Brüllen, Gewalt, Psycho-Spiele – Eishockey vor einer Zerreissprobe

Anschuldigungen gegen Cheftrainer überrollen Amerikas Eishockey wie eine Lawine. Die zentrale Frage ist: Wo hört Förderung auf, wo beginnt (Macht-)Missbrauch?

Illustration Kornel Stadler.

Illustration Kornel Stadler.

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Wo beginnen? Die im Eishockeykosmos kursierenden Anschuldigungen und Enthüllungen über verbale, mentale und psychische Übergriffe oder gar Misshandlungen durch Headcoaches werfen mehr Fragen auf, als in einem Atemzug beantwortet werden könnten. Zentral ist sicher diese: Wo ist eine Linie zu ziehen?

Rassistische und homophobe Äusserungen des letzte Woche zurückgetretenen Calgary-Coaches Bill Peters gegenüber einem dunkelhäutigen Spieler sind ein No-Go, da muss nicht diskutiert werden. Peters ist weg und dürfte von keinem Sportchef je wieder verpflichtet werden, wenn dieser bei Trost ist. Da kann auch nicht die «Früher-war-das-halt-so»-Karte gezogen werden.

Mike Babcock, der Übertrainer, dessen Lack nun mit jeder neu auftauchenden Story von früheren Spielern abblättert, fällt in eine ähnliche Kategorie. Das publik gewordene Psychospielchen, das er mit Jungstar Mitch Marner betrieb (er forderte den damaligen Teenager im Vertrauen auf, Mitspieler nach Arbeitsmoral zu sortieren, und präsentierte diesen dann die Tabelle), hat zudem nichts mit Eishockey zu tun.

Jeder Arbeitnehmer, egal in welcher Branche, der schon mal solche «Spielchen» am eigenen Leibe erfahren hat, weiss, was von Babcock zu denken ist. Auch bei ihm gilt, Stanley-Cup-Ring hin, Olympiasiege mit Kanada her: Babcock dürfte kaum noch von irgendeinem (nordamerikanischen) Club verpflichtet werden.

Was geht? Was nicht?

Doch reicht ein aggressives Anschreien auf der Bank während eines emotional aufwühlenden Spiels auch schon, um als Coach unter Generalverdacht gestellt zu werden? Gerade in der modernen Welt der sozialen Medien, in der jeder sich anonym einen Account erstellen und irgendwelche Bilder mit irgendwelchen Vorwürfen dazu posten kann, ohne dafür geradestehen zu müssen?

Weil eben: Wo ziehen wir die Linie? Ziehen wir sie zu tief, haben wir schnell einmal kaum noch einen Profitrainer, der nicht um seinen Job fürchten muss. Irgendwann wurde jeder mal laut. Darf also wenigstens da der «Früher-war-das-halt-so»-Trumpf gezogen werden? Muss er das sogar? Es gibt schliesslich Spieler, die offen sagen, dass sie den harten Umgangston, den (bildlichen) Tritt in den Hintern brauchen, um ihre volle Leistung abrufen zu können.

Wichtig für einen Headcoach zu wissen ist, dass er nicht mit jedem Spieler gleich umgehen kann, was diesen bereits äusserst schwierigen Job noch diffiziler macht. Was für den einen gut ist, kann dem anderen schaden. Diese Linie, sie dürfte zwar von jedem individuell gezogen werden, doch der grundsätzlich herumbrüllende Coach hat bei der neuen Generation keine Chance mehr.

«Führen durch Angst»

«Management by fear» nennt sich das, was früher eben gang und gäbe war in Garderoben und teilweise auch an der Bande. Das bestätigen viele Spieler, die das noch erlebt haben oder, je nach Heimatland, immer noch erleben. Eine Kulturfrage war und ist das auch. Wer als junger Sportler im Westen beispielsweise Trainer aus dem Osten Europas erlebte, konnte durchaus dieses «Führen durch Angst» in seinen extremeren Facetten kennen lernen.

Und all jene Menschen, die vor den Neunzigern aus dem Osten in den Westen zogen, kannten die in ihrer alten Heimat üblichen Sitten in Sportclubs oder Schulen bereits. Dort wurde nicht hinterfragt, sondern pariert. Gerade für Spitzensportler, die letzteren Weg gingen, erscheinen die heute angeprangerten Methoden von damals als nichts Spezielles. Das sagen sie selber.

Dieser Aspekt, eben ausserhalb des Eishockey-Kosmos zu denken, ist wichtig. Denn auch wenn eine Eishockey-Garderobe in vielem eine eigene Welt mit eigenen Regeln sein mag und es wohl auch immer bleiben wird, ist sie am Ende auch dies: ein Arbeitsplatz. Viele Fragen, die sich nun nach Peters, Babcock und Co. stellen, lassen sich vielleicht besser beantworten, wenn wir uns ähnliche Situationen in einem normalen Büro vorstellen.

Zum Beispiel diese gerade jetzt oft gehörte: Warum kommen diese Spieler erst jetzt, teilweise zehn Jahre danach, teilweise erst nach der Karriere mit den Vorwürfen? Warum taten sie das nicht gleich sofort vor Ort? Wer im Büro schon einen Vorgesetzten erlebt hat, der bloss auf diesen Posten gekommen ist, weil der Boss eine Stufe höher dessen bester Kumpel ist, kann diese Frage gut beantworten.

In der Eishockey- und in jeder anderen Teamsport-Szene funktioniert das ja ähnlich. Und man sieht sich oft zweimal. Oder dreimal. Kein Spieler kann sicher sein, Jahre später, selbst an einem ganz anderen Ort, nicht wieder an denselben Coach, Sportchef oder Präsidenten zu geraten.

Es ist darum für jeden Spieler, der kein ausgesprochener Superstar auf Weltklasse-Niveau ist, heikel bis unmöglich, aufzubegehren. Off the record davon reden? Kein Problem. Etwa ein Spieler, der sich die ganze Motivation eine Weile lang daraus holte, länger im Business zu bleiben als sein ihn peinigender Coach.

Oder ein physisch über imponierende Masse verfügender Spieler, der sich seines Trainers Forderungen verweigerte, mit Fights und unsauberen Methoden Gegner einzuschüchtern oder gar ganz aus dem Spiel zu nehmen – und darum seinen Stammplatz verlor.

Das sind zwei typische Geschichten, erzählt meist nur hinter vorgehaltener Hand.

In den Medien zitiert werden? Wollen immer noch viele nicht. Teilweise nicht einmal nach der Karriere. Weil man dann ja auch als «Weichei» abgestempelt werden könnte. Oder als «Schwester» (und vieles mehr), wie noch vor nicht allzu langem auch bei uns Spieler innerhalb dieses Hockey-Kosmos bezeichnet wurden, wenn sie Zeichen von Schwäche zeigten. Auch das ist etwas, was «normal war», nicht hinterfragt wurde.

Das Denken ist tief verwurzelt

Nicht hinterfragt, gerade in Nordamerika, wird vieles auch darum, weil auch auf den meisten Sportchef- und General-Manager-Posten ehemalige Spieler der alten Generation tätig sind. Sie kennen aus ihrer Aktivzeit nichts anderes als den harten Umgang der Old-School-Coaches. Und weil seit Jahren im Eishockey (und wohl allen anderen grossen Teamsportarten auch) diesbezüglich wenig bis nichts hinterfragt wurde, hat sich die Szene diese nun aufbrechenden Diskussionen selbst eingebrockt. Es ist ein Teufelskreis.

Diese heutigen, rund 60-jährigen General Manager und ehemaligen Spieler in der NHL: Man stelle sich vor, wie extrem das wohl für sie gewesen sein muss in den Siebzigern oder Achtzigern, als der Umgangston noch viel rauer war, sagt ein weiterer, längst zurückgetretener Spieler, der aber auch sofort bittet, in diesem Text nicht mit Namen genannt zu werden.

Er sagt auch dies: Wie froh er sei, wenn er an seine Tage als junger Spieler in Nordamerika und seine Ängste vor diversen Coaches denke, dass diese Lawine nun endlich losgetreten worden ist. Es würden nun immer mehr Namen von Coaches und General Managern in dubiose Zusammenhänge gebracht, da sei er sich sicher. Das Eishockey stehe vor einer Zerreissprobe.

Auch in europäischen Ländern könnte diese Lawine folgen, auch in der Schweiz. Chris Rivera, während 12 Jahren Profi bei Genf-Servette und mittlerweile zum Plausch noch in der 3. Liga aktiv, teilte vor ein paar Tagen via Twitter dies mit: All die Geschichten, die nun über Badcock (sic) öffentlich werden, erinnerten ihn an die Zeit mit Chris McSorley, seinen langjährigen Trainer und heutigen Sportchef in Genf. Dieser habe ihn zwar als Spieler geformt, aber gleichzeitig auch als Mensch zerstört.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 04.12.2019, 20:23 Uhr

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