«Der Final wird ZSC gegen Davos heissen»

Christian Weber (51), Trainer und Experte von Radio SRF, beurteilt die beiden Playoff-Halbfinalserien. Der ehemalige Internationale ist vor allem von den Leistungen des SC Bern enttäuscht.

Die letzten Bullys? Martin Plüss (r.) und dem SCB droht heute Abend in Davos das Aus.

Die letzten Bullys? Martin Plüss (r.) und dem SCB droht heute Abend in Davos das Aus. Bild: Keystone

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Christian Weber, hätten Sie gedacht, dass der SC Bern gegen den HC Davos in der Best-of-7-Halbfinalserie gleich mit 0:3 im Rückstand liegen würde?
Nein, das habe ich nicht so erwartet. Im Duell SCB gegen Davos waren für mich die Berner favorisiert, obwohl sie schon im Viertelfinal gegen Lausanne Mühe hatten, die Serie überhaupt zu gewinnen. Der SCB bringt eigentlich alles mit, um sich für den Final zu qualifizieren, ja sogar den Titel zu gewinnen. Dass die Berner gerade mit 0:3 im Hintertreffen sind, hätte ich nicht gedacht. Das ist für mich eine riesige Überraschung.

Mit den ZSC Lions hat ein anderer Favorit das Heimrecht wieder abgegeben. In dieser Serie führt mit Servette (2:1) ebenfalls der Aussenseiter.
In diesem Duell wäre gerade der Heimvorteil für mich ausschlaggebend. Ich bin vor Beginn der Halbfinals davon ausgegangen, dass diese Serie zwar über sieben Spiele gehen, der ZSC sich aber aufgrund des Heimrechts durchsetzen würde. Ich war im Hallenstadion beim ersten Spiel, und in diesem sah es nach 40 Minuten auch nicht gerade gut aus für die Zürcher. Ich war doch ein wenig enttäuscht vom Auftreten dieser Mannschaft. In diesem ersten Halbfinal schoss der ZSC dennoch die Tore im richtigen Moment, auch mit gütiger Mithilfe des Genfer Torhüters Mayer.

Ich dachte mir damals: Der Knopf ist nun gelöst bei den Lions. Aber sie spielten und spielen bisher nicht auf jenem Level, das man von ihnen erwartet und das man braucht, um in den Playoff-Final vorzustossen.

Haben Sie das Gefühl, dass der SCB schon heute Abend nach dem vierten Duell ausscheiden wird?
Ja, dieses Gefühl habe ich. Die Davoser werden den vierten Sieg holen. Sie sind im Moment sehr stilsicher. Torhüter Leonardo Genoni hat seinen schlechten Match bei der 3:4-Heimniederlage gegen Zug eingezogen. Seither spielt er wieder unglaublich solid und bügelt die Fehler seiner Vorderleute magistral aus. Und alle vier Davoser Linien treten konstant und zielorientiert auf.

Ist bei den Bernern die Torflaute das Hauptproblem?
Die mangelnde Torproduktion ist sicher das Hauptproblem der Berner (Anm. d. Red.: Der SCB schoss nur 15 Goals in 10 Playoff-Partien). Sie dringen selten in die gefährliche Zone vor, und wenn sie es einmal doch schaffen, dann ist einfach Genoni da oder die Berner sind ineffizient im Abschluss. Ich bin ein wenig enttäuscht, was die Emotionen beim SCB betrifft. Die Mannschaft hat ja Spieler wie Marc Reichert oder Thomas Rüfenacht, die prädestiniert sind, Raum vor Genoni zu schaffen, für Turbulenzen vor dem HCD-Goalie zu sorgen.

Gerade wenn die regelmässigen Skorer nicht auf Touren kommen, braucht ein Team solche Spieler, die sich in jener Zone bewegen oder aufhalten, wo es wehtut. Schon im Viertelfinal erzielte der SCB nicht viele Treffer. Irgendwie ist bei den Bernern in offensiver Hinsicht der Wurm drin.

Was viele Beobachter erstaunt: Meister ZSC liegt zurück, obwohl Servette längst nicht das ganze Potenzial abgerufen hat und auch nicht mit dem besten Personal antreten konnte.
Das ist in der Tat so. Die Genfer haben bisher nur einmal versucht, ein wenig härter zu spielen. Das war in jener Phase, als sie im Hallenstadion nach der 2:1-Führung im letzten Drittel das erste Spiel doch noch mit 2:5 verloren und versucht hatten, sich in den Schlussminuten etwas Respekt zu verschaffen. Wie der ZSC spielt Servette noch nicht das beste Eishockey. Beide Teams haben noch riesige Reserven.

Wie beurteilen Sie die Situation mit der angeblich heftigen Magen-Darm-Grippe, die bei den Genfern grassieren soll? Ist diese so schlimm und mühsam für die Profis, wie es das Umfeld von Servette beschreibt?
Nein, unmöglich, diese Grippe kann nicht so gravierend sein. Wenn du unter einer starken Magen-Darm-Grippe leidest, dann kannst du nicht mit solchen Leistungen im Playoff aufwarten. Sicher hat der eine oder andere Spieler irgendetwas. Aber wenn ein Spieler an einer ernsthaften Grippe erkrankt ist, kann er nicht über 60 Minuten den vollen Einsatz auf dem Eis leisten. Dazu würde die Kraft nicht reichen.

Dann gehört diese Grippe-Story zum Kapitel «Manöver, Kalkül oder psychologische Kriegsführung» während des Playoff, glänzend eingefädelt von Trainer Chris McSorley?
Ganz bestimmt, zu hundert Prozent. McSorley ist ein alter Fuchs in solchen Dingen. Er greift immer wieder auf Dinge zurück, die ablenken sollen vom eigentlichen Geschehen auf dem Eis. Aber auch Marc Crawford weiss, wie das Spielchen geht, wie die Show läuft: Seine Schimpftirade gegen Biels Trainer Kevin Schläpfer im ersten Viertelfinalduell soll plötzlich zum Schauplatz werden, nicht das Eishockey und die klare 0:5-Heimniederlage. Danach hat man fast nur über Hollywood und diese Einlage Crawfords debattiert und geschrieben, weniger über die missglückte Darbietung der Löwen.

Crawford hat die Öffentlichkeit von den eigentlichen Problemen, die der ZSC damals hatte, abgelenkt. Der Trainer erreichte sein Ziel: Der Nebenschauplatz wurde zum Schauplatz, vorab bei den Fans und in den Medien. Und diese angebliche Genfer Grippewelle gehört ebenfalls zu diesen gut getimten Inszenierungen.

Sie haben es schon gesagt: Der SCB scheidet aus. Auf wen trifft der HC Davos im Playoff-Final?
Auf den ZSC. Heute Abend werden die Zürcher zwar noch einmal verlieren, mit 1:3 zurückliegen und dann wieder einmal mit dem Rücken zur Wand stehen. Die nächsten drei Duelle werden sie aber für sich entscheiden, nicht zuletzt, weil sie auch wissen, wie man mit dieser Situation umgeht. Letztlich wird in dieser Serie doch der Heimvorteil zum wichtigen Faktor, er wird den Unterschied ausmachen.

Erstellt: 24.03.2015, 14:22 Uhr

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Christian Weber

Der Dübendorfer Christian Weber (51) blickt auf eine reichhaltige Laufbahn zurück, sowohl als Spieler als auch als Trainer. Mit dem HC Davos (1984 und 1985) sowie mit den ZSC Lions (2000, 2001) wurde der Center viermal Schweizer Meister. Für die Schweizer Nationalmannschaft bestritt der Zürcher 103 Länderspiele. Als Trainer wirkte er bei den GCK Lions, ZSC Lions, SCL Tigers, RJ Lakers, Klagenfurt und seit 2013 für Thurgau Hockey, wo er auch Sportchef ist. Er übte auch das Amt als Assistent der österreichischen Nationalmannschaft aus. Weber ist seit vielen Jahren Eishockey-Experte für Radio DRS.

Ex-Spieler, Trainer, Experte: Christian Weber verfolgt die nationale und internationale Eishockeyszene intensiv. (Bild: Keystone )

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