«Das Engagement von NHL-Stars birgt Gefahren»

Mark Streit und Luca Sbisa stehen heute vor ihren Comebacks auf Schweizer Eis. Die Ansprüche der Fans an die beiden NHL-Profis mit rotem Pass sind hoch – wohl zu hoch.

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Normalerweise ziehen die Rapperswil-Jona Lakers das Publikum in Bern nicht gerade in den Bann. Das wird sich heute Abend aber ändern: Mark Streit, der verlorene Sohn aus der eishockeyverrücktesten Stadt Europas, tritt erstmals im Fanionteam des SC Bern an. Der ehemalige SCB-Junior und heutige Captain der New York Islanders erfüllt sich damit einen Bubentraum. Es gehört zu den vielen Eigenarten und den unglaublichen Storys des Schweizer Eishockeys, dass der 34–Jährige erst jetzt seine erste Partie mit dem Fanionteam seines Stammklubs bestreiten wird.

Der auch in der NHL renommierte Streit hat gegenüber der «Berner Zeitung» erklärt, dass er mit Bestimmtheit etwas nervös sei. Natürlich wolle er sofort eine tragende Rolle einnehmen und jene Verstärkung sein, welche sich die Berner erhoffen. Aber primär wolle er einfach spielen und den Abend geniessen. «Ich bin selbst gespannt auf meine Leistung.»

Das «Gift» von Thornton und Nash

Die Fans des Playoff-Finalisten, der einen durchschnittlichen Start in die Meisterschaft hinlegte, sind gut beraten, die Erwartungshaltung nach unten zu drücken. Denn der Musterprofi bestreitet gegen die Lakers sein erstes Saisonspiel überhaupt. NHL-Scout und Eishockey-Experte Thomas Roost warnt den Berner Anhang, der zukünftig auch das Comeback von Verteidiger Roman Josi (Nashville Predators) bewundern darf, aus einem anderen Grund. «Im Gegensatz zu Rick Nash und Joe Thornton gehören weder Streit noch Josi zu den 25 besten Eishockeyspielern der Welt. Der Einfluss der Schweizer NHL-Profis wird geringer sein als jener des Duos, das den HCD verstärkt, oder anderen wirklichen Stars aus Übersee.» Das Gleiche gelte auch für Luca Sbisa. Beim robusten Verteidiger in Diensten der Anaheim Ducks wird nach dem Einlaufen entschieden, ob er heute mit dem HC Lugano gegen die jungen Flyers aus Kloten in der Resega zum Einsatz kommen wird. «Auch Sbisa gehört nicht zu jenen Verstärkungen, welche die anderen Teams vom Eis fegen.»

Der spektakuläre Auftritt von Center Thornton (4 Assists) und Flügel Nash (3 Tore) am vergangenen Samstag beim 9:2-Erfolg gegen die Lakers betrachtet Roost als «Gift für die Erwartungshaltung der Fans in Sachen Lockout-Verstärkungen. Bei aller Bewunderung: Auch wenn die beiden Stürmer gut harmonieren und wirklich Klasse darstellen, so wird deren erster Auftritt nicht die Normalität sein.» Die Lakers erstarrten zudem in Bewunderung und waren an jenem Abend ein inferiorer Gegner. Der gloriose Auftritt der prominenten Davoser Teilzeitmitarbeiter ist ein Warnschuss für die Liga-Konkurrenz.

Zwei Seelen in einer Brust

Sbisa werde von allen bisherigen engagierten Lockout-Profis am meisten Mühe haben, einer Partie den Stempel aufzudrücken. Dafür dürfe der Konsument das körperbetonte Spiel des Zugers und dessen harte Schüsse erwarten. Streit, später auch Josi, seien nach mehr Spielpraxis mittelfristig wirkliche Verstärkungen für den SCB, vorab im Powerplay, glaubt der NHL-Insider.

Noch immer wird zwischen St-Julien GE und Buchs SG in Eishockey-Kreisen darüber diskutiert, ob es Sinn macht, dass bestandene NHL-Profis während des Lockouts Schweizer Clubs verstärken dürfen. Selbst Roost ist gespalten. «Ich habe zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits ist es für mich und die vielen Hockey-Fans in diesem Land schlicht genial, solche Klassespieler in natura zu bewundern. Andrerseits hätte ich in der Rolle eines Sportchefs oder Geschäftsführers auch meine Bedenken.» Das Engagement berge für die Mannschaften potentielle Gefahren. «Vor der entscheidenden Meisterschaftsphase, also im Playoff respektive in den Playouts, dürfte die Prominenz wieder abgereist sein, weil die NHL ihr Pensum inzwischen wieder aufgenommen hat. Dann kommt die grosse Leere und kurzfristig zurückversetzte Spieler müssen wieder Leaderrollen übernehmen. Die kurzfristige Verpflichtung von NHL-Söldnern kann die Chemie eines Teams erheblich durcheinanderbringen.»

Die Sache mit den Lohnkürzungen

Genauer gesagt: Plötzlich müssen Spieler, die normalerweise Eiszeit haben, hinten anstehen und sind bei ihrem Coach nur noch zweite oder dritte Wahl. Roost wirft noch einen zusätzlichen Punkt in die Waagschale: «Viele NLA-Clubs mussten ihre Budgets kürzen oder kämpften – wie im Falle der Kloten Flyers – ums Überleben. Spieler mussten teilweise happige Lohneinbussen in Kauf nehmen. Und während des Lockouts ist plötzlich wieder Geld da, um die NHL-Profis zu entlöhnen. Damit der Schuss mit den Verstärkungen aus Übersee nicht nach hinten geht, braucht es Spieler, welche mit dieser anspruchsvollen Situation demütig umgehen können.»

Einfacher gesagt als getan.

Erstellt: 25.09.2012, 14:08 Uhr

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