, was sie kriegen. Die sagen, wir sind ­erfolgreich, und wer sich qualifiziert, kriegt Geld.

Und die Uefa kann nicht auf den Tisch hauen und sagen: Wir verteilen hier das Geld?
Wir könnten. Aber besser ist es, mit allen zu reden. Die fünf grossen Ligen Europas bringen 86 Prozent des Geldes – und kriegen 60 Prozent. Da wird natürlich dauernd diskutiert. Jetzt haben wir Clubs und Ligen in den Uefa-Vorstand aufgenommen, dort werden wir über die Verteilung reden. Das braucht Zeit, und wir müssen clever sein und ohne Streit diskutieren.

Ein Kernproblem sind auch die Spielerberater. Die dürfen absurde Beträge einstreichen, das begreift längst kein Mensch mehr.
Ja. Das wurde alles vom Weltverband, von der Fifa, dereguliert – die Agenten stehen unter deren Jurisdiktion. Das sind enorme Summen, die den Fussball verlassen. Es sind Milliarden.

Im bisherigen System haben Berater ein gewaltiges Interesse, ihre Spieler jedes Jahr weiterzuverkaufen.
Absolut. Die können tun, was sie wollen. Aber wir könnten das regulieren.

Die Uefa will diese Aufgabe also von der Fifa an sich ziehen?
Wir sind ein wichtiger Verband, finanziell dreimal grösser als die Fifa. Sie kann uns nicht einfach nur wie eine Konföderation behandeln. Wir haben bereits im Council der Fifa darauf bestanden, dass da etwas passiert. Man kann das regulieren, und wenn ein Spieler so verrückt ist, sein halbes Gehalt dem Berater zu schenken, ist es sein Problem. Aber es gibt Schlimmeres: Heute kann einfach jeder Agent sein – niemand kontrolliert das. Und was, wenn da kriminelle Kräfte einsteigen? Ich weiss nicht, warum die Fifa das dereguliert hat, aber es war kein guter Schachzug. Wir sollten das übernehmen – und den Transferbereich. Da geht alles so verdammt langsam, und es ist völlig unlogisch. Geht ein Spieler von Dortmund zu Bayern, ist der deutsche Fussball zuständig. Geht ein Spieler von Bayern zu Real, ist es die Fifa. Zuständig sollte in Europa aber die Uefa sein – und erst wenn einer von Bayern nach Shanghai geht, dann ist es die Sache der Fifa. Alle Konföderationspräsidenten, mit denen ich darüber gesprochen habe, stimmen mir da zu.

Auch die Fifa?
Wenn die Konföderationen einer Meinung sind, zieht sie mit.

Wenn wir in die nähere Zukunft schauen: Im Frühjahr steht die nächste grosse Vergabe an, die EM 2024. Kandidaten sind Deutschland und die Türkei.
Zwei grosse, wirtschaftlich starke Länder, grosse Verbände, gute Bewerbungen. Es ist fifty-fifty.

Wenn es fifty-fifty steht, entscheiden andere Dinge. Die Türkei wird in Osteuropa unterstützt. Und sie wird autokratisch regiert. Der frühere Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hat gesagt, es sei viel leichter, ein ­Turnier in Autokratien zu organisieren als in Demokratien. Hat er recht?
Das kann zwar nicht den Ausschlag für die Entscheidung geben, aber natürlich ist es einfacher, dorthin zu gehen, wo die Regierung alles macht, was du willst. Doch bei uns entscheidet die Exekutive, nicht wie bei der Fifa der gesamte Kongress. Eine Unterstützung durch Osteuropa wäre hier also nicht so gross, falls es so eine gibt. Ich habe beide Verbandschefs gebeten, mit mir nicht über die EM zu diskutieren.

Sie heben die neue Transparenz der Uefa hervor. Sie hat aber Gianni Infantino, den damaligen Uefa-Generalsekretär, in dessen Wahlkampf um den Fifa-Thron mit offiziell 500'000 Euro unterstützt. Am Ende war es dann angeblich eine Million – oder wurde noch mehr in Infantinos Kampagne ­gesteckt?
Es war ungefähr eine Million. Aber soweit ich weiss, hat die Uefa am Ende auch nicht mehr Infantinos volles Gehalt bezahlt. Wir schauen uns das an und werden es in etwa einem Monat wissen.

«Ich sage ja, die Uefa ist grösser als die Fifa.»

Finden Sie es gut, wenn Verbände Geld für Kandidaten bezahlen?
Für mich ist das nicht okay. Als ich antrat, zahlte ich alles selber.

Wie viel insgesamt?
Etwa 30'000 Euro. Es waren nur Reisen, das Drucken von Programmen und Presse­texten. Ich musste überallhin und dasselbe sagen, ziemlich ermüdend. Aber ich fände es nicht okay, wenn das der Verband bezahlt – für meine Position. Es ist ja mein Job, nicht der des Verbandes.

Die Fifa hat nicht mehr den Zusammenhalt wie unter Sepp Blatter, die Verbände streben auseinander. Gerade die Bande zwischen Fifa und Uefa sind nicht so gut.
Ich sage ja, die Uefa ist grösser als die Fifa. Wir ziehen es vor, unsere Arbeit hier zu machen.

Infantino hat keine starke Position. Auch Asien ist geschwächt, Afrikas Funktionäre spielen keine Rolle im Weltfussball, die Lateinamerikaner stellen sich neu auf. Nur die Uefa hat keine solchen Probleme. Müssen Sie da nicht über eine Kandidatur für die Fifa-Spitze 2020 nachdenken?
Daran bin ich nicht interessiert.

Ist es nicht Teil des Jobs, über absehbare Entwicklungen nachzudenken?
Doch. Für mich ist es der wichtigste Teil, über die Zukunft des Fussballs nachzudenken. Was den Weltfussball angeht, ist meine wichtigste Frage: Wie gross sollte die Fifa in Zukunft überhaupt sein? Wofür brauchen wir so eine riesige Organisation – für Transfers? Ich denke nicht. Brauchen wir sie für ethische Fragen? Ich glaube nicht. Wir brauchen sie vielleicht, um die WM zu organisieren. Aber können das die Konföderationen nicht auch? Sie könnten. Das Einzige, was ich nicht tun möchte, ist, über die Ausrichter der Weltmeisterschaft zu entscheiden. Denn das bringt dir die Polizei ins Haus (lacht). Den Teil würde ich der Fifa überlassen.

Erstellt: 29.09.2017, 22:19 Uhr

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Aleksander Ceferin (49) ist slowenischer Rechtsanwalt und seit einem Jahr Präsident der Uefa.

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