«Das ist Wahnsinn»

Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl warnt vor dem Schweizer Gegner im Champions-League-Playoff.

Gladbach spielt in vielerlei Hinsicht in einer anderen Liga als YB – «aber darauf kommt es nicht an», sagt Max Eberl. Foto: Sven Simon (Imago)

Gladbach spielt in vielerlei Hinsicht in einer anderen Liga als YB – «aber darauf kommt es nicht an», sagt Max Eberl. Foto: Sven Simon (Imago)

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Hat Borussia Mönchengladbach mit YB als Playoff-Los den Millionen-Jackpot der Champions League so gut wie geknackt?
Das ist genau die Frage, die ich ungern höre. Es denken zwar viele Leute genau so, und wir wissen auch, dass Monaco oder die AS Roma im Vergleich zu YB in Europa namhafter sein mögen und Bern deswegen als leichter Gegner betrachtet wird. Natürlich werden wir als Bundesliga-Vierter und Champions-League-Teilnehmer der vergangenen Saison in die Favoritenrolle gedrängt. Aber darauf kommt es so wenig an wie auf die unterschiedlichen Budgets.

Worauf dann?
Auf zwei Begegnungen, in denen diese Faktoren nicht von Bedeutung sein müssen. Wenn wir in der Lage sind, zweimal eine Topleistung abzurufen, ist die Chance aber sehr gross, dass wir uns durchsetzen.

Müssen Sie in Mönchengladbach den Leuten ins Bewusstsein rufen, dass YB kein Freilos ist?
Es ist eine meiner Aufgaben als Sport­direktor, diese Realität vor Augen zu führen. Wir träumen alle von der Champions League, das ist erlaubt, aber YB darf genauso träumen. Der Erfolg gegen Schachtar Donezk muss für uns Warnhinweis genug sein. Und als vermeintlicher Underdog lässt sich befreiter Fussball spielen.

Welcher Berner ist Ihnen besonders aufgefallen, als Sie mit Gladbach in der Sommervorbereitung auf die Young Boys trafen?
Eine Fangfrage . . . (lächelt) Ich schaue sehr oft in die Schweiz, ich habe natürlich auch die Entwicklung von YB ­mitverfolgt und sehe, wie versucht wird, näher an den FC Basel heranzurücken. Wenn ich nun den Namen Zakaria nenne, ist das keine Überraschung. Oder Mvogo. Oder Sanogo, der gegen uns ausfällt. Es gibt sehr viele Spieler mit grossem Potenzial. Das heisst aber nicht, dass Borussia Mönchengladbach Interesse an ihnen hat.

Wenn wir schon dabei sind: Was braucht ein junger Spieler aus der Schweiz, um sich in der Bundesliga durchzusetzen?
Abgesehen vom Technisch-Taktischen, das in der Schweizer Ausbildung ausgezeichnet gemacht wird, benötigt ein Junger Geduld und körperliche Robustheit. Wenn ein Toptalent diese Voraussetzungen erfüllt, ist die Chance auf den Durchbruch in Deutschland sehr gross. Nico Elvedi bei uns ist dafür ein Paradebeispiel. Und der Nächste könnte Djibril Sow sein.

Für die Borussia ist das Spiel in Bern das erste mit Wettkampf­charakter in dieser Saison, YB hat schon sieben hinter sich . . .
. . . um uns ein bisschen die Last des ­Favoriten zu nehmen, ist das geradezu ein ideales Argument: Eigentlich ist es unmöglich, dass wir weiterkommen. (lacht) Im Ernst: Es soll absolut kein Alibi sein, aber es ist definitiv ein Vorteil für YB, eine gewisse Wettkampfhärte zu haben. Wir stehen vor einem Kaltstart. Und der muss gelingen.

Allein mit dem Einzug in die ­Champions League sind Einnahmen im zweistelligen Millionen-Bereich garantiert. Wie wichtig ist das für die Borussia?
Ich denke an den sportlichen Erfolg – und habe im Hinterkopf: Hey, das Geld kann für die Zukunft Handlungsspielraum bedeuten. Natürlich hat das Finanzielle im Fussball eine grosse Bedeutung. Bei den Transfersummen gilt mittlerweile ja die Losung: hoch, höher, am höchsten – und nochmals übersteigern. Ich halte mich an den Fakt, dass Erfolg automatisch eine Belohnung nach sich zieht. Die Champions-League-Teilnahme würde einen beträchtlichen Ertrag abwerfen.

Sondieren Sie vorsorglich den Transfermarkt im höheren Preissegment?
Nein, ganz sicher nicht. An unserer Transfer- und Kaderpolitik ändert sich nichts. Wir haben es immer so gehalten: Verdienen wir Geld dank sportlichem Erfolg, wird es wieder in das Kader investiert.

Manchester United lässt sich Paul Pogba 120 Millionen Euro kosten. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Das ist Wahnsinn. Der Markt hat sich geändert, es fliessen andere Summen, nicht mehr 3, 4 Millionen, sondern oft 20, 30. Ist ja alles okay. Aber 120? Das übersteigt für jeden das Gefühl, dass es noch in Ordnung ist, gerade bei den Problemen, die auf der Welt existieren. Es ist einfach nicht gesund.

Ist die Preistreiberei bald zu Ende?
Vermutlich nicht. Aber die Moral sollte noch vorhanden sein, um die Clubs dazu zu bewegen, eine Grenze zu setzen und zu verhindern, dass unser Sport nur noch als Monopoly betrachtet wird. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es sie im Fussball doch noch gibt.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich die Grossclubs noch deutlicher vom Durchschnitt absetzen?
In den vergangenen Jahren standen in den Champions-League-Viertelfinals fast immer die gleichen Mannschaften. Ich habe nicht die Illusion, dass Bate Borisow oder Borussia Mönchengladbach in nächster Zeit einmal einen Halbfinal erreichen. Aber das Schöne am Fussball sind immer noch die Überraschungen. Sind eben Spiele wie die von YB gegen Donezk. Auf eine ganze Saison sind die Besten Europas aber kaum einzuholen. Die Clubs haben sich das erarbeitet, die einen mit lauteren Mitteln, andere mit Fremdgeld . . .

. . . Sie meinen die Clubs, die von reichen Besitzern aus dem Nahen oder Fernen Osten subventioniert werden.
Genau. Das ist bei uns in Deutschland nicht erlaubt. Und das halte ich auch für absolut richtig.

Die Verantwortlichen von Borussia geraten so nicht ins Grübeln, ob sie den Club für wahnsinnig viel Geld an einen Chinesen oder Araber verkaufen sollen.
Zum Glück. Und um einen Spieler finanzieren zu können, möchte ich nicht bei einem vermögenden Mann von irgendwoher um Geld erfragen, ich möchte es selber erarbeitet haben. Die richtige ­Reihenfolge haben wir besprochen: ­Erfolg haben, Geld einnehmen, Geld ­investieren.

Hat noch kein chinesischer Club angeklopft, um Spieler von Borussia abzuwerben?
Nein, bis jetzt nicht. Es werden Unsummen geboten, gerade aus China. Trotzdem glaube ich, dass die Topstars in den grossen Ligen bleiben. Sie verdienen auch hier sehr gutes Geld. Und ob ich dann am Ende, sagen wir 12, 13 oder 14 Millionen verdiene, darauf kommt es nicht mehr an. Es geht meines Erachtens in erster Linie immer noch um den Reiz des Wettbewerbs.

Die Champions League wird von den Topvereinen in Europa dominiert. Wo können sich mittelgrosse Clubs wie eben Mönchengladbach im Markt ­positionieren?
Ich plädiere dafür, dass die Europa League aufgewertet wird. Eine Massnahme wäre, dass die beiden Finalisten in die Champions League kommen oder gar die vier Halbfinalisten. Dann halte ich es für möglich, dass mittelgrosse Clubs wie Mönchengladbach häufiger im Wettbewerb dabei sind, in dem die ­vermögenden Clubs ohnehin immer vertreten sind.

Und wo sehen Sie die Borussia in der Bundesliga? Die Spitzenposition scheint auf Dauer reserviert.
Der FC Bayern ist der Topclub in Deutschland. Aber es gibt insgesamt vier Vereine, die das Potenzial hätten, den Münchnern gefährlich zu werden: Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, Schalke. Wenn diese vier es nicht gut machen, ­haben andere – darunter auch wir – die Chance, Plätze gutzumachen. Die Bundesliga weist eine enorme Dichte auf. Vielleicht nicht, was Platz 1 betrifft, aber dahinter.

Eine glorreiche Ära wie in den 70er-Jahren, als Mönchengladbach seine grössten Triumphe feierte, ist aber praktisch ausgeschlossen.
Das ist so gut wie unvorstellbar, ja.

Ist die Bundesliga für Sie trotz Bayerns Vormachtstellung die spannendste Meisterschaft in Europa?
In England machen im Normalfall vier Clubs den Meister unter sich aus, Leicester wird es diese Saison nicht mehr ­werden. In Spanien sind es zwei, mit ­Atlético dahinter. Diesbezüglich sind diese Länder uns etwas voraus, bei uns deutet schon sehr vieles wieder auf die Bayern hin.

Also auch auf Langeweile?
Nein. Wenn ich die ganze Liga anschaue, die Fankultur, die Attraktivität der Spiele, die vollen Stadien und die Möglichkeit, Junge zu integrieren, bewegt sich die Bundesliga mindestens auf ­Augenhöhe mit England und Spanien. In ihrem Gesamtpaket ist sie vielleicht ­sogar die attraktivste Liga in Europa.

Erstellt: 15.08.2016, 22:44 Uhr

Max Eberl

Der 42-Jährige wurde beim FC Bayern gross, verbrachte seine längste Zeit als Profi aber bei Gladbach: Der Verteidiger bestritt 1999–2005 137 Spiele für die Borussia. Seit 2008 ist er Sportdirektor.

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