Worauf es für die Schweiz in der Barrage ankommt

Nach der Niederlage in Portugal sollten die Schweizer wissen, dass es jetzt vor allem um eines geht: Sie müssen mental bereit sein

Jetzt wird es eine Kopfsache für Vladimir Petkovic und seine Spieler.

Jetzt wird es eine Kopfsache für Vladimir Petkovic und seine Spieler. Bild: Keystone

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Von Alex Frei gibt es viele Zitate, weil er zu seiner Zeit als Schweizer Rekordtorschütze viel gesagt hat. Aber ein Zitat ist in ­Erinnerung, das perfekt zur aktuellen Situation des Nationalteams passt: «Manchmal fällt man hin im Leben. Man kann liegen bleiben oder kämpfen und wieder aufstehen. Champions stehen auf.»

Die Schweizer sind an diesem Dienstagabend in Lissabon hingefallen. Statt die direkte Qualifikation für die WM 2018 zu feiern, haben sie gegen Portugal 0:2 verloren und sich ein blaues Auge eingefangen. Sie sind daran erinnert worden, dass sie noch immer die Schweiz sind und kein Europameister wie Portugal.

Was ihnen bleibt, ist der Gang durch die Hintertür, um sich für Russland zu qualifizieren: die Barrage. Übermorgen Dienstag wird der Gegner dafür in Zürich ausgelost. Er heisst Nordirland, Irland, Schweden oder Griechenland.

Wenig charmante Gegner

Touristisch haben alle Länder ihren Charme, mit dem Giant’s Causeway, den Cliffs of Moher, den Schären-Inseln oder der Akropolis. Nur werden die Schweizer zwischen dem 9. und 14. November auf wenig charmante Gegner treffen. Sondern auf solche, die alle selbst ihre Chance wittern, an die WM zu kommen, die alle nur eines im Sinn haben: zu gewinnen (siehe Box rechts).

Was lässt sich dagegen ausrichten, Patrick Müller? Müller gehörte als ehemals eleganter Verteidiger zu der Generation, die das Hoch der Nationalmannschaft begründet hat. Im November 2005 war er dabei, als sie die legendäre Barrage gegen die Türkei bestreiten musste. Als sie in Istanbul beim Verlassen des Flugzeuges als ­Erstes Flughafenangestellte sahen, die auf ein Plakat geschrieben hatten: «Welcome to hell».

Auf die Frage, was für die Schweiz heute zu tun ist, sagt Müller: «Einfach gewinnen.» Pascal Zuberbühler stand ­damals im Tor, als die Schweiz in Istanbul 2:4 verlor und trotzdem weiterkam, weil sie das Heimspiel 2:0 gewonnen hatte. Jetzt, als aufmerksamer Beobachter des Nationalteams, sagt er: «Die Spieler müssen zeigen: Wir sind da! Wir sind bereit! Eine Barrage, das ist etwas völlig anderes als ein normales Gruppenspiel.»

Neun Spiele bestritten die Schweizer in der Gruppe B der WM-Qualifikation bis zum Abstecher nach Lissabon. 27:0 Punkte und 23:5 Tore hiess ihre eindrucksvolle Bilanz. Das 5:2 gegen Ungarn vor acht Tagen hatte sie in der ­Meinung bestärkt, für die Aufgabe bereit zu sein.

Die schmerzhaften Erkenntnisse von Lissabon

In Portugal war aber alles anders. Portugal war bereit, Portugal hatte Tempo im Spiel und Entschlossenheit in den Zweikämpfen. Und die Schweiz? Sie war der Aufgabe nicht gewachsen. Das ist die eine schmerzhafte Erkenntnis. Und die andere, genauso unerfreuliche: Sie war nicht fähig, auf den ersten Rückschlag, das 0:1 nach 41 Minuten, zu reagieren. Sie liess fortan alles mit sich geschehen. Das 0:2 war die Folge davon. Es hätte am Ende auch 0:3 stehen können. Oder 0:4.

Die Schweiz hatte seit über einem Jahr gewonnen und nur noch gewonnen. Sie war seit dem EM-Achtelfinal gegen Polen nie mehr gefordert, auf einen Rückstand zu reagieren. Mag gut sein, dass sie auch das verwöhnt und ihrer Kampfeslust beraubt hat. Der komfortable Sieg gegen Ungarn war in Lissabon jedenfalls nichts mehr wert. Vielleicht hätte ein Geknorze in dieser Partie die Sinne der Spieler für den Final vom Dienstag eher geschärft. Sie aber wollten sich auf das Spiel verlassen, das sie zu den neun Siegen geführt hatte. Sie waren sich zu siegessicher. Es war ein fataler Irrtum.

«Eine mentale Kiste»

Gefordert sind jetzt die Spieler, die Leistungsträger von Yann Sommer über Stephan Lichtsteiner, Granit Xhaka und Valon Behrami bis Xherdan Shaqiri. Gefordert ist keiner mehr natürlich als Trainer Vladimir Petkovic. «Er muss eine Riesenaufgabe bewältigen», sagt Zuberbühler, «es ist an ihm und seinen Mitarbeitern, die Spieler mental so vorzubereiten, dass sie am Tag X das abrufen, was für den Erfolg benötigt wird.»

Am Ende geht es für ihn um eines: um eine «mentale Kiste». Um eine Kopfsache. Der Umgang mit der Niederlage ist eine der ganz wichtigen Komponenten, wenn es um die Verpflichtung eines Trainers geht. Ottmar Hitzfeld ­beherrschte das. Darum wurde er ein Grosser seines Fachs. Petkovic, sein Nachfolger, muss jetzt beweisen, dass er diese Meisterschaft auch besitzt. Zumindest unter einem existenziellen Druck steht er nicht. Der Schweizer Verband hat den Vertrag mit ihm bereits um zwei Jahre bis 2019 verlängert.

Fussball spielen können die Schweizer. Sie haben viele souverän besiegt, die Andorras, Lettlands und Ungarns . Und wenn alles passt und der Gegner ohne Cristiano Ronaldo auskommen muss, können sie sich auch gegen Portugal durchsetzen wie im Hinspiel vor einem Jahr in Basel. Bis zu einem gewissen Niveau besitzen sie Klasse. Aber die Frage ist, ob sie es vom B- auch aufs A-Niveau schaffen. Und die Antwort ist bislang, trotz der vielen WM- und EM-Teilnahmen seit 2004: Nein, tun sie nicht. Der Extraschritt, den sie selbst von sich erwarten, das Vordringen in den Viertelfinal einer Endrunde, ist immer zu gross gewesen. Xherdan Shaqiri, individuell der begabteste Schweizer, spielt bei Stoke City. Cristiano Ronaldo, der Kopf Portugals, prägt Real Madrid. Das ist der Unterschied, der in Lissabon bis unters hohe Tribünendach spürbar geworden ist.

«Es ist wie auf dem Bolzplatz: Wer will mehr gewinnen?»

In einer Barrage treffen sich zwei Teams auf Augenhöhe. Das glaubt Benjamin Huggel, ein kluger Kopf, der 2005 in den Tumulten von Istanbul die Übersicht verlor und wegen seines Revancheaktes die folgende WM in Deutschland verpasste. Seit jenen Spielen weiss er: «Es geht schon auch um Taktik. Aber eigentlich geht es vor allem um Persönlichkeit, um die richtige Mentalität. Da ist es wie auf dem Bolzplatz. Wer will mehr gewinnen? Wer lehnt sich mehr gegen eine Niederlage auf?»

Der heutige Experte von SRF erinnert sich an Worte von Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger nach Deutschlands WM-Triumph von 2014, wonach die Hälfte einer Mannschaft aus Führungsspielern bestehen müsse. Das stimme, sagt er. Und Führungsspieler zu sein, bedeutet für ihn, dass man bereit ist, Widerstände zu überwinden.Was der Schweiz vor zwölf Jahren in der Türkei widerfuhr, die Provokationen am Flughafen, die Eier- und Steinwürfe gegen den Bus auf der Fahrt ins Hotel, die Ohrfeigen gegen Ricardo ­Cabanas auf dem Platz, die Münzenwürfe gegen Köbi Kuhn, den Tritt in den Unterleib von Stéphane Grichting auf dem Weg in die Kabine – «all das kannst du im Training nicht einstudieren», sagt Huggel.

Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich

Es könnte sich für die heutige Generation lohnen, mit jener von 2005 zu reden. Patrick Müller sagt: «Die Ausgangslage, der Druck, der Empfang in Istanbul, die Atmosphäre im Stadion, am Ende die Qualifikation – das ist eine der stärksten Erinnerungen meiner Karriere.»

In der Barrage ist es wie im Cup. Da geht es um alles oder nichts, «da musst du die Leistung auf den Punkt abrufen», betont Huggel. Er erinnert sich an die Worte, die Kuhn ihnen einmal sagte. Dass sie vor einem Spiel an die Leute denken sollten, die vor dem Fernseher mitfiebern. Das motivierte ihn, weil er als Knirps selbst vor dem Fernseher gesessen und mitgelitten hatte. Vielleicht findet auch Petkovic jetzt die richtigen Worte. Gut drei Wochen hat er Zeit, sie sich zu überlegen.

Dann geht es darum, einen kühlen Kopf zu bewahren, sich nicht auf Provokationen einzulassen. «Weil der Provokateur immer weniger hart bestraft wird als der, der auf die Provokation reagiert», sagt Huggel. «Weil eine Rote Karte alles kaputtmachen kann.»

Die Schweizer wollten in Lissabon mutig spielen, sie wollten stark in den Zweikämpfen sein. Sie waren weder das eine noch das andere. Sie hatten keinen, der auf dem Platz wirklich Verantwortung übernahm. Nächsten Monat müssen sie beweisen, dass sie als Mannschaft leben. «Sie sind gefordert, unter Druck Leistung zu bringen», sagt Stéphane Chapuisat, Alt-Internationaler und Champions-League-Sieger mit Dortmund 1997.

Der Optimismus der Spieler von früher

Aber eben, können sie das? «Ja», sagt Chapuisat. «Ich mache mir keine Sorgen um sie», sagt Müller. Und Zuberbühler: «Sie bringen alles mit, um diese Prüfung zu bestehen.» Und Huggel sagt: «Diese heutige Mannschaft hat sehr viel Persönlichkeit und eine gute Mentalität. Viele Spieler setzen sich für die Mannschaft ein, man spürt, dass sie miteinander gewachsen sind. Diese Barrage ist ihre grosse Prüfung, die sie bestehen müssen.»

Die Haudegen von früher sind optimistisch. Die Spieler von heute müssen beweisen, dass sie die Lektion vom Dienstag begriffen haben. Und wenn nicht, hat Petkovic den alternativen Plan schon entworfen. Unlängst hat er im «Tages-Anzeiger» gesagt: «Dann schaut ihr (die Medien) daheim oder kommt ins Tessin und trinkt ein Bier, um mit uns zu schauen. C’est la vie.»

Erstellt: 14.10.2017, 19:26 Uhr

Nordirland: Die Erinnerung an «Coatesy» Coates

Colin Coates nennen bei den Crusaders alle nur «Coatesy». Er ist Captain der Crusaders, einem der vielen Clubs aus Belfast. 31 ist er inzwischen, ein raubeiniger Verteidiger noch immer. Coatesy ist nicht gleich eine Legende im nordirischen Fussball, das sind andere, George Best und Pat Jennings, aber Coatesy ist immerhin der letzte Feldspieler eines nordirischen Clubs, der es bis ins Nationalteam gebracht hat. Zwischen 2010 und 2011 kam er auf sechs Einsätze. Die Danske Bank Premiership ist von bescheidenem Niveau, Profis im eigentlichen Sinn gibt es keine. Coates ist in seinem Verein mit 200 Pfund die Woche bereits bestbezahlter Spieler. Die grosse Nummer im Land ist der Linfield FC als 52-facher Meister und 52-facher Cupsieger. Aber auch er hat es im Europacup nie weit gebracht. (ths.)

Irland: Fussball wie in der Champions League

Im Süden der irischen Insel ist es nicht viel anders als im Norden: Der Fussball mag mit viel Liebe betrieben werden, und es gibt wunderbare kleine Stadien wie den Tolka Park in Dublin, wo der FC Shelbourne seine Spiele austrägt. Aber der Fussball in der Republik Irland erreicht höchstens das Niveau der Schweizer Challenge League. Wirklich professionelle Strukturen gibt es hier nicht. Wer als Spieler kann, verlässt ­seine Heimat lieber früher als später und sucht sein Glück selbst in unteren Ligen von England oder allenfalls in Schottland. Früher waren Iren sogar bei führenden englischen Clubs begehrte Arbeitskräfte, egal ob bei Arsenal, ­Liverpool oder Manchester United. ­Heute müssen sie sich vornehmlich in Bournemouth, Burnley oder Blackburn verdingen. (ths.)

Griechenland: Parallelen zur Schweiz und ein Sorgenfall

Die Schweiz hat eine Super League. Griechenland hat eine Super League. Die Schweiz hat den FC Basel als ­Serienmeister. Griechenland hat Olympiakos Piräus als Serienmeister. Der Club aus der Hafenstadt dominiert noch stärker als der FCB, seit 1997 hat er nur zweimal den Meistertitel verpasst, in der Champions League ist er ein regelmässiger Gast. Zur 16er-Liga gehören aber auch Teams, die in finanzieller Not stecken. Besonders angespannt ist die Situation bei Panathinaikos Athen, einem traditionsreichen Verein: Die Schulden werden auf 35 Millionen Euro geschätzt. Ehemalige Spieler engagieren sich nun, um den Kollaps zu verhindern. Viele Nationalspieler stehen im Ausland unter Vertrag, zu den Bekanntesten gehören Sokratis (Dortmund) und Papadopoulos (HSV). (pmb.)

Schweden: Der Kampf um die Vormacht im Norden

2008 erlebte Schwedens Clubfussball einen Tiefpunkt. Im Ranking der Uefa rutschte Schweden auf Rang 28 ab, der Zuschauerschnitt der höchsten Liga brach auf 7700 Fans ein. Der Verband war gefordert – und er startete ein Programm mit dem nicht eben bescheidenen Titel «Nordens Bästa Liga». Das Ziel ist nicht ganz erreicht, seit 2015 liegt Dänemark in der Uefa-Rangliste wieder vor Schweden, das trotzdem vorwärtsgemacht hat. Dank einer Charme-Offensive sind die Zuschauerzahlen auf einen Schnitt von 9200 gestiegen. Mit Malmö schaffte es ein Club 2015 und 2016 in die Gruppenphase der Champions League. Und für die verbesserte Talentförderung spricht der EM-Titel der U-21 2015. Trotzdem: Kein einziger der schwedischen Nationalspieler verdient derzeit sein Geld in der Heimat. (fra)

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