Der Helfer, der vom Amazonas kam

Gemeinsam mit Mike McNamara coacht Patrick Fischer interimistisch den HC Lugano. Dies, nachdem der Zuger während 18 Monaten auf der Reise gewesen war – in der Welt und zu sich selbst.

Patrick Fischer: «Egal wie es kommt, es wird gut sein.»

Patrick Fischer: «Egal wie es kommt, es wird gut sein.» Bild: Keystone

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Patrick Fischer ist ein Optimist. War er schon immer. «Lunch in Lugano? Am Mittwoch gerne», sagt er. Es folgt die erste Absage, weil der Sportchef des HC Lugano dieselben Pläne mit dem ehemaligen Nationalspieler hat. «Dann halt am Donnerstag.» Wieder wird nichts daraus, Training, Videostudium, einfach zu viel zu tun. Schliesslich klappt das Gespräch dann doch – per Telefon.

Fischer ist das, was er 18 Monate lang nicht mehr war: Ein gefragter Mann, mittendrin im Eishockey-Alltag der NLA. Nach Philippe Bozons Entlassung wurde der ehemalige NHL-Stürmer beim HC Lugano befördert. Gemeinsam mit Mike McNamara ist der 35-jährige Zuger interimistischer Co-Trainer der ersten Mannschaft. Das Duo soll helfen, die Playoffs zu schaffen. Nach zwei Siegen und zwei Niederlagen unter neuer Führung liegen die Tessiner auf Platz zehn – mit neun Punkten Rückstand auf den Tabellenstrich.

Pokerspieler und Indianer

Die Übergangslösung war naheliegend, trainierte das Gespann doch die Elite-Junioren. In Fischers Fall kommt sie trotzdem von weit her: Erst seit diesem Sommer ist er für den HC Lugano tätig. Zuvor war er eineinhalb Jahre lang überall und nirgends unterwegs. Er war ein Suchender auf einer Reise hinaus in die Welt und zurück zu sich selbst.

Heute spricht Fischer in Anlehnung an den Film von einer «Bucket List», mit deren Abarbeitung er damals begonnen habe. Es ging um Dinge, die er in seinem Leben unbedingt erfahren wollte. Also nahm er Kurse in Tai-Chi und Yoga, vertiefte sich in die Chakra-Lehre. Versuchte sich aber auch als halbprofessioneller Pokerspieler, spielte im Internet an bis zu 16 Tischen gleichzeitig, bis er von Karten träumte und feststellte, dass Pokern «zwar lustig, aber ziemlich asozial ist».

Faule Tomaten

Im Kontrast dazu bereiste er mehrmals das peruanische Amazonas-Gebiet, wo er unter den dortigen Indianern im Dschungel lebte und neue Werte erfuhr. «Viele negative Dinge, die unsere Gesellschaft prägen, sind dort unwichtig. Neid, Angst oder das Streben nach Erfolg sind weit weg.» Der Kopf werde dabei herrlich frei.

Als Patrick Fischer im August 2009, noch nicht einmal 34, überraschend seinen Rücktritt bekannt gab, hatte diese Reise längst begonnen, war die Meldung nur noch Vollzug. «Eigentlich wollte ich schon 2007 zurücktreten, als meine Zeit in der NHL endete.» Trotzdem quälte er sich durch eine Saison, die ihn von seiner Zuger Heimat nach St. Petersburg und wieder zurück führte. Dann hängte er eine weitere Spielzeit an und merkte dabei definitiv, dass «ich nicht mehr mit dem Herzen auf dem Eis stand».

Vorher sei alles ein Spiel gewesen. «Nun war es Arbeit. Ein Instinktspieler wie ich kann da nicht die nötige Leistung bringen.» Also sei es nur fair gewesen, dass er um die Auflösung seines laufenden Vertrages mit dem EVZ gebeten habe. «Ich hätte noch gut verdienen können. Aber ich wollte nicht, dass die Zuschauer faule Tomaten werfen.»

Ausgang mit Gretzky

Mit ein Grund für die verloren gegangene Motivation war, dass Fischer die Gewissheit besass, seinen Karriere-Höhepunkt hinter sich zu haben: Mit 31 und ohne Kredit nach Nordamerika gereist, brillierte er zum Ende des Jahres 2006 bei den Phoenix Coyotes. Im Vollbesitz seine Kräfte, skorte er innerhalb von 15 Partien 10 Punkte und war mit vier Toren kurzzeitig der beste Schweizer Torschütze der NHL-Geschichte, ehe mit einem Adduktorenabriss seine Saison und schliesslich sein Engagement in der besten Liga der Welt abrupt endeten.

Fischer wurde Opfer einer radikalen Verjüngungskur bei den Coyotes. Mit dem Mann, der sich gegen ihn entschied, ist er trotzdem noch heute in Kontakt: Es handelt sich dabei um keinen geringeren als Wayne Gretzky, den besten Eishockey-Spieler der Geschichte, der von 2005 bis 2009 ziemlich erfolglos Headcoach in Phoenix war. «Im Sommer trafen wir uns in Zürich, wo wir zusammen einen gemütlichen Abend verbrachten», gibt Fischer preis.

Warum ausgerechnet er in nur einer Saison zum Kumpel der grössten Ikone wurde, die der Sport mit Kufen kennt? «Weil ich mit ihm von Anfang an so sprach wie mit jedem anderen.» Das habe der sonst so oft hofierte Gretzky wohl geschätzt. «Ich mag ihn, aber er ist nicht mehr wert als jeder andere Mensch.» Wäre Gretzky ein Trottel, er hätte seine Nummer längst gelöscht.

Alles wird gut

«Noch Fragen? Ich muss meinen Sohn abholen.» Patrick Fischer sucht nicht mehr: Um seinem Sohn Kimi nahe zu sein, zog er im Frühjahr nach Lugano, wo er 1999 seinen ersten von zwei Meistertiteln gefeiert und seine Ex-Frau getroffen hatte. Auch die berufliche Zukunft ist klar: «Ich will Menschen coachen», sagt Fischer. «Dass ich dies zuerst im Eishockey tue, ist naheliegend. Aber das kann sich in Richtung Lebenscoach entwickeln.»

So oder so komme es, wie es müsse. «Als ich nach Lugano kam, wusste ich nicht, dass ich hier Trainer werde – nun sammle ich bereits in der NLA wertvolle Erfahrungen.» Wie lange er das (vorerst) noch tun dürfe, beschäftige ihn nicht. «Es ist unwichtig. Egal wie es kommt, es wird gut sein.» Patrick Fischer ist ein Optimist. War er schon immer.

Erstellt: 10.12.2010, 14:16 Uhr

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