Er muss es heute gegen Irland richten

Granit Xhaka steht bei Arsenal unter Dauerbeschuss – wegen Fouls und Fehlern. In der EM-Qualifikation heute Abend kann sich der Nati-Schlüsselspieler nichts leisten.

Da lief es nicht wie gewünscht: Granit Xhaka nach der 0:1-Niederlage gegen Dänemark am Wochenende. Foto: Keystone

Da lief es nicht wie gewünscht: Granit Xhaka nach der 0:1-Niederlage gegen Dänemark am Wochenende. Foto: Keystone

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«Granit», fragt ein Journalist am Tag vor dem Match gegen Irland, «wie ist es, mit diesem Druck umzugehen?»

Granit Xhaka sagt: «Druck haben wir vor jedem Spiel.» Es ist das, was ein Fussballer so gern sagt. Gerade jetzt, wenn kein besseres Freundschaftsspiel wie gegen Gibraltar ansteht, sondern ein kapitaler Match in der EM-Qualifikation.

Xhaka ist einer, der eigentlich gern redet. Und seine Aussagen können pointiert sein. Beim letzten Zusammenzug, als es vor allem um die Abwesenheit von Xherdan Shaqiri und die Captain-Frage ging, sagte er: «Wenn das das Problem ist, kann er das Captain-Bändeli gern haben. Für mich spielt das gar keine Rolle.» So redet einer, der es gewohnt ist, vorneweg zu gehen.

Letztes Jahr an der WM zeigte er eine ungewohnte Härte. Damals konterte er jede Feststellung mit dem Spruch: «Das ist mir scheissegal.»

Nach dem 4:0 gegen Gibraltar brach es nochmals aus ihm heraus. «Wir müssen mal wieder ein Spiel verlieren, damit ihr richtig was zu schreiben habt», blaffte er die Medien an. «Das ist das, was mich enorm nervt: Von aussen wird versucht, die Mannschaft zu ärgern.»

Fünf Wochen später hat die Schweiz verloren, und Xhaka schwieg, in den Tagen davor und auch direkt nach diesem 0:1 in Dänemark. Er ging wohl als Captain vom Platz, weil Stephan Lichtsteiner schon ausgewechselt worden war. Captain-like verhielt er sich trotzdem nicht.

Xhaka hat manchmal seine Aufwallungen, die auf ganz unterschiedliche Art zum Ausdruck kommen. Letztes Jahr an der WM zeigte er eine Härte, die ungewohnt war von einem Mann, der eigentlich eine angenehme Seite hat. Damals konterte er jede Feststellung, die er nicht teilen konnte, mit dem Spruch: «Das ist mir scheissegal.»

79 von 89 Länderspielen

In Genf, am Tag vor dem Spiel gegen Irland, findet er öffentlich die Worte wieder. Er ist kontrolliert und flüchtet sich in Allgemeinplätze. «Wir müssen gewinnen», sagt er da, «das ist das Einzige, was für uns zählt.»

27 ist Xhaka, er spielt schon so lange auf höchstem Niveau, dass man feststellen muss: erst 27. Er gehörte zu den U-17-Weltmeistern von 2009. Keine 19 war er, als er im Juni 2011 im Nationalteam debütierte. Seither hat er 79 von 89 Länderspielen bestritten. Die Schweiz ist ihm eine Herzensangelegenheit, Doppeladler in Russland hin oder her.

Xhaka ist ein Leader, vielleicht schon geboren als das, zumindest früh gereift. In Mönchengladbach musste er sich erst die Hörner abstossen und das vorlaute Maul abgewöhnen, bis er zum Captain gemacht wurde. «Ich habe gern einen Captain wie ihn», sagte damals Yann Sommer, Teamkollege in Club und Nationalteam.

Max Eberl schwärmt noch heute von Xhaka. Der hat ihm gesagt, er möchte eines Tages zurück zu Gladbach. Worauf der Gladbacher Sportdirektor entgegnete: «Dich können wir uns gar nicht mehr leisten.» So hat es Eberl jüngst erzählt.

Auf 10 Millionen Franken wird Xhakas Jahresgehalt geschätzt, seit er nach der letzten WM seinen Vertrag bei Arsenal vorzeitig um zwei Jahre bis 2023 verlängerte. Es sind die Dimensionen einer Weltstadt und der Premier League.

Was haben ihm die Experten bei der BBC oder in den Zeitungen schon alles vorgeworfen! Was für ein dreckiger Spieler er sei, wie dumm und hirnlos und so weiter!

Captain ist Xhaka seit dieser Saison auch hier. Die Mitspieler haben ihn dazu gewählt. Sie schätzen ihn für seine Qualitäten in der Kabine, für seine positive Ausstrahlung, für seine Art, Verantwortung zu übernehmen, für sein Teamdenken.

Aber Xhaka kann in England nicht nur davon leben, mit dem Strafenkatalog zur Hand zu sein, wenn ein Spieler zu spät ist oder sein Handy im falschen Moment benutzt. Die Website «The Athletic» jedenfalls schreibt vom «Rätsel Xhaka»: «Er schafft es, der perfekte Captain zu sein und zugleich der unperfekte Spieler.»

2016 wechselte Xhaka für 49,5 Millionen Franken von Gladbach zu Arsenal. Er war Arsène Wengers Wahl und sofort Stammspieler. Unbestritten ist er auch unter Unai Emery. «Ich vertraue ihm», sagt der spanische Trainer, «er ist ein guter Mann, ein guter Profi und ein guter Spieler.»

Manchmal gehen die Emotionen mit ihm durch: Granit Xhaka und Sporting Lissabons Sebastian Coates geraten aneinander. Foto: Keystone

Das sehen nicht alle so in England. Was haben ihm die Experten bei der BBC oder in den Zeitungen schon alles vorgeworfen! Was für ein dreckiger Spieler er sei, wie dumm und hirnlos und so weiter! «Mich macht keiner kaputt», hat Xhaka darauf entgegnet. Er ist die Vorwürfe bis heute nicht mehr losgeworden. Kaum macht er ein dummes Foul wie zuletzt im Derby gegen Tottenham, das zu einem Elfmeter führt, fliegt ihm die Kritik gleich wieder um die Ohren. Xhaka sagt: «Wenn ich 120 Pässe spiele, wird von den 20 geredet, die nicht gut waren.»

Die Fragen, die ihn begleiten

Es ist sein Leben mit den Erwartungen, die er mit seinem Talent selbst geschürt hat. Und mit der Frage, wo seine beste Position ist. Ist er ein defensiver Mittelfeldspieler? Oder eher ein offensiver à la Pirlo, der selbst die Absicherung brauchte, um von Zweikämpfen befreit zu sein? Zahlt er bei Arsenal dafür, dass er auf dem Platz zu viel machen will und sich in Frustfouls flüchtet, wenn es nicht läuft, wie er es möchte? Ist er ein guter Spieler, aber keiner für die Premier League mit ihrem hohen Tempo?

Das sind die Fragen, die ihn begleiten und dem Gegenwind aussetzen. Die Statistik ist dabei nicht freundlich. Seit er bei Arsenal ist, hat laut den Analysten von Opta er am meisten Fehler begangen, die zu Goals führten, und am meisten Fouls, die Elfmeter verschuldeten. Fakt ist aber auch: Kaum ein Spieler wird in England kritischer gesehen als Xhaka. Diese Beachtung kann er als Kompliment nehmen. Er ist keiner aus dem Durchschnitt.

In Kopenhagen war er nur Durchschnitt, zumindest nach seinem Standard. In Genf braucht es den besten Xhaka. Er sagt: «Wir haben genug Qualität, um die Abwehr der Iren zu knacken.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 15.10.2019, 16:45 Uhr

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