Girrbachs Uhr tickt

In Marokko beginnt für den stärksten Schweizer Spieler die wegweisende Phase einer Saison, die zu seiner letzten werden könnte. Dabei ist er erst 25-jährig.

Joel Girrbach zieht durch und blickt nach oben, auf die Europatour. Foto: Imago

Joel Girrbach zieht durch und blickt nach oben, auf die Europatour. Foto: Imago

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Das wundersame Comeback von Masters-Champion Tiger Woods bringt Joel Girrbach zum Schwärmen. Dass der Amerikaner, der in der Weltrangliste vor kurzem noch hinter ihm klassiert war, nach elf turbulenten Jahren nochmals ein Majorturnier gewonnen habe, sei das Beste, was der Sportart passieren konnte, sagt der Thurgauer. «Für viele ist Golf gleich Tiger Woods. Vor allem in den USA dreht sich alles um ihn. Aber der Sport profitiert weltweit von ihm.» Überrascht sei er selber nicht: «Er hat einfach den Killerinstinkt, sobald die anderen Fehler machen.»

Diesen, hofft er, hat er auch selber in sich. Girrbach ist 25, damit 18 Jahre jünger als Woods und als Golfprofi nicht schlecht unterwegs, für Schweizer Verhältnisse sogar ziemlich gut. In der Weltrangliste ist er als Nummer 489 trotz eines kleinen Rückfalls der bestklassierte Schweizer, vor dem 28-jährigen Zürcher Marco Iten (529) und seinem noch ein Jahr älteren Clubkollegen Benjamin Rusch (667). Dennoch schliesst Girrbach, der 2017 die Swiss Challenge am Sempachersee gewann, nicht aus, Ende Jahr die Profikarriere abzubrechen. Denn so kompromisslos, wie er die Fahnen attackiert, beurteilt er auch seine eigene Laufbahn, und seine Ansprüche sind hoch.

«Ich war noch nie der Typ, der herumträumt und zufrieden ist, wenn er Ende Jahr auf der Challenge-Tour unter den Top 25 steht», sagt er auf der Terrasse des GC Lipperswil, seines Heimclubs, während er einen Caesar Salad («ohne Käse») isst. Als er vor vier Jahren Profi wurde, hatte er sich fünf Jahre Zeit gegeben, den Durchbruch zu schaffen. An diesen Plan hält er sich. «Das ist nun das fünfte Jahr, und das bedeutet, dass es ein sehr entscheidendes ist für mich», sagt er. «Danach schauen wir, wo ich stehe, ob es weitergeht oder was auch immer. Alles ist möglich.»

Die Firma des Vaters lockt

Mit «wir» meint er insbesondere sich und seinen Vater Gerald, dem in Kreuzlingen eine Kunststoffverpackungsfirma gehört. «Früher oder später dort einzusteigen, ist sicher ein Ziel», sagt Joel Girrbach, der eine kaufmännische Lehre absolviert und sich seither in drei Selbststudien weitergebildet hat. Sein Vater wäre eigentlich seit zwei Jahren pensioniert, erklärte sich aber bereit, die Firma bis ans Ende dieses Fünfjahresplans weiterzuführen. Auch fast alle Sponsoringverträge laufen Ende Jahr aus.

Nicht dass Girrbach das Leben als Golfprofi verleidet wäre, zumal es bisher jedes Jahr aufwärtsging. «Ich habe immer noch viel Spass am Ganzen. Einzig die Reiserei zehrt, das Leben aus dem Koffer.» Vor allem in den Wintermonaten lässt sich das Jetset-Leben nicht verhindern. Neben Turnierstationen auf Mauritius, in Südafrika, Australien (Perth) und Kenia standen diverse Trainingsreisen auf dem Programm, so in Südafrika, Portugal und zuletzt auf Mallorca.

«Dies ist ein sehr entscheidendes Jahr. Danach ist alles möglich.»Joel Girrbach, Schweizer Golfer

Die Saison beginnt für Girrbach erst jetzt so richtig. Weil er letztes Jahr die Challenge-Tour auf Rang 22 beendete, ist er für etliche Turniere der PGA-Europatour qualifiziert, so diese Woche auch für den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Anlass im marokkanischen Rabat. Nach den eher flauen Wintermonaten folgt nun ein Turnier auf das andere. Dabei pendelt Girrbach zwischen der Europa- und der Challenge-Tour. «Wann immer ich kann, spiele ich auf der grossen Tour», sagt er. Klar ist, dass er am Sempachersee und in Crans die zwei grössten Schweizer Turniere bestreiten wird.

Obwohl Girrbach, der sich selber managt, von 15 Sponsoren und 5 Ausrüstern unterstützt wird, macht ihn der Golfsport nicht reich. «Letztes Jahr kam ich finanziell heraus, mit dem Preisgeld und allem. Aber in einem anderen Beruf würde ich sicher besser verdienen, zumal ich viel weniger Ausgaben hätte. Aber solange es Spass macht und die Chance besteht, etwas zu erreichen, ist das Finanzielle nicht vorrangig.»

Eine Woche kann viel ändern

Aber setzt er sich durch sein zeitliches Ultimatum und die hohen Ziele nicht extrem unter Druck? Girrbach verneint: «Im Gegenteil. Ich sehe das entspannt. Entweder klappt es – oder nicht. In den letzten Jahren war ich verbissener.» Im Golf lasse sich ohnehin nichts erzwingen. «Auf Biegen oder Brechen zu spielen, funktioniert nicht in diesem Sport. Am besten spielst du, wenn es dir völlig egal ist.»

Aber Girrbach weiss auch, dass ihn nicht viel vom Durchbruch trennt. Auf der Challenge-Tour gehört er längst zum Kreis der Besseren, und das Niveau der PGA-Europatour ist nicht wesentlich höher. «Viele, die von der Challenge-Tour kommen, spielen auch dort vorne mit», sagt er. An drei seiner vier Turniere der Europatour seit November überstand er den Cut, «doch ich spielte am Wochenende schlecht». Aber Girrbach weiss auch, dass es plötzlich rasch gehen kann. «Im Golf kann so vieles passieren. Eine gute Woche reicht, und du kannst deine Karriere ganz neu planen. Und immerhin ist es erst April.» Noch bleibt ihm Zeit, den grossen Sprung zu schaffen. Doch die Uhr tickt.

Erstellt: 24.04.2019, 22:32 Uhr

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