Coffey, extra stark

Einst war er der spektakulärste Verteidiger der Welt. Jetzt ist Paul Coffey zum ersten Mal in Davos – als Coach und auf der Suche nach früheren Gefühlen.

Superstars als Freunde: Paul Coffey (l.) und Wayne Gretzky bei den Edmonton Oilers. Foto: Getty Images

Superstars als Freunde: Paul Coffey (l.) und Wayne Gretzky bei den Edmonton Oilers. Foto: Getty Images

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Dunkler Skianzug, melierte Haare, federnder Gang. So also sieht der beste Schlittschuhläufer aus, den die NHL je gesehen hat. Sonore, fast heisere Stimme, in höheren Lagen brüchig: So also klingt Paul Coffey heute. Der 58-Jährige sitzt in der Lobby eines Davoser Hotels und erzählt, warum er hier ist. «Man hat Wayne gefragt, ob er am Spengler-Cup coachen wolle. Er sagte Ja – aber nur, wenn ich auch dabei bin.»

Will Vertrauen geben: Coach Coffey in Davos. (Bild: Keystone)

Wayne ist Wayne Gretzky, «The Great One». Und was bei anderen Angeberei wäre, klingt bei Coffey normal: Leicht vorstellbar, dass der beste Spieler der Geschichte Wert darauf legt, den besten Verteidiger der ­Geschichte im Staff zu wissen, seinen ehemaligen Teamkollegen bei Edmonton.

Mit Gretzky in Davos klappte es am Ende doch nicht – «Terminprobleme», so Coffey. Doch er selbst ist hier, zum ersten Mal überhaupt, mit seiner ganzen, fünfköpfigen Familie. Er wirkt als Assistenzcoach beim Team Canada, zuständig für die Verteidiger. Und sein Chef stammt trotz Gretzky-Absage aus der Oilers-Dynastie der 1980er. «MacT ist eingesprungen», sagt Coffey.

Enge Schuhe, mehr Gefühl

MacTavish, Vorname Craig, hat eine schöne Karriere gemacht. Das Niveau von Gretzky oder Coffey erreichte er allerdings nicht annähernd. Doch wer tat das schon? Coffey gewann vier Stanley-Cups, hält 33 NHL-Rekorde, war dreimal bester Verteidiger der Liga. Der einzige Abwehrspieler mit mehr Skorerpunkten benötigte dafür ungleich mehr Spiele. «Er ist der beste Schlittschuhläufer, den ich je gesehen habe», schwärmte Edmontons Manager einst.

Und heute? Gibt es Spätfolgen davon, dass der Kanadier seine Schlittschuhe stets zwei Grössen zu klein trug, um das Eis besser zu spüren? Wie lebt es sich nach einer Karriere, die kaum zu übertreffen ist?

Die erste Antwort ist leicht. «Die Füsse tun manchmal ein bisschen weh», sagt Coffey, «aber Eishockey hinterlässt immer Spuren.» Die zweite Antwort klingt nur leicht. Doch sie sagt viel über den Mann, der bekannt war für seine Sturmläufe und seinen riskanten Stil. Der seinen Spielern in Davos Vertrauen und Freiheiten geben will. «Man muss sofort vergessen, was auf dem Eis passiert ist. Wenn man an den letzten Einsatz denkt, kann man nicht weitermachen.»

«Man muss loslassen können und ­vorwärts schauen.»Paul Coffey

Coffeys Stimme bricht, sein Blick bleibt fest. Der Mann aus Toronto ist keiner, der schnell lacht. Er zieht die Skijacke aus, beugt sich vor und sagt: «Man muss loslassen können und ­vorwärts schauen. Das halte ich auch im richtigen Leben so.»

Das richtige Leben: Bei Coffey bedeutet das heute ein Autohaus, das er im Norden von Toronto führt. Eine Firma für Abfall-Entsorgung, die er letztes Jahr mit einem Compagnon gründete und bis in fünf Jahren gewinnbringend verkaufen will. «Abfall ist ein grosses Geschäft, aber auch ein grosses Problem», hat er erkannt. Und seine Aktivitäten nehmen kein Ende.

Auf seiner Website (paulcoffey.ca) zum Beispiel: Dort kann man ihn als Gastredner verpflichten, für Autogrammstunden oder für Golfturniere («Buchen Sie mich für einen Anlass»), für 327 Dollar Trikots aus seiner langen Karriere erwerben oder für einen Bruchteil davon Autogrammkarten und signierte Pucks. Als Coach versuchte er sich ebenfalls kurz, beim Juniorenteam eines Freundes. Und auch bei den ­Oilers hat er, wie sein alter Freund Gretzky, noch ein Mandat als Consultant.

So viel Geschäftstüchtigkeit sieht nach Aktionismus aus. Aber sie ist auch Selbstschutz für einen Mann, der von sich sagt, er schaue ungern zurück. Dem nicht die Kollegen von damals fehlen, sondern die Emotionen.

«Freunde finden kann man immer und überall», erklärt er. Und die alten Verbindungen halten sowieso: Selbst wenn er Gretzky, MacTavish oder Mark Messier monatelang nicht gesehen habe, sei die Verbindung bei jedem Treffen wieder da. Was hingegen nicht zurückkommt, sind die grossen Gefühle, die Hochs und Tiefs im Wettkampf. «Das kriegst du im Berufsleben nie mehr. Egal, wie erfolgreich du bist.» Coffey hebt den Arm über den Kopf. «Wenn du einmal hier warst», erklärt er, «und das dann verlierst, ist es brutal.»

Ein Berner WM-Unikat

Der Besuch in Davos ist darum alles ein bisschen: sportlicher Wettkampf mit grossen Gefühlen, Wiedersehen mit Freunden, Familienausflug. Der Spengler-Cup ist sein zweites Turnier in der Schweiz, das erste war 1990 die Weltmeisterschaft in Bern– seine einzige überhaupt. «Ich hatte das Glück, im Frühling meistens im Playoff zu spielen», stellt er fest. Als habe das besonders viel mit Glück zu tun.

Dann ist es Zeit zu gehen. Coffey blickt zum Jakobshorn, wo er den freien Tag mit der Familie zum Skifahren nutzt. Zum dritten und wohl letzten Mal in dieser Woche. Er greift zur Jacke, steht auf und verabschiedet sich mit einer Liebeserklärung: «Die Menschen hier sind grossartig.» Als er am Vortag auf der Piste stürzte, seien sofort Leute gekommen, um ihm aufzuhelfen. «Die hatten keine Ahnung, wer ich bin. Die waren einfach nett.»

Oder bloss schnell von ­Begriff. «Ich fahre nicht gut Ski», spricht Coffey das Selbstverständliche aus, «Schlittschuhlaufen fiel mir leichter.»


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Erstellt: 28.12.2019, 12:38 Uhr

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