Der Assistent, der beim ZSC am Steuer sitzt

Rob Cookson ist anders als der impulsive ZSC-Headcoach Marc Crawford – ruhender Pol, Analytiker und Tröster.

Die ZSC-Farben auf der Brust: Rob Cookson an seinem Arbeitsplatz im Trainerbüro an der Siewerdtstrasse. Foto: Dieter Seeger

Die ZSC-Farben auf der Brust: Rob Cookson an seinem Arbeitsplatz im Trainerbüro an der Siewerdtstrasse. Foto: Dieter Seeger

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Marc Crawford und Rob Cookson arbeiten nicht nur täglich zusammen, sie wohnen in Winkel, im obersten Stock ­eines Mehrfamilienhauses, auch Tür an Tür. Da ist naheliegend, dass der ZSC-Coach und sein Assistent eine Fahr­gemeinschaft zur Arbeit bilden. Für die gute Viertelstunde zum Hallenstadion und zurück sitzt meistens Cookson am Steuer. «Das ist mir lieber», sagt er schmunzelnd. Vor allem nach Niederlagen, wenn Crawford noch schäume, sei das erheblich sicherer.

Die beiden könnten gegensätzlicher kaum sein. Der impulsive Crawford kann äusserst charmant, zuvorkommend und witzig sein, aber auch schroff, zornig und laut. Lässt der Headcoach seinen Gefühlen freien Lauf, wirkt Cookson stets beherrscht und freundlich. Doch der 53-Jährige sagt: «Auch ich nehme mir Niederlagen sehr zu Herzen und bin froh, wenn dann endlich das nächste Spiel kommt. Aber ich gehe anders ­damit um als Marc. Er lässt in den ersten zwei, drei Stunden nach einem Spiel ­alles heraus. Und am folgenden Tag hat er es verarbeitet.»

Die beiden Kanadier sind durch ihre Zürcher Zeit Freunde geworden, unternehmen auch abseits des Eishockeys ­einiges miteinander. Besonders in den letzten Monaten, als beider Frauen temporär in Kanada weilten. Cookson begleitete Kinofan Crawford an die Filmfestivals in Locarno und Zürich, sie ­waren auch schon auf dem Weinschiff oder am Oktoberfest in München. Dass sie sich so gut verstehen würden, hatten sie vorher nur erahnen können. Denn abgesehen von den Olympischen Spielen in Nagano 1998, wo Cookson einer von Crawfords Assistenten war, hatten sie noch nie zusammengearbeitet.

1997 Gold mit Thornton in Genf

Als ihn jener anrief und fragte, ob er ihn nach Zürich begleiten wolle, musste Cookson aber nicht lang überlegen. Die Schweiz war schon länger in seinem Kopf gewesen. 1997 war er erstmals hierhergekommen, für die Junioren-WM in Genf. Die Kanadier mit dem 17-jährigen Joe Thornton siegten – es ist eine von sechs Goldmedaillen Cooksons. Sie dürften ihm, der selber nicht Eishockeyprofi war, geholfen haben auf seinem Weg zum Assistenten in der NHL. Nach seiner Zeit beim kanadischen Verband wurde er von den Philadelphia Flyers als Videocoach verpflichtet, von 2001 bis 2011 wirkte er dann als Assistenztrainer bei den Calgary Flames.

Manchmal denkt er an seine Zeit bei den Flames zurück, die Reisen im Januar oder Februar nach Florida oder Kalifornien. «Es war jeweils besonders schön, jener Kälte zu entfliehen», sagt er. Abgesehen von den Reisen unterscheide sich seine Arbeit in Zürich aber nicht von ­jener in der NHL. Er ist der Analytiker, der Videos zusammenschneidet, mit Spielern Details durchgeht und für sie ein Ansprechpartner ist. «Ein guter Coachingstaff kann auch einmal die Scherben zusammenwischen», sagt er und meint, dass man auch trösten und zuhören müsse, wenn ein Spieler vom Headcoach hart kritisiert worden sei. Er sagt sogar: «Dass man den Spielern das ­Gefühl gibt, dass sie einem am Herzen liegen, ist wichtiger als all die technischen und taktischen Dinge.»

Zürich statt Chef in Seoul

Man kann sich gut vorstellen, dass sich Crawford und Cookson gut ergänzen. In jedem Business sei die Balance zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten wichtig, glaubt Cookson. «Marc ist ein kreativer, intelligenter Coach, der vieles ausprobiert. Ich hingegen nehme mir gern Zeit und analysiere, bis ich Entscheidungen treffe.» Apropos Entscheidungen: Kürzlich musste er eine solche treffen, was seine Karriere angeht: Seit November wurde er umgarnt vom südkoreanischen Verband im Hinblick auf Olympia 2018 in Pyeonchang. Er sollte Headcoach des Nationalteams werden, General Manager und Ausbildungschef für Männer und Frauen.

Cookson rang monatelang mit sich, reiste Anfang Mai sogar nach Seoul, um sich alles präsentieren zu lassen – und sagte schliesslich ab. Irgendwie konnte er sich dann doch nicht vorstellen, in dieser fremden Kultur und einer Millionenstadt wie Seoul zu arbeiten. An seiner Stelle wurden Jim Paek und Richard Park engagiert, zwei frühere NHL-Cracks mit südkoreanischen Wurzeln. «Ich glaube, das war eine gute Entscheidung», sagt er. Auch wenn ihn Olympia gereizt hätte. So unterschrieb er bei den ZSC Lions vorerst für ein weiteres Jahr.

Der Meistertitel mit den Zürchern sei für ihn der stärkste, emotionalste ­Moment seiner Karriere gewesen, sagt Cookson. Er stellt ihn über seine Goldmedaillen mit den Junioren (vier) und dem A-Nationalteam (zwei): «Wenn man die ganze Reise eines Teams erlebt, von Anfang August bis April, all die ­Höhen und Tiefen, und am Ende gewinnt, ist das das Schönste.» Die letzte Fahrt der beiden Coachs von Oerlikon nach ­Winkel letzte Saison dürfte eine aus­gelassene gewesen sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2014, 23:30 Uhr

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