100 Millionen für das Sportler-Paradies der Zukunft

Hans-Peter Strebel, der Präsident des EV Zug, lässt in der Innerschweiz ein topmodernes Sportzentrum errichten – und finanziert es auch.

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Das Saxofon steht in seiner ganzen Pracht im Zentrum des grossen Raums. Es wirkt einsam. Und der Eindruck täuscht nicht. «Ich komme nicht zum Spielen», sagt Hans-Peter Strebel in seiner Wohnung in Luzern, «im Moment ist es relativ streng.»

Dafür verantwortlich ist ein besonderes Projekt: «On Your Marks» heisst es – «Auf die Plätze». Hinter diesen drei Worten verbirgt sich ein Kompetenzzentrum für Sport und Forschung in Cham im Kanton Zug. Kostenpunkt: 100 Millionen, vollumfänglich privat von Strebel finanziert. Zum Vergleich: Der GC-Campus in Niederhasli kostete 20,5 Millionen Franken. Gestresst wirkt der 69-jährige Präsident des EV Zug aber nicht, dafür voller Energie: «Das Projekt ist faszinierend.» Um alle Aufgaben zu ­bewältigen, hat er eine persönliche Assistentin eingestellt.

2010 trat «HP», wie ihn alle nennen, in den Verwaltungsrat beim EV Zug ein. Dort kam ihm erstmals die Idee, etwas «Grösseres» zu machen. «Es war ein Prozess. Als wir damals diskutierten, wie wir selber eigene Junge bis in die National League bringen können, sahen wir schnell, dass die Athletik-Infrastruktur in der Bossard-Arena sehr limitiert ist», erinnert er sich, «die Spieler mussten oft im Gang trainieren. Dann kamen die Spieler der EVZ Academy hinzu, und es wurde mit den Platzverhältnissen noch schwieriger.»

«Beim Aufstieg gegen den ZSC war ich nahe am Herzinfarkt»

Eine Inspirationsreise führte nach Salzburg ins Leistungszentrum von Red Bull, eines der modernsten in Europa. Die Kombination aus Fussball und Eishockey gefiel ihm, bald wuchs die Überzeugung, dass es nur mit Eigeninitiative geht. «Wir haben einmal eine alte Fabrik in Baar angeschaut, aber da waren zu viele Leute beteiligt. Nur schon auf eine Bewilligung hätten wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gewartet», sagt Strebel.

EVZ-Fan ist er seit der Clubgründung. «Seit 1967 habe ich in Zug alles erlebt, was möglich ist.» Er erzählt, wie er schon zwei Stunden vor dem Spiel in der Herti war, als noch draussen gespielt wurde, auch bei Schnee, Regen oder Nebel. «Es gab ja nur Stehplätze, sonst hätten wir nirgendwo mehr Platz gehabt.» Anfang der Neunziger gründete er einen Fanclub, seine Kloster-Apotheke in Muri wurde zur EVZ-Vorverkaufsstelle. Der Meistertitel 1998 sei ein Höhepunkt gewesen, vor allem aber der Aufstieg 1987 in die Nationalliga A gegen den ZSC: «Da war ich nahe an einem Herzinfarkt.»

Passivsport kam bei Strebel von Kindesbeinen an vor Aktivsport.

Fussball schaute er gerne beim heimischen FC Muri, zwischendurch nahm ihn ein befreundeter Polizist nach Zürich mit, zu Partien von GC. Tennis spielte er, aber «auf bescheidenem Niveau». Priorität genoss die Ausbildung – Matura, ETH-Studium, schliesslich der Doktortitel. Später gründete Strebel mit Wissenschaftlern der Hochschule die Forschungsfirma Fumapharm AG und entwickelte unter anderem ein Medikament für die Behandlung von multipler Sklerose. Mit dem Verkauf dieser Forschungsfirma an das amerikanische Pharmaunternehmen Biogen hatte er finanziell ausgesorgt. Das Medikament ist heute noch das am meisten verwendete orale Behandlungsmittel bei MS.

«Von unserer Kapazität und unseren Inhalten her können wir die Sportler athletisch an die Weltspitze bringen.Hans-Peter Strebel

Strebel ist überzeugt, dass der Spitzensport optimal gefördert wird, wenn dem Nachwuchs die besten Möglichkeiten geboten werden. Darauf zielt OYM ab: Jedes Team, aber auch jeder Einzelsportler soll dank Top-Infrastruktur, idealen Trainingsbedingungen und persönlicher Betreuung sein Potenzial maximieren. Erfolg garantiere dies aber noch nicht, sagt Strebel: «Von unserer Kapazität und unseren Inhalten her können wir die Sportler athletisch an die Weltspitze bringen. Ob sie das dann in ihrer Sportart umsetzen können, ist eine andere Frage.»

«Es wäre schön, wenn es mehr Menschen wie ihn gäbe»

Auf 350 bis 400 Millionen Franken schätzt die «Bilanz» Strebels Reichtum. 100 Millionen kostet OYM, ein respektabler Anteil an seinem Vermögen. Dazu sagt er aber nur: «Das ist meine Art, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.» EVZ-CEO Patrick Lengwiler charakterisiert Strebel so: «Er ist ein langfristig denkender und sehr generöser Visionär. Er leistet für die Sportwelt generell und unsere Organisation einen grossen Dienst. Es wäre schön, wenn es mehr Menschen wie ihn gäbe.»

Mahlen die Mühlen der Verwaltungen oft langsam, gilt dies hier nicht: Im Mai 2017 wurde das Baugesuch eingereicht, im August 2017 war Spatenstich, im März beginnt der Innenausbau. Für Strebel ist klar, wie Bürokratie umgangen werden kann: «Es wird extrem beschleunigt, wenn man alles selber finanzieren kann und nicht immer Entscheide von Kommissionen abwarten muss.» Ein Alleingang sei es aber nie gewesen: »Wir hatten im Prozess die Gemeinde immer wieder orientiert, sie sahen das Projekt nicht erst bei der Baueingabe.» Kritische Voten gab es kaum, einzig eine Einsprache von Pro Infirmis wegen behindertengerechtem Bauen. Es ging unter anderem um Toiletten und Liftgrössen, nach wenigen Treffen waren die Anpassungen beschlossen.

«Ich rede viel mit den Menschen, gehe auf sie zu und schätze, was sie machen. Ich bin nicht der General.»Hans-Peter Strebel

Er sei das ganze Leben gut damit gefahren, auf Dialog zu setzen, erklärt Strebel: «Ich rede viel mit den Menschen, gehe auf sie zu und schätze, was sie machen. Ich bin nicht der General.» Altmilitärische Denkweisen sind ihm ohnehin ein Graus: «Wenn ich im Team Leute habe, die meinen, sie müssen verbal dreinschlagen, dann raubt mir das die ganze Energie. Ich bin ein Harmoniemensch.»

Viel Geld und keine Ansprüche

Cham war einer von vier möglichen Standorten im Kanton. Gemeindepräsident Georges Helfenstein lobt: «Vom Tag an, als Strebel und Lengwiler das Projekt vorstellten, war ich begeistert. Wenn ein Privatmann so viel Geld investiert, ohne Ansprüche zu stellen, dann Hut ab.»

Wer aktuell in Cham-Nord vorbeifährt, sieht unweit des Fussballplatzes Eizmoos eine normale Baustelle. Immer mehr Leute wissen aber, dass hier etwas Grosses entsteht. «Der Bekanntheitsgrad von OYM in der Sportwelt ist enorm», freut sich Strebel. Der Gedanke an das künftige Angebot lässt jedes Sportlerherz hüpfen: eine Athletikhalle von 3000 Quadratmeter Grösse. Eine Dreifach-Sporthalle, in der mittels LED am Boden die Linien der verschiedenen Sportarten angezeigt werden können, und mit einem Glasboden versehen, auf dem sich beim Rutschen die Haut nicht verbrennt. Ein Eisrink, der in rund drei Stunden von nordamerikanischen Massen auf europäische Masse verändert werden kann, dazu spezifische Infrastruktur für Goalie- und Schusstraining. Der EVZ wird mit seinen vier Leistungsteams ganzjährig da trainieren.

«Es ist ein Paradies für Sportler, die an die Spitze wollen.»Hans-Peter Strebel

Die Infrastruktur bildet aber nur die Basis, wichtiger sind die Inhalte. Nach vielen Gesprächen sagt Strebel: «Es ist ein Paradies für Sportler, die an die Spitze wollen.» Schon bald war klar, dass das Projekt über das Eishockey hinausgehen wird. Mit Marco Toigo vom Forschungszentrum der Universität Zürich/Universitätsklinik Balgrist engagierte Strebel einen Experten im Bereich Muskelfunktionalität als Leiter Forschung und Athletik. Viele weitere Mitarbeiter sind von der ETH gekommen.

«Wir haben zahlreiche Themen, die wir wissenschaftlich aufarbeiten wollen, das ist sehr spannend», sagt Strebel. Die Anzahl der Angestellten wird kontinuierlich erhöht, am Schluss dürften es etwa 6 Akademiker sein. Insgesamt benötigt das OYM rund 40 Vollzeitstellen. Vorsitzender der Geschäftsleitung ist der ehemalige Luzerner Stadtpräsident Stephan Roth.

Der Swiss-Ski-Präsident stellt sich als Fahnenträger zur Verfügung

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann sagte kürzlich nach einem Besuch, er würde sich als Fahnenträger zur Verfügung stellen. Auch bei Swiss Olympic ist man begeistert, erklärt Ralph Stöckli: «Genial, was ein Privater dem Schweizer Sport zur Verfügung stellt. Das Projekt ist mit ­Inhalten gefüllt und geht weit übers das Eishockey hinaus. Da kann der Spitzensport nur Danke sagen.»

Risiken sieht der Leiter der Abteilung Olympische Missionen nicht: «Es ist sehr spannend, und mit dem EV Zug ist ein starker, verlässlicher Partner dabei. Am Schluss werden die Inhalte entscheiden, wie OYM ausserhalb des EVZ wahrgenommen wird, aber ich bin zuversichtlich.» Beim Bundesamt für Sport freue man sich auch über das Projekt, sagt Kommunikationschef Christoph Lauener: «Es ist positiv, wenn private Initiativen die Sportförderung in der Schweiz weiterbringen. OYM stärkt Cham und die Schweiz als Sportförderstandort.»

Jeder Athlet wird regelmässig vermessen.

Toigo und seine Crew lassen nicht einfach so trainieren, wie das in der Vergangenheit oft gemacht wurde. Oft sei eher das Gegenteil der Fall, sagt Strebel: «Es wird genau untersucht, welche Trainingsart den grössten Impact auf die Entwicklung der Muskulatur hat, die man anpassen will.» Jeder Athlet wird regelmässig vermessen. Im Eishockey werden in der Bossard-Arena und im OYM alle hockeyspezifischen Faktoren digitalisiert, sodass jede Bewegung genau nachvollzogen werden kann.

Dazu passend gibt es im Restaurant sportlerspezifische Nahrung. Es hat eine Eiweiss-Bar, eine Kohlenhydrate-Bar, es gibt Fruchtsäfte, Alkohol hingegen ist tabu. Auch hier sei Individualität oberstes Gebot: «Jeder Sportler wird aus den Testresultaten wissen, zu welchem Zeitpunkt er wie viel Energie zuführen muss und in welcher Form.»

Anfang 2020 öffnet das Paradies seine Pforten

Bei aller Euphorie weiss Strebel auch, dass immer wieder Athleten versuchen, die Grenzen durch unerlaubte Mittel zu verschieben. Allein bei der Erwähnung des Wortes «Doping» zuckt er zusammen: «Das wäre der Tod des OYM. Wir werden jeden Sportler informieren, dass es keinerlei Toleranz gibt. Wir werden auch selber konsequent Tests durchführen.» Diesbezüglich steht OYM auch mit Matthias Kamber, dem ehemaligen Direktor von Antidoping Schweiz, in Kontakt.

Im Eishockey geniessen der EVZ, die Nationalmannschaft und im Sommer die Schweizer NHL-Spieler exklusives Gastrecht.

Anfang 2020 folgen die Abnahmen durch die Feuerpolizei und weitere Behörden. Im Februar oder März möchte man operativ sein. Es sei eine sehr spannende Zeit, sagt Strebel: «Wir haben sehr viele Meetings, bei denen es um Inhalte geht, alles wird immer detaillierter. Da ist zum Beispiel die Eisbelegung. Wie viel brauchen unsere vier Teams, haben wir noch andere Kapazitäten?» 62, 63 Prozent werden durch den EVZ gebraucht, auch Eiskunstläufer haben ihr Interesse angemeldet. In einigen Jahren soll der Betrieb ohne Defizit wirtschaften.

Die Schule muss sich dem Sport anpassen, nicht umgekehrt

Im Eishockey geniessen der EVZ, die Nationalmannschaft und im Sommer die Schweizer NHL-Spieler exklusives Gastrecht. «Alles andere könnte ich mit meinem EVZ-Herz nicht vereinbaren», erklärt Hans-Peter Strebel. «Alle anderen Sportarten im Topbereich sind aber herzlich willkommen.» So hat sich der Handballverband für OYM entschieden, um in Cham eine kompetitive Nationalmannschaft der Frauen aufzubauen. Ein möglicher weiterer Mieter ist der Internationale Eishockeyverband mit einer geplanten Schiedsrichterakademie. Auch die Polizei hat sich nach Möglichkeiten erkundigt, ihre Elitetruppen in Cham athletisch weiterzubilden.

Für Sportler sind die Kriterien klar: Zugelassen werden Inhaber der Swiss Olympic Talent Card und weitere Junge, die an die Spitze wollen. Das Mindestalter soll bei 16 Jahren liegen, die meisten Talente werden Sport und Schule kombinieren. So wollen rund 90 Prozent der Handballerinnen die Matura machen. Dafür wurde in Zusammenarbeit mit der Sportmittelschule Engelberg das OYM College gegründet, ein Schulbetrieb mit maximal 120 Plätzen, auf vier Jahre verteilt. Eine separate AG wurde gegründet. Strebel ist mit 52 Prozent auch Mehrheitsaktionär, die weiteren Anteile verteilen sich auf die Sportmittelschule (45) und die EVZ Academy (3).

Frontalunterricht ist out, die Schüler erhalten den Stoff elektronisch vermittelt und können sich dann an die Lehrer wenden. «Die Schule muss sich um den Sport organisieren und nicht umgekehrt», erklärt Strebel.

Zweifel hat er keine, nur Vorfreude. Dabei hilft ihm eine Tugend: «Ich brauche immer eine gewisse Zeit, bis ich mit einem Projekt anfange. Aber wenn ich es tue, gibt es keinen Weg zurück.»

Dereinst sollen Strebels zwei Söhne die strategische Leitung übernehmen und so die Nachhaltigkeit gewährleisten. Der Moment der Stabübergabe ist aber noch weit entfernt, sagt der Vater: «Ich freue mich auf den weiteren Weg, es bleibt noch viel zu tun.» Das sind keine guten Neuig­keiten für das Saxofon.

Erstellt: 16.12.2018, 12:08 Uhr

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