Da bleibt Kossmann nur noch der Galgenhumor

Die ZSC Lions waren zum Playoff-Auftakt in Zug (1:4) in allen Bereichen unterlegen. Selbst der Versuch, aggressiv zu spielen, rächte sich.

Hans Kossmann wirkt ratlos. Bild: M. Duchene (Keystone)

Hans Kossmann wirkt ratlos. Bild: M. Duchene (Keystone)

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Den Humor hat Hans Kossmann immerhin nicht verloren. Als der ZSC-Coach am späten Samstagabend in den Katakomben des Zuger Stadions gefragt wurde, wieso er sich für den Playoff-Auftakt für Defensivcenter Pascal Pelletier entschieden hatte, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: «Na ja, wenn man fünf ausländische Center hat, die zusammen in 80 Spielen 10 Tore geschossen haben, dann sind wohl alle fünf Defensivcenter.» Es waren, der Korrektheit halber, in der Summe sogar 95 Spiele, die Pelletier, Sjögren, Shore, Vey und Korpikoski zuvor bestritten hatten. Mit der erwähnten Ausbeute.

Das Playoff hat gerade erst begonnen, und es braucht nach dem 1:4 in Spiel 1 schon sehr viel Fantasie, sich vorzustellen, wie die ZSC Lions diese Serie gewinnen können. Ja sogar eine gewonnene Partie gegen diese eingespielten Zuger scheint für sie eine Mammutaufgabe. Zum vierten Mal in Serie brachten die Zürcher nur ein Tor zustande, also kann der Weg für sie vorerst nur über eine ­solide Defensive führen. Doch ohne die verletzten Marti und Blindenbacher hat die Abwehr nicht die Klasse, um die schnellen Zuger zu stoppen. Höheren Ansprüchen genügen momentan nur Geering und Klein.

Vielleicht wäre es ja eine Idee gewesen, im Hinblick aufs Playoff noch einen weiteren ausländischen Verteidiger zu verpflichten, so wie es Lugano mit dem Kanadier Ryan Johnston getan hat. Doch dafür ist es nun zu spät. Es fehlt nicht nur in der eigenen Zone an Stabilität, es fehlen auch die schnellen Angriffsauslösungen. Dass der 18-jährige Tim Berni inzwischen in den Top 6 spielt, um die Angriffe anzukurbeln, sagt einiges aus. Berni ist talentiert, doch er hat in der NLA erst neun Spiele bestritten. Dass er es richten soll, ist doch etwas viel verlangt.

Mehr Cleverness gefragt

Am Willen fehlte es den Lions in Zug nicht. Doch wenn man erst zum Playoff-Start versucht, Aggressivität ins Spiel zu bringen, stellt man sich aus Unerfahrenheit ungeschickt an. Immer wieder wanderten die Zürcher auf die Strafbank. «Die vielen Strafen haben uns in den ersten zwei Dritteln brutal den Rhythmus gebrochen», sagte Wick. «Wir sind die grössere, kräftigere Mannschaft. Das sollten wir die Zuger auch spüren lassen. Aber wir müssen unsere Aggressivität viel ­cleverer einsetzen.»

Die ersten drei Gegentore entsprangen alle Unzulänglichkeiten. Beim frühen 0:1 Stalbergs liess sich Phil Baltisberger vom Schweden überlisten, vor dem 0:2 durch Diaz war sich Herzog zu schade, sich in den Schuss zu werfen, das 0:3 Klingbergs lancierte Pestoni mit einem Puckverlust. Kossmann reagierte und ersetzte Herzog im Schlussdrittel im ersten Sturm durch Bachofner, Pestoni spielte ohnehin kaum. Fürs Heimspiel vom Dienstag dürfte es Kossmann wieder mit neuen Linien und wohl auch Kräften versuchen, vielleicht erhalten dann Vey und Korpikoski die Chance, es besser zu ­machen als Pelletier und Shore.

Es ist Playoff, und die ZSC Lions ­haben immer noch überall Baustellen. Da bleibt wirklich nur noch der ­Galgenhumor.


Immerhin ein Luxusproblem

Der EV Zug bestätigt seine Favoritenstellung. Der Vorjahresfinalist ist noch stärker geworden.

Nur eines scheuen Eishockeyspieler im Playoff mehr als Niederlagen: unüberlegte Aussagen über Schwächen beim Gegner. Im Wissen, wie schnell eine ­Serie drehen kann, mag niemand Öl ins Feuer giessen. So lobte auch Lino Martschini die Reaktion des ZSC im Schlussdrittel – beim Stand von 0:3: «Sie haben eine Schippe draufgelegt, wir waren ­etwas weniger gradlinig als vorher. Da haben wir gesehen, dass wir unser Spiel 60 Minuten durchziehen müssen.»

Als der Wirbelwind zur Analyse erschien, hatte sein Puls längst wieder Normalwerte erreicht. Zug hatte die Partie souverän verwaltet, kurzzeitig hatte sich sogar eine Form von Langeweile eingeschlichen, an der nur die ­Anhänger der Zentralschweizer ihre Freude haben konnten. Kein Vergleich zum ersten Spiel des Vorjahres: Erst sieben Sekunden vor Spielende hatte Captain ­Raphael Diaz den EVZ in die Verlängerung gegen Genf-Servette gerettet, und wenn dort nicht Tim Traber eine riesige Möglichkeit vergeben hätte, wäre den Zugern vielleicht kein Steigerungslauf gelungen.

Einen Final und einen zweiten Platz in der Qualifikation später sind die ­Zuger: stärker, stabiler, gefestigter. Martschini sagt es so: «Unser Kern ist zusammengeblieben, und wir haben einiges zusammen erlebt.» Und dann sind da noch Garrett Roe und Viktor Stalberg, die neuen Ausländer.

Was Roe an Körperlänge fehlt, macht er mit seinem Kämpferherzen wett. Stalberg brachte die Mentalität eines Stanley-Cup-Siegers nach Zug, gepaart mit dem Willen, sich nach Jahren in der ­offensiven Anonymität der dritten und vierten Linie neu zu erfinden. In der Qualifikation war er mit 50 Punkten Zugs Topskorer – einen Punkt vor Roe – am Samstag erzielte er das wichtige 1:0. Für Martschini geht der Wert seiner Linienkollegen weit über die Produktivität ­hinaus: «Sie wollen unbedingt gewinnen. Sie markieren Präsenz, sie checken, sie blockieren Schüsse.»

Sportchef Reto Kläy hätte für seine ausländischen Verpflichtungen der letzten beiden Jahre einen saftigen Bonus verdient, und diese gewaltige Leistungsdifferenz könnte zum Hauptunterschied werden. Fredrik Pettersson, der einzige Zürcher, der regelmässig das gegnerische Tor trifft, wurde gut kontrolliert. Mit einem Spezialauftrag habe dies aber nichts zu tun gehabt, befand Harold Kreis: «Wir wollten gar niemandem von den Zürchern Raum und Zeit lassen.»

Einen «Dogfight» hatte Zugs Trainer erwartet, einen Kampf auf Biegen und Brechen, wie oft in den Viertelfinals, erst recht angesichts des Potenzials des Gegners. Auch für ihn wurde es aber ein entspannter Abend, der Sieg war ab der 7. Minute und dem 1:0 nie wirklich in Gefahr. Perfektionist Kreis sah dennoch Steigerungspotenzial, so bei drei doppelten nummerischen Überzahlspielen im Startdrittel, als sich der EVZ ungeschickt anstellte: «Da hat sich gezeigt, dass wir doch ein wenig nervös waren. Da habe ich Scheibenverluste gesehen wie noch nie in dieser Saison.» Es sind die Zuger Luxusprobleme aus dem März 2018. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 10:34 Uhr

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