Ruhig im Ton, deutlich in der Botschaft

Der Schweizer Handball und Arno Ehret gehören seit 32 Jahren zusammen. Ab morgen trifft er im Playoff-Halbfinal mit den Kadetten auf Pfadi Winterthur.

Arno Ehret in der Denkerpose, die zu seinem Markenzeichen wurde. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Arno Ehret in der Denkerpose, die zu seinem Markenzeichen wurde. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Er sagt «Herausforderung» und unterbricht sich selber: «Dieses Wort kann ich nicht mehr hören.» Es geht darum, dass Arno Ehret begründet, warum er zum Jahreswechsel bei den Kadetten aus Schaffhausen als Trainer eingesprungen ist. Einer, der 2015 seinen letzten Trainerjob in der NLA (GC) hatte und der im Dezember 65 Jahre alt wird.

Ehret überlegt kurz, und dann setzt er neu an. Er wählt seine Worte mit ­Bedacht, achtet darauf, dass das, was er sagt, so passend wie möglich formuliert ist. Statt «Herausforderung» wählt er: «Es ist hochinteressant zu schauen, ob es gelingt, mit dem Team zusammen das Ziel erfolgreiche Titelverteidigung zu erreichen.» Drei Tage benötigte er, um sich das Angebot der Kadetten zu überlegen, dann sagte er für dieses «Abenteuer» zu, das nur bis zum Saisonende dauern wird.

Weltmeister ohne Medaille

Ehret ist mit Deutschland 1978 Weltmeister geworden. Das «Silberne Lorbeerblatt» wurde ihm und seinen Teamkollegen verliehen. Doch weder diesen Orden noch die WM-Goldmedaille besitzt er noch. «Sie müssen bei einem meiner vielen Umzüge verloren gegangen sein.»

1986 verpflichtete der Schweizer Handballverband erstmals den Deutschen, obwohl dieser nur mal gerade zwei Jahre Erfahrung als Spielertrainer in der Bundesliga vorweisen konnte. Die Wahl Ehrets war eine recht mutige ­Entscheidung, die sich aber für beide Seiten als Glücksfall erwies. Der zweifache Bundesliga-Torschützenkönig, ein Linksaussen mit grossem Wurf­repertoire, übernahm in einer Art ­Neuanfang nach der Schweizer Heim-WM 1986 von Sead Hasanefendic das Nationalteam.

Der Süddeutsche und die Schweizer passten hervorragend zusammen. 1993 spielte sein Team in Schweden um ­WM-Bronze. Obwohl es nach einer starken ersten Halbzeit den Schweden unterlag, ist dieser 4. Platz eine Ausnahmeklassierung. Ähnlich wie die WM-Silbermedaille der Schweizer Eishockeyaner, die 20 Jahre später in der gleichen Arena den Final gegen Schweden verloren.

Nie richtig Zeit, Trainer zu sein

Ehret selber stuft allerdings das Abschneiden an der B-WM von 1989 in Frankreich fast noch höher ein. Ihm stand damals ein Team zur Verfügung, das nicht so talentiert war wie die 93er-Mannschaft. Aber die Schweiz schlug Deutschland, die Schweiz kämpfte sich zu einem Remis gegen Rumänien und qualifizierte sich für die A-WM von 1990. «Wir gingen wie unter einer Glocke durch dieses Turnier.» Es war für den Trainer der erste grosse Erfolg, und der weckte natürlich Begehrlichkeiten in seiner Heimat. 1993 bis 1996 war er denn auch Bundestrainer und Sportdirektor, später drei Jahre nur noch Sportdirektor. Nach seinem Abgang wurden die Aufgaben, die er alleine erledigt hatte, auf drei Personen verteilt. Ehret hatte gar nie richtig Zeit, Trainer zu sein.

In der zweiten Schweizer Amtszeit (2000 bis 2006) qualifizierte sich das Nationalteam noch zweimal für die EM, einmal war sie als Gastgeber dabei. In den Jahren nach Ehret scheiterte die Auswahl bisher stets auf dem Weg zu einer WM oder EM. Ihr ehemaliger Coach aber hatte weiter Erfolg. Der frühere Mathematiklehrer trieb sein Projekt für ein zweites berufliches Standbein voran. «Teamwork Ehret» heisst die Firma. «Die Themen Leistung, Coaching und Führung sind der rote Faden in meinem Leben», erklärt Ehret auf der Website. Die Tätigkeit in seiner Firma und seine Handball-Arbeitswelt ergänzen sich perfekt.

«Zu intellektuell» für Deutschland

Dass das alles in der Schweiz stattfindet, hat seine Logik. Seine Partnerin ist Schweizerin, dazu ist Ehret eher ein Schweizer aus Deutschland denn ein Deutscher in der Schweiz. «Die Mentalität, die ich hier angetroffen habe, mit dem nicht ganz so hohen Stellenwert des Sports, entspricht mir eher. Es ist auf eine Art unaufgeregter als in Deutschland.» Dazu passt vielleicht auch, was der frühere deutsche National­torhüter ­Andreas Thiel einmal über ­Ehret gesagt hat. Er sei «zu intellektuell» für Deutschland. Das war zu einer Zeit, als in der ­deutschen Nationalmannschaft durchaus der eine oder andere eher rustikale Typ dabei war.

In den jungen Trainerjahren sass ­Ehret bei Spielen zwar äusserlich völlig ruhig auf der Bank. Dafür zupfte er heftig an seinen Socken. Er versuchte, seine Nervosität vor der Mannschaft zu verbergen. Die Socken bearbeitet er heute nicht mehr, aber die Denkerpose mit einer Hand am Kinn gehört weiterhin zu ihm. In Time-outs auf dem Feld ist der Ton wie im Gespräch am Tisch meistens ruhig, die Anweisungen und Botschaften aber sind präzise und klar.

Die Lust an der List

Dass er sich heute mit Teams auseinanderzusetzen hat, die wie in Thun von einem seiner ehemaligen Spieler ­(Martin Rubin) trainiert werden, dass dort sogar noch der Sohn Rubins spielt – das findet Ehret «nett». Rubin und er hätten viel zusammen erlebt, beidseitig sei ein grosser Respekt vorhanden. «Und der Tinu leistet in Thun sehr gute Arbeit.»

Fühlt er sich in einem solchen ­Moment doch etwas älter? Sicher nicht. Im Gegenteil. Ehret erzählt, dass er im Training bei den Kadetten in dem einen oder anderen kleinen Wurfduell, in dem nicht die Kraft, sondern das Auge gefordert sei, «durchaus noch mithalten kann». So, wie er dabei lächelt, kann man sich vorstellen, dass er sich darob diebisch freut.

Die Lust an der List, die Spielfreude verliert ein echter Ballsportler eben nie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 17:09 Uhr

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