Auf den Mond und zurück

David Aebischer behauptete sich als erster Schweizer in der NHL. Er lotete alle Höhen und Tiefen aus – nun beginnt er nochmals neu.

David Aebischer mit Traum-Save gegen Brett Hull


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Wenn David Aebischer auf seiner Reise durch die Eishockeywelten etwas gelernt hat, dann das: Auf die Details kommt es an. Wie damals, als er sich als Junggoalie bei Colorado etablieren wollte und ihn Bob Hartley am Tag nach einem Spiel in sein Büro bat. «Sind deine Haare nicht zu lang? Stören sie dich nicht beim Spielen?», fragte ihn der Coach. Aebischer verneinte. Dann spielte ihm Hartley eine Szene vor, wie er einmal kurz den Kopf schüttelte. Eine Strähne war ihm vor die Augen gerutscht. Hartley stellte ihn vor die Wahl: Entweder würde er die Haare schneiden oder am Wochenende nicht spielen. «Seitdem trage ich die Haare kurz», sagt Aebischer schmunzelnd.

Es ist ein sonniger Tag in Rapperswil-Jona, als der bald 37-Jährige im Starbucks Reminiszenzen aus seiner Karriere erzählt, die getrimmte Haarpracht unter einer Mütze verborgen. Eine Woche ist es her, dass er seinen Rücktritt bekannt gab. Er scheint zufrieden zu sein mit seiner Entscheidung. Anfang Jahr nahm er sich eine Woche Zeit, liess sich alles durch den Kopf gehen. Er kam zum Schluss: Das war es. Als sich zwei mögliche Engagements im Ausland zerschlagen hatten, war er des Wartens und Organisierens von Trainings müde. «Ich wollte nicht von Ort zu Ort ziehen, zwei Wochen hier spielen, zwei dort», sagt er. «Das tut man nicht mehr in meinem Alter.»

Die Geste an die Heimat

Er behielt seinen Rücktritt aber noch eine Weile für sich, denn er wusste: «Wenn es öffentlich wird, ist das wieder mit Verpflichtungen verbunden, muss ich Interviews geben.» Als er bereit war, kontaktierte er die Zeitungen aus seiner Heimat: die «Freiburger Nachrichten» und «La Liberté». «Sie hatten meine Karriere verfolgt, seit ich 16 war. Es war eine Geste gegenüber meiner Herkunft, dass ich es da zuerst verkündete.»

Es gab im Verlauf der Jahre einiges zu berichten über ihn. Aebischer war ein Wegbereiter. Als er auszog, um die NHL zu erobern, war diese noch weit weg. «So weit weg wie der Mond», sagt er. «Ich hatte, als ich klein war, vielleicht ab und zu eine Videokassette mit Szenen aus der NHL gesehen. Mehr nicht. Heute kann man am Morgen den Computer anstellen und jeden Match schauen. Auch das Scouting war noch viel weniger entwickelt. Das Schweizer Eishockey wurde kaum wahrgenommen.»

Zweiter Big-Save:

So hatte es Aebischer dem Zufall in der Person des Journalisten Bertrand Raymond («Journal de Montreal») zu verdanken, der ihn in den Skiferien in der Schweiz entdeckt und NHL-Clubs empfohlen hatte, dass er gedraftet wurde. Als er 19 war, überstürzten sich für ihn die Ereignisse. Aus dem Trainingscamp Colorados nach Freiburg zurückgekehrt, hörte er länger nichts mehr aus Denver. Doch dann musste er sich Ende September 1997 plötzlich innert Stunden entscheiden, ob er einem Dreijahresvertrag zustimme. «Ich schaute nicht einmal auf die Zahlen, unterschrieb einfach.» Am nächsten Tag bestieg er das Flugzeug.

In ähnlichem Tempo ging es weiter. Nach Hershey, nach Chesapeake in die East Coast Hockey League, nach Helsinki an die U-20-WM, zurück nach Übersee, fürs Playoff zu Gottéron, weil sich Thomas Östlund verletzt hatte, an die A-WM in der Schweiz. Er lernte die rauen Sitten in den unteren US-Ligen kennen, brillierte bei der Bronzemedaille mit den Junioren und erstaunte, als Ralph Krueger bereits bei den «Grossen» auf ihn setzte. «Es funktionierte einfach alles, was ich tat», sagt er. «Ich war zum richtigen Moment am richtigen Ort und traf dort auf die richtigen Personen.»

Meisterfeier mit Bodyguards

In Colorado auf Hartley, der seinen Arbeitseifer schätzte. «Wie ein Traum» sei sein erstes NHL-Jahr (2000/01) gewesen, schwelgt Aebischer. «Auf einmal spielte ich in diesen riesigen Stadien, alles wurde mir abgenommen. Ich war täglich mit Topstars zusammen, saugte alles auf wie ein Schwamm.» Und in der ersten Saison mit ihm als Nummer 2 feierte Colorado gleich den Stanley-Cup-Gewinn. Im Viertelfinal gegen Los Angeles durfte er 32 Sekunden aufs Eis – Hartley hatte seinen Stars durch die Goaliewechsel Verschnaufpausen verschafft.

Den Tag mit dem Pokal kostete Aebischer aus, vom Apéro am Vormittag bis zu den feuchtfröhlichen Feiern in Bars und Nachtclubs in Freiburg war die Trophäe dabei, bewacht von zwei Bodyguards. Den Stanley-Cup-Ring trägt er nie, «weil er zu gross, zu protzig ist». Wenn er einmal ein eigenes Haus hat – er hat sich im Kanton Freiburg ein Stück Land gekauft –, will er ihn dort in einer Vitrine ausstellen, zusammen mit den Leibchen von seinen NHL-Stationen.

Am liebsten wäre ihm gewesen, es wäre nur eines gewesen. In Denver, wo seine Freundin und spätere Frau Alexandra Politikwissenschaften studieren konnte, gefiel es ihm am besten. Und dort spielte er 2003/04 als Nachfolger Roys auch seine beste Saison. Das Lockout-Jahr, das folgte, markierte dann einen Bruch in Aebischers Karriere. «Wenn ich etwas bereue, dann, dass ich damals nicht bei Gottéron spielen konnte», sagt er. «Eigentlich war schon alles geregelt, dann klappte es trotzdem nicht. Plötzlich hiess es: Wir wollen keine NHL-Spieler. Sie holten später natürlich trotzdem welche.»

Als ihn das Glück verliess

Er landete bei Lugano, wo Larry Huras auf Ronnie Rüeger setzte. Zurück in der NHL wurde er nach einer mittelmässigen Saison nach Montreal abgegeben. «Als der General Manager kurz vor Transferfrist anrief, wusste ich: Das bedeutet nichts Gutes.» So sehr Aebischer zu Beginn seiner Karriere vom Glück begünstigt gewesen schien, so sehr verliess es ihn danach.

Nach seiner Rückkehr zu Lugano (2007 bis 11) war der angestrebte Titel weit entfernt, in den letzten beiden Saisons wurde er in Rapperswil-Jona zum Sündenbock. «Ich spielte nicht immer so, wie ich es mir wünschte», sagt er. «Aber es gab auch viele, die sich hinter der Kritik an mir versteckten.» Künftig will er als Goalietrainer wirken. Und als solcher ist er auch prädestiniert, seinen sechsjährigen Sohn Noam zu fördern. «Es war wohl unvermeidlich, dass er auch Goalie werden will», sagt er schmunzelnd. «Auch wenn ich es ihm nicht empfehle. Denn es ist wirklich kein einfacher Job.» Aebischer muss es wissen. Er flog auf den Mond und zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2015, 16:52 Uhr

Interview

«Ich beanspruche keine Anerkennung
für den Erfolg anderer»


Erste Schweizer Nummer 1: Aebischer 2003 in Denver. Foto: Keystone

Sie setzten sich als erster Schweizer in der NHL durch. Wie gross ist Ihr Anteil daran, dass Ihnen so viele nachfolgten?
Jeder, der es geschafft hat, hat sich das selbst erarbeitet. Das ist sein eigenes Verdienst. Ich half vielleicht, ganz am Anfang den Ruf der Schweizer zu ver­bessern. Damals hiess es: Die haben ein schönes Leben bei sich zu Hause, die beissen sich hier sowieso nicht durch, sind soft, haben keine gute Einstellung. Ich hoffe, dass ich diesbezüglich etwas bewirken konnte. Aber ich beanspruche keine Anerkennung für den ­Erfolg ­anderer. Und wenn man die Wege der über 20 Schweizer analysiert, die in der NHL gespielt haben, sieht man auch, dass alle verschieden waren. Es gibt ­keinen Fahrplan in die NHL.

Was würden Sie jungen Spielern raten?
Es mag klischiert tönen. Aber man muss daran glauben und hart arbeiten. Und jeder muss seinen Weg finden, muss ­herausfinden, was für ihn das Beste ist. Für einige ist es gut, wenn sie mit 16 in eine Juniorenliga nach Kanada gehen. Für andere ist es besser, noch in der Schweiz zu bleiben. Einige sind mit 20 bereit, andere erst mit 25. Ich hätte schon früher nach Nordamerika wechseln können, mit 16 in die Québec League. Damals war ich aber noch in der Lehre als Heizungsmonteur. Als ich zu meinem Vater sagte, ich würde nun die Lehre abbrechen und nach Québec spielen gehen, legte er sein Veto ein. Also musste ich zuerst die Lehre ab­schliessen. Kürzlich sagte mir jemand, dass sich pro Saison 37 Spieler neu in der NHL ­etablieren. 37 pro Jahrgang weltweit. Die Chancen sind also verschwindend klein. Nur die schaffen es, die ­etwas ­Spezielles mitbringen.

Was brachten Sie mit?
Ich war sicher nicht der Talentierteste. Aber ich hatte immer eine gute Arbeits­einstellung. Auch als Teenager hatte ich kein Problem damit, zugunsten des Eishockeys auf den Ausgang zu verzichten. Ich konnte den Kollegen gut absagen. Natürlich, man muss auch etwas Glück ­haben bei den Genen. Aber mit ­Arbeit kann man viel wettmachen. Und es half, dass ich Französisch spreche. ­Dadurch konnte ich mich leichter integrieren. Denn überall hatte ich ­einige Mitspieler aus Québec. So fand ich leicht Anschluss. (Interview: sg./sis)

(Tages-Anzeiger)

Rapperswil als Zwischenstation. David Aebischer will nach seinen Wanderjahren in Freiburg sesshaft werden. Foto: Reto Oeschger

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NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

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