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Zurück von ganz unten

Xamax steht kurz vor dem Aufstieg in die Super League ­­– und ist um Zurückhaltung bemüht

Höhenflug, aber doch mit den Füssen am Boden bleiben: Xamax und Torhüter Walthert Bild: Eric Lafarque

Wer von damals erzählt, spricht lieber über früher. Über die Achtziger, Stielike, Real Madrid. Und nicht über 2011, Tschagajew, Xamax Vainach. So wollte er den Verein umbenennen, der Tschetschene Tschagajew, am Ende hat er ihn zugrunde gewirtschaftet. Es war eine schnelle Abfahrt, vom Kauf zum Konkurs in sieben Monaten. Der Club kaputt, die Spieler weg, das Publikum auch. Opfer des Grössenwahns. «Tristesse», das sei alles, was er im März 2012 angetroffen habe, erzählt Christian Binggeli.

Binggeli – aus dem Bernischen ist nur der Name – steht in seinem Büro und spricht etwas widerwillig über diese Zeit. Wie er, Neuenburger und erster Präsident nach Tschagajew, damals den Scherbenhaufen zusammengekehrt und sich gesagt habe: «So, ich steige da ein, aber mehr als die Challenge League liegt nicht drin.»

Und wie er jetzt, im April 2018, manchmal am Montagabend auf die Tabelle schaue, dort sein ­Xamax 10 Runden vor Schluss mit 15 Punkten Vorsprung an der Schwelle zur Super League sehe, lache und sich sage: «Na gut, dann versuchen wir das halt, aber immer so» – jetzt muss Binggeli aufstehen, sich mit beiden Beinen breit hinstellen, die Füsse parallel –, «mit den pieds sur terre», mit den Füssen am Boden. Demut ist Programm bei Xamax, Bodenständigkeit wird zelebriert, und wer mit Binggeli durch die Geschäftsstelle läuft, dem werden die Mitarbeiter alle persönlich vorgestellt.

Klug, günstig – doch taugt das alles für die Super League?

Später, am Pressetermin vor dem Heimspiel, sitzt Geoffrey Tréand neben Michel Decastel. Der ­Flügelspieler und sein Trainer sagen beide: «Wir sind noch nicht aufgestiegen.» Im Gang steht dann plötzlich Stéphane Henchoz, junger Xamax-Verteidiger unter ­Stielike, später Uefa-Cup-Sieger mit Liverpool, heute Assistenztrainer. Was er von einem Aufstieg denn so halte, wird er gefragt. Er winkt ab. «Es ist noch nicht lange her, da war hier nichts. Wir haben eine gute Basis für die Zukunft. Wo die ist, wird sich weisen.» Dazu muss man wissen: Die Neuenburger spielen unwiderstehlich in ­dieser Saison. Nur sechsmal haben sie nicht gewonnen. Nach zwei zweiten Plätzen in Folge passt ­alles noch besser zusammen, Wandervogel Decastel scheint auf ­seiner 17. Station heimisch zu werden.

Das Kader ist klug und kostengünstig zusammengestellt, mit dem erfahrenen Walthert als ­Captain im Tor, dem rustikalen Djuric, dem noch immer schlitzohrigen Tréand und vorn mit Nuzzolo, der nach seiner Zeit bei YB in der alten Heimat neue Energie gefunden hat. Doch taugt es auch für die Super League?

Bescheidenheit und Vorsicht sind im ganzen Verein spürbar. In der Buvette vor dem Stadion verhandeln sie lieber den Zustand der geschundenen Westschweizer Fussballseele, als vom Aufstieg zu reden. Doch so schlecht es um Sion und Lausanne sportlich gerade stehen mag – es gibt durchaus auch Grund zur Aufbruchsstimmung in der Romandie (siehe Text unten).

Die Verträge werden «immer per Handschlag» geschlossen

Zur Bodenständigkeit passen die Besitzerverhältnisse: Präsident Binggeli teilt sich die Aktien mit seinem Sohn, der im Club diverse Funktionen übernimmt. Und dazu passen auch die Vertragsverhandlungen: «Immer per Handschlag», sagt Binggeli. In seinem Dentaltechnikunternehmen in Neuenburg und Genf arbeiten die Spieler Sejmenovic und Di Nardo Teilzeit.

«Ich denke nicht, dass ein Fussballer besser spielt, wenn man ihm einfach mehr bezahlt», sagt der Patron. Er spricht von Zuwendung, von Kontinuität und den «höchstens drei, vier Spielern», die er im Aufstiegsfall neu verpflichten will. Auf 600 Partien Erfahrung in der Super League kommt sein Kader, die Hälfte davon entfällt auf ­Nuzzolo.

Mit 600 000 Franken Budget seien sie einst in der interregionalen 2. Liga gestartet, erzählt der Präsident. Mit jedem Aufstieg hob er den Etat ein wenig an, derzeit sind es etwas mehr als vier Millionen Franken. Für die Super League plant er noch ein bis zwei Millionen mehr ein. Und welches war der schwierigste Anstieg? «Das war von null auf etwas», antwortet Binggeli sofort, «als hier nichts war und die Leute sich alle misstrauisch von Xamax fernhielten.»

Der 64-Jährige hat in diesen Jahren nicht nur Geld wieder hereingeholt, sondern vor allem Vertrauen. Dazu musste er über die Stadt hinausgehen, tief in den Kanton, rund um den Mont Racine bis nach La Chaux-de-Fonds, über den See nach Estavayer. Binggeli aus Moutier, aufgewachsen in Neuenburg, kennt sein Reich und seine Möglichkeiten, er ist ein Werbeträger, erzählt gut und wirkungsvoll. Gelernt muss er das im Fussball haben, wo er vor seiner Funktion als Präsident bei Xamax vor allem als Zuschauer tätig war. «Seit 52 Jahren verfolge ich den Club.»

In drei Wochen spielt Xamax beim Zweiten Servette, und läuft für die Neuenburger alles nach Plan, können sie dort mit einem Sieg den Aufstieg sicherstellen. So was würde Binggeli nie sagen, auch Henchoz und Decastel und Tréand nicht. «Wenn dereinst einer kommt und übernehmen will, dann überlasse ich ihm vielleicht das Feld», sagt Binggeli. Er ist wieder aufgestanden, breit die Beine, die Füsse parallel. «Aber wenn, dann nur so. Geld allein reicht hier nicht.» Für ihn, den Patron, bitte immer mit den «pieds sur terre».

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