YB-Stürmer Nsame: Weisser Löwe im Paradies

Jean-Pierre Nsame hat in 15 Runden 15 Tore erzielt. Der Kameruner ist geprägt von teilweise schwierigen Erfahrungen – und profitiert in Bern vom ruhigen Umfeld.

Sein erster Hattrick für YB: Jean-Pierre Nsame trifft vergangene Woche gegen Sion zum dritten Mal in der gleichen Halbzeit.

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Am letzten Sonntagabend steht Jean-Pierre Nsame in den Katakomben des Tourbillon. Unter den linken Arm hat er einen der Matchbälle geklemmt – es ist eine Erinnerung an seinen ersten Hattrick für YB in der Super League.

Drei Tore hat er beim 4:3-Sieg der Young Boys in Sion vor der Pause erzielt. Das 1:0 und das 2:0 in den ersten 140 Sekunden. Und nun sagt er: «Das ist ein schöner Tag für mich. Doch am wichtigsten ist, dass wir trotz drei Gegentoren gewonnen haben.»

Es ist eine Aussage, die typisch ist für Nsame. Er ist ein Torjäger. Und er ist ein Teamplayer. Sein früherer Trainer Adi Hütter sagt, Nsame sei pflegeleicht, weil er hart arbeite und immer an die Mannschaft denke. So sieht das auch YB-Coach Gerardo Seoane, seine Lobeshymne fasst er gleich selber zusammen: «Er ist ein Musterprofi.» Und Sportchef Christoph Spycher meint, Nsame gebe sich nie zufrieden. «Er ist einen schwierigen Weg gegangen und hat sich durchgesetzt. Das ist imponierend.»

Spycher und YB-Chefscout Sté­phane Chapuisat setzten sich im Sommer 2017 sehr dafür ein, Nsame nach dessen starker Saison bei Servette (23 Tore in 31?Partien) zu verpflichten. Es waren komplizierte Verhandlungen, der Angreifer trat sogar in den Trainingsstreik. Heute sagt er: «Ich war jünger und ungeduldiger. In den letzten zweieinhalb Jahren bei YB habe ich viel gelernt, ich bin reifer und ruhiger geworden.»

Konkurrent Hoarau: Ein Vorbild und grosser Bruder

Der kräftige Angreifer, 1,88 m gross und 88 kg schwer, spricht leise, fast sanft, aber mit enorm tiefer Stimme. Er ist keiner für die grossen Worte, nach Spielen wird er von den Medien selten befragt, es sei denn, er erziele drei Treffer in einer Halbzeit. 15 Tore sind es nach 15 Runden, er ist auf Super-League-Rekordkurs, den Bestwert hält Seydou Doumbia, der vor zehn Jahren 30 Treffer für YB erzielte. Und dieser Doumbia, mittlerweile bei Sion, reiht sich im Tourbillon in die lange Liste von Gratulanten ein. «Die Young Boys hatten zuletzt immer starke Stürmer», sagt Nsame. «Es ist eine Ehre, für diesen Club zu spielen.»

Vor genau zwei Jahren war er nach seinem ersten Halbjahr bei YB mit neun Treffern schon einmal Leader der Torschützenliste. Auch damals profitierte er vom verletzungsbedingten Ausfall Guillaume Hoaraus, dem stärksten Angreifer der Liga in den letzten fünf Saisons. Gemeinsam stehen die typenähnlichen Stürmer selten auf dem Rasen.

Anfang 2017 hat Nsame an einer Gala der Swiss Football League gesagt, Hoarau sei sein Vorbild. Er wurde damals als bester Spieler der Challenge League ausgezeichnet, Hoarau als bester Akteur der Super League. Und im Dezember 2017 erklärte Nsame angesichts seiner ausbaufähigen Effizienz im Abschluss: «Ich bin ständig auf der Suche nach der konstanten Perfektion.»

Nsame in jüngeren Jahren: 2017 wird er an einer Gala der Swiss Football League für seine Tore in der Challenge League geehrt

Der 26-Jährige ist ganz schön weit gekommen bei dieser unmöglichen Mission. Er hat sogar geschafft, dass in Bern in den letzten Monaten kaum jemand den verletzungsanfälligen Stadthelden, Filou und Teilzeitmusiker Hoarau, mittlerweile 35, vermisst hat. «Er ist immer noch mein Vorbild», sagt Nsame, «er ist mein grosser Bruder. Und er ist ganz klar Angreifer Nummer 1 bei uns. Es ist schön, ist er endlich wieder fit.»

Es sind demütige Worte des auffälligsten und torgefährlichsten und vielleicht besten Spielers der Liga. Aber Nsame sagt auch: «Ich muss das Vertrauen des Umfelds spüren und mich wohlfühlen. Das ist bei YB der Fall. Auch dank Guillaume Hoarau, der mich immer stark unterstützt hat, als ich auf der Bank sass und er spielte.»

Nsame ist ein sensibler Mensch, geprägt von seiner Lebensgeschichte, die in der Geburtsstadt Douala beginnt, ehe er als Sechsjähriger zusammen mit dem Vater und der jüngeren Schwester nach Frankreich zieht und im Norden von Paris in einer der rauen Banlieues aufwächst. Der Vater kehrt bald in die Heimat zurück, Nsame hat kaum noch Kontakt zu ihm, er kommt als Junge in eine portugiesische Adoptivfamilie und beginnt erst im Teenageralter, in einem Club Fussball zu spielen.

Der Freispruch nach dem Vorwurf, sein Baby geschüttelt zu haben

Paris ist Nsames Zuhause, nicht Kamerun, dort war er 18 Jahre nicht mehr gewesen, ehe er im Herbst 2017 fürs Nationalteam aufgeboten wurde. «Ich kenne Afrika nicht gut», sagt er. «Für mich war die Rückkehr ein Kulturschock.» Immerhin ermöglichte ihm die Reise in sein Geburtsland das emotionale Wiedersehen mit der Mutter, die er fast zwei Jahrzehnte lang nicht gesehen hatte.

Seine Erfahrungen haben Nsame zu einem nachdenklichen Menschen gemacht. Dazu gehört die Verhaftung im November 2015, als er unter Verdacht geriet, seine fünf Monate alte Tochter geschüttelt zu haben, bis sie bewusstlos wurde und reanimiert werden musste. Später wurde Nsame freigesprochen, die Tochter ist heute vier und lebt mit der Mutter in Angers. Nsame besucht sie im Schnitt zweimal im Monat.

In Bern fühlt sich Nsame wohl. Und auch er ist längst ein Liebling der Stadt, spätestens seit seinem Tor zum 2:1 kurz vor Spielende gegen Luzern Ende April 2018, das die erste Meisterschaft der Young Boys nach 32 Jahren ermöglichte. «Irgendeinisch chunnt dr Hanspeter», sagt man in Bern gerne und verbindet damit zwei Züri-West-Zeilen YB-like.

«Hanspeter» von Züri West, ein Lied, fast so alt wie der YB-Stürmer

Nsame ist im Grunde genommen längst reif für einen Transfer ins Ausland, an Interessenten mangelt es nicht, sogar Juventus soll sich mit ihm beschäftigen. Natürlich träumt auch er mit schon 26 davon, in einer Topliga zu spielen. «Aber ich habe bei YB ein Paradies. So etwas gibt man nicht einfach auf.» Darben muss er in Bern nicht, im Sommer verlängerte er seinen Vertrag bis 2023.

Heute spielen die Young Boys in Basel. Ihre Verletztenliste ist am Donnerstag in der Europa League gegen Porto um Fabian Lustenberger verlängert worden. «Unser Umgang damit beweist unsere tolle Mentalität», sagt Nsame.

Ein Sieg beim ersten Verfolger FCB wäre ein weiterer YB-Schritt zum Titel-Hattrick. Das ist ein Ziel von Nsame. Ein zweites ist das Comeback im Nationalteam, er hat 2017 ein Länderspiel bestritten. Sein Teamkollege Nicolas Ngamaleu ist Stammkraft Kameruns, er erzielte kürzlich den 1:0-Siegtreffer in der Afrika-Cup-Qualifikation in Ruanda. Captain der Auswahl ist Vincent Aboubakar, der mindestens so athletisch ist wie Nsame – und vor drei Tagen beide späten Tore zum 2:1 für Porto gegen YB schoss.

Nsames Nationalmannschaftskollege Vincent Aboubakar schiesst Porto in der Europa League gegen YB zum Sieg.

«Unbezähmbare Löwen» wird das kamerunische Nationalteam genannt. Dazu passend, ist auf Nsames Whats­App-Profilbild ein zähnefletschender, weisser Löwe neben dem zähnefletschenden jubelnden Angreifer zu sehen. Weisse Löwen sind Raritäten, weltweit soll es noch rund 300 geben, nach einer Legende fielen sie einst zwischen Südafrika und Moçambique vom Himmel.

Vielleicht ist der Himmel die Grenze Nsames. «Mein Super-League-Bestwert liegt bei 15 Treffern in einer Saison», sagt er, «den habe ich nun erreicht.» Eine bestimmte Anzahl Tore hat er sich nicht zum Ziel genommen, das bringe nur Druck mit sich. Aber Nsame sagt auch: «Ich setze mir keine Limiten.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 01.12.2019, 13:19 Uhr

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