Glarner: «Bereits die letzten Jahre waren eine Spinnerei»

Matthias Glarner zieht den Schlussstrich. Der 33 Jahre alte Meiringer beendet seine Karriere per sofort. Im Interview spricht er über seinen ersten von 116 Kränzen, über Höhepunkte und unerfüllte Träume sowie seine Zukunft.

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Die Strasse schlängelt sich hinauf zum Brünigpass. Zweigt ab in Richtung Hasliberg. Führt vorbei an der Gondelbahn Twing-Käserstatt, dem Ort des fatalen Sturzes, der im Juni 2017 den Anfang vom Ende von Glarners Karriere bedeutete. Dieses Ende verkündet der Meiringer 28 Monate später, eine Handvoll Kilometer Weiterfahrt entfernt, im Hotel Reuti – auf seinem Schicksalsberg. Glarner (33) spricht ruhig, kontrolliert, wie immer. Und doch verrät das sanfte Zittern in der Stimme, wie schwer dem König der Abschied fällt.

Matthias Glarner, Hand aufs Herz: Stand Ihr Entscheid bereits vor dem «Eidge­nössischen» im August fest?
Wenn ich sehe, wie lange die Entscheidungsfindung nach dem «Eidgenössischen» noch gedauert hat, muss ich wohl antworten: nein. Aber natürlich habe ich im Innern seit Monaten gespürt, dass es so weit kommen könnte. Definitiv fasste ich den Entschluss in den letzten Wochen.

Sind Sie erleichtert?
Ja. Es war schwierig, den Entscheid zu treffen. Innerlich war mir bewusst, dass der Moment kommen würde. Aber nach dem «Eidgenössischen» gab ich mir nochmals Zeit zum Analysieren. Jetzt ist es offiziell, ich bin erleichtert und auch ein wenig emotional. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende.

Gab es in den letzten Wochen Tränen?
Unmittelbar nach dem «Eidgenössischen» in Zug gab es die eine oder andere Träne aus Frust. Ich hatte so viel investiert, und dann reichte es nicht zum Kranz. Aber beim Rücktrittsentscheid ging ich sachlich vor, machte eine Pro- und Kontra-Liste. Der Blick darauf war eindeutig.

An der Pressekonferenz sprachen Sie von 2 Pros und 10’000 Kontras.
Das war leicht übertrieben (lacht). Die Kontra-Punkte verdrängst du, suchst lieber krampfhaft nach Pro-Argumenten. Bei Kontra standen etwa Gesundheit, Aufwand, Ziele, die Lücke zur nationalen Spitze, die ich nie mehr hätte schliessen können. Beim Pro standen am Ende nur das Herz und die Leidenschaft.


Rückblick und Zukunftspläne: Matthias Glarner. Video: Keystone-SDA

Der Kopfmensch Glarner hat einmal mehr die Vernunft entscheiden lassen.
Ein gewichtiger Faktor war die Gesundheit. Es war bereits eine riesige Bastlerei, meinen Körper nach dem Gondelsturz irgendwie für das «Eidgenössische» hinzubringen. Hätte ich die Karriere fortgesetzt, hätte es allein wegen der Gesundheit denselben riesigen Aufwand benötigt. Das wollte und konnte ich nicht mehr investieren.

Und es wäre nicht vernünftig gewesen.
Bereits die letzten beiden Jahren waren eine Spinnerei. Aber ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe.

Eine hypothetische Frage: Wäre der Gondelsturz nicht gewesen, würden Sie weiterfahren?
Das kann ich nicht beantworten. Nach dem Königstitel in Estavayer machte ich ebenfalls eine Pro- und Kontra-Liste. Da wurde rasch klar: die Ziele sind noch da, der Weg ist nicht zu Ende. Wie es dieses Mal nach dem Höhepunkt in Zug ohne Gondelsturz ausgesehen hätte? Keine Ahnung.

Sportlich überstrahlt der Schwingerkönigstitel alles in Ihrer Karriere. Möchten Sie weitere Höhepunkte rauspicken?
Der Schwingerkönigstitel steht natürlich zuoberst. Aber der Sieg am Berner «Kantonalen» im selben Jahr in Unterbach war ein Höhepunkt. Dann mein erster von 116 Kränzen, am «Emmentalischen» 2003 in Wasen. Dann der erste Brünig-Kranz mit 17 Jahren…

...nur der Brünig-Sieg fehlt.
Das war ein grosser Traum. Aber nicht alle Träume gehen in Erfüllung – und das ist auch gut so. Wie erwähnt: Die Lücke zur Spitze ist zu gross. Ich sah keine Chance mehr, den Brünig zu gewinnen.

Wie geht es weiter mit Ihnen?
Im November werde ich ein Nachdiplomstudium im Bereich Betriebswirtschaft-Entrepreneurship beginnen, also Unternehmertum. Dann schauen wir, wie die Perspektiven bei meinem Arbeitgeber, den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg, sind. Und ich werde ab und an im Schwingkeller sein, mit den Jungen arbeiten, sofern sie möchten.

Und selbst trainieren?
Ja, aber auf Niveau AHV-Schwinger (lacht).

Erstellt: 26.10.2019, 16:09 Uhr

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