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Zidanes Abgang, Wunschkandidat Löw und was jetzt?

Der Real-Coach schockte gestern die Fussball-Welt. Nun richtet sich der Blick nach vorn.

Javier Cáceres
Feuchte Augen zum Abschied: Zinédine Zidane erklärte gestern an der Pressekonferenz von Real Madrid seinen Rücktritt. (31. Mai 2018)

Am Donnerstagmittag sahen sich die Spanier unvermittelt vor einer schwierigen Entscheidung: Sollten sie live der Parlamentsdebatte über das Misstrauensvotum folgen, bei der es um das politische Schicksal des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy ging? Oder sollten sie um 13 Uhr an ihren Radios und Fernsehapparaten der Pressekonferenz folgen, die der Fussballclub Real Madrid kurz nach halb zwölf überraschend angesetzt hatte?

Ein gutes Jahr nur ist es her, dass Zinédine Zidane seinen Vertrag als Trainer vorzeitig bis 2020 verlängert hatte, doch umgehend musste vermutet werden, dass Zidane nun seinen Rücktritt erklären würde. Und so war es dann auch: «Ich habe die Entscheidung getroffen, im kommenden Jahr nicht mehr Trainer bei Real zu sein», sagte Zidane.

Erst fünf Tage zuvor wurde der Anlass für die spektakuläre Demission des französischen Welt- und Europameisters von 1998 und 2000 geschaffen. Am Samstag gewann Zidane in Kiew mit Real Madrid zum dritten Mal nacheinander die Champions League. Einen solchen Erfolg zu übertreffen, hiesse, den Titel noch einmal zu verteidigen – ein Unterfangen, das der 45-Jährige aus guten Gründen für unmöglich hält.

Er ist der erste Trainer überhaupt, der den wichtigsten Vereinstitel des europäischen Fussballs dreimal in Serie erobern konnte. Zudem hat er eine spanische Meisterschaft, zwei europäische Supercups, den spanischen Supercup und zweimal die Club-WM gewonnen. «Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch einmal gewinnen können. Und ich bin ein Gewinnertyp. Ich liebe es zu siegen, und ich hasse es zu verlieren», sagte Zidane. In letzter Zeit sei in ihm die Überzeugung gereift, dass die Mannschaft, um siegreich zu bleiben, «einen Wechsel, einen anderen Diskurs, eine andere Arbeitsmethodik braucht. Daher habe ich diese Entscheidung getroffen.»

«Ein trauriger Tag» für den Chef

Vereinsboss Florentino Pérez, der Zidane an die Pressekonferenz in Real Madrids Sportstadt Valdebebas begleitete, war am Vorabend vom Coach unterrichtet worden – und völlig konsterniert: «Auf so eine Nachricht kann man sich nicht vorbereiten. Es ist ein trauriger Tag für mich, für die Fans, für die Mitarbeiter dieses Vereins.» Er habe versucht, Zidane umzustimmen; am Mittwochabend suchte er den Franzosen in dessen Domizil auf, und auch am Donnerstagvormittag hat er ihn noch einmal getroffen. Aber die Entscheidung Zidanes war irreversibel.

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Zidane gewann alles, was es im Fussball zu gewinnen gibt.

«Wenn ich eine Entscheidung treffe, treffe ich sie nicht einfach so. Dann gibt es kein Zurück», sagte er. Es habe in der Vergangenheit schwierige Momente gegeben, die ihn zum Nachdenken gebracht hätten. Den genauen Tag, an dem er die Entscheidung getroffen hatte, wollte er nicht verraten. Präsident Pérez äusserte die Hoffnung, dass es kein «Adieu», sondern ein «Auf bald» sei. Real Madrid werde «immer seine Familie» bleiben, erklärte Pérez, ehe er Zidane seine Zuneigung und Dankbarkeit versicherte. «Ich werde diesem Club immer verbunden bleiben, es kann ein ‹Auf bald› sein», sagte Zidane.

Der Trainer erzählte, dass er die Mannschaft am Donnerstag unterrichtet habe. Die meisten Spieler erreichte er per Textnachricht; mit einigen, darunter Captain Sergio Ramos, habe er kurz am Telefon gesprochen. Mit Ramos hatte Zidane noch aktiv zusammengespielt, von 2001 bis 2006 war «Zizou» mit der Rückennummer 5 im Bernabéu-Stadion aufgelaufen.

«Mister, als Spieler und nun als Trainer hast du entschieden, auf dem Höhepunkt zu gehen. Danke für zweieinhalb Jahre Fussball, Arbeit, Zuneigung und Freundschaft. Du gehst, aber dein Erbe ist jetzt schon nicht zu löschen», schrieb Ramos im Internet. Zidane habe «eines der erfolgreichsten Kapitel der Geschichte unseres geliebten Real Madrid» verfasst. «Ich fühle nur Stolz, dein Spieler gewesen zu sein. Danke für so viel», schrieb Cristiano Ronaldo. «Es war ein Vergnügen», ergänzte der deutsche Nationalspieler Toni Kroos.

Der Franzose hatte das Traineramt Anfang Januar 2016 übernommen, damals ersetzte er den glücklosen Spanier Rafael Benítez. Für Zidane war es die erste Station als Chef einer Erstligamannschaft. Zuvor hatte er bei Real Madrid als Assistent des späteren Bayern-Trainers Carlo Ancelotti sowie als Coach der zweiten Mannschaft des Vereins gewirkt. «Die schönste Erinnerung ist der Tag, an dem ich bei Real Madrid als Spieler anheuerte», sagte Zidane. Das habe ihm alle Türen geöffnet – unter anderem zum Trainerposten.

Wunschkandidat Löw ist gebunden

Wer auf Zidane folgt, ist unklar; Pérez verbat sich Fragen dazu. Nachdem der Clubchef in den vergangenen Tagen mit Abwanderungsgedanken von Ausnahmespielern wie Ronaldo und Gareth Bale zu kämpfen hatte, steht er nun vor einem veritablen Problem.

Die meisten Trainer, die in der Vergangenheit mit Real in Verbindung gebracht wurden, sind gebunden. Das gilt vor allem für Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw, den der Real-Präsident liebend gern nach Madrid geholt hätte. Löw aber will beim Fussball-Bund bis 2022 bleiben. «Gut, dass der DFB vorher mit Jogi verlängert hat», sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.

Ein weiterer Kandidat war zuletzt der Argentinier Mauricio Pochettino, doch auch er hat seinen Vertrag bei Tottenham Hotspur bis 2023 verlängert. Thomas Tuchel hat bei Paris Saint-Germain unterschrieben. Frei wäre Arsène Wenger, der seine Ära beim FC Arsenal beendet hat und von Pérez einst umworben wurde – allerdings vor vielen Jahren. Bei Real selbst sind zwei ehemalige Spieler des Clubs zu finden, die als grosse Trainertalente gelten: der Argentinier Santiago Solari, der die zweite Mannschaft betreut – sowie U-19-Coach José María Gutiérrez alias «Guti».

Zidane selbst liess seine eigene Zukunft offen. Er gilt als Kandidat für das Traineramt der französischen Nationalmannschaft, die bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Russland von Didier Deschamps betreut wird. «Ich suche keine andere Mannschaft», sagte Zidane. «Aber ich bin nicht müde, als Trainer zu arbeiten.»

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