Meister ZSC braucht die Flucht nach vorn

Wenig deutet darauf hin, dass Coach Serge Aubin den Turnaround schaffen kann. Die Zürcher brauchen eine starke Hand – wie die von Arno Del Curto.

Den Draht zu den Spielern nicht richtig gefunden: ZSC-Trainer Serge Aubin. Foto: Fabienne Andreoli

Den Draht zu den Spielern nicht richtig gefunden: ZSC-Trainer Serge Aubin. Foto: Fabienne Andreoli

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Bald ist Weihnachten, doch besinnliche Stimmung kommt bei den kriselnden ZSC Lions nicht auf. Zwei Spiele stehen noch an bis zum Fest, und bald muss eine kapitale Entscheidung getroffen werden: nämlich die, ob man die Saison mit Coach Serge Aubin fertigspielen will oder nicht. In den letzten Wochen regierte das Prinzip Hoffnung. Immer wieder hoffte man, dass es besser komme. Zuletzt nach einer positiven Trainings­woche. Doch dann stand es am Dienstag im Hallenstadion gegen Ambri nach sieben Minuten bereits wieder 0:2.

Es ist nicht so, dass die Mannschaft gegen den Trainer spielen würde. Sie hat genug mit sich selbst zu kämpfen. Doch der Frankokanadier ist ihr dabei auch keine grosse Hilfe. Aubin erledigt seinen Job nach bestem Wissen und Gewissen, er ist bestimmt kein schlechter Trainer. Aber er hat in Zürich den Draht zu den Spielern nicht richtig gefunden. Der 43-Jährige war als Spieler ein Musterprofi, den man nie antreiben musste, der durchs Feuer ging. Hätte er 20 Aubins in der Mannschaft, die ZSC Lions würden an der Spitze stehen. Doch das hat er nicht.

Der Trainer ist nicht das Hauptproblem der ZSC Lions, es ist die Mannschaft, der die Leaderfiguren fehlen und bei der sich Genügsamkeit eingenistet hat. Es ist bezeichnend, dass Kevin Klein, der zurücktreten wollte, zum Weiterspielen überredet wurde, weil er als Führungspersönlichkeit gebraucht wird. Sportchef Sven Leuenberger trat im vergangenen Jahr an, um die Kultur zu verändern. Doch er ist auf halbem Weg stecken geblieben. Der Meistertitel im Frühjahr, so schön er war, hat vieles übertüncht. Man werde trotzdem einiges aufarbeiten müssen, sagte CEO Peter Zahner damals. Es hat offenbar nichts gefruchtet.

In Zürich, seiner alten Liebe, würde Del Curto bestimmt wieder mit frischem Elan antreten.

Und der Titel war für Aubin der denkbar ungünstigste Ausgangspunkt, um die ZSC Lions zu übernehmen. Der Erfolg, der ohne ihn zustande kam, scheint den Jungtrainer gleich verunsichert zu haben. Vielleicht fehlt ihm einfach noch die Erfahrung, um mit einer solch diffizilen Ausgangslage umzugehen. Jedenfalls tritt er bisher nicht als die Persönlichkeit auf, als die man ihn verpflichtet hat. Er schafft es auch nicht recht, sich vom Sportchef zu emanzipieren, der seinen Job aktiv interpretiert. Wofür Aubin steht, ist noch nicht klar. So ist es kein Wunder, dass bei seiner Mannschaft keine klare Linie und auch keine Entwicklung zu erkennen ist.

Dass Aubin nach schwachen Auftritten selten in die Garderobe geht, weil er in den Emotionen nichts Falsches zu den Spielern sagen möchte, ist wohl bezeichnend. Marc Crawford machte sich solche Überlegungen nicht. Wenn er unzufrieden war, verschaffte er seinem Ärger Luft. Es sollen die Wände gezittert haben, heisst es. Es mag sich abnützen, wenn man immer wieder laut wird. Doch Crawford hielt es vier Jahre aus bei den ZSC Lions – so lange wie vor und nach ihm keiner. Natürlich hilft es, wenn man wie er oder Bob Hartley einen Stanley-Cup-Sieg im Palmarès hat, um glaub­würdig zu wirken.

Aubins Vorgänger Hans Kossmann, der in der Weihnachtspause 2017 kam und Meister wurde, war auch deshalb erfolgreich, weil er nicht nach rechts und links schaute. Er hatte nichts zu verlieren, weil er wusste, dass er per Ende Saison ohnehin würde gehen müssen – und zog seine Linie durch. Nun fragt sich: Kann Aubin sein Profil in Zürich mit dem Rücken zur Wand noch schärfen? Glauben die Spieler noch daran, dass er sie zum Erfolg führen kann? Glaubt es auch die Clubführung? Oder ist der Schaden schon angerichtet?

Wie gut die Zürcher spielen können, wenn sie in Schwung gekommen sind, erlebte man im Frühjahr im Playoff. 

Bei den ZSC Lions wartet man vorerst einmal ab – und hofft weiter. Allerdings deutet nicht viel darauf hin, dass Aubin noch eine wundersame Wende erzwingen kann. Das Problem ist, dass es bei den ZSC Lions grundsätzlich das falsche Zeichen ist, stets den Trainer zu ersetzen, wenn es kriselt. Es wäre an der Zeit, dass das Team zusammensteht und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herauszieht. Wie gut die Zürcher spielen können, wenn sie in Schwung gekommen sind, erlebte man im Frühjahr im Playoff. Doch wenn es gegen sie läuft, gelingt es ihnen nicht, die Wende zu schaffen. Da zeigt sich, dass ihnen mehr Persönlichkeiten guttun würden.

Offenkundig ist, dass sie einen erfahrenen Trainer brauchen, der klare Ideen vom Eishockey hat und auch mit harter Hand führen kann, wenn es nötig ist. Da kommt man unweigerlich auf den Namen Arno Del Curto, der Ende November nach über 22 Jahren beim HC Davos zurücktrat. Es gab in der Vergangenheit schon mehrere Versuche, den Engadiner zurück zum ZSC zu lotsen, wo er 1992 mit dem Sieg über das «grande Lugano» für eine Sternstunde gesorgt hatte. Doch Del Curto lehnte immer ab. Nun ist er wohl ein, zwei Jahre zu lange am Jakobshorn geblieben. Zuletzt hatte sich da seine Beziehung zu den Spielern abgenützt.

In Zürich, seiner alten Liebe, würde Del Curto aber bestimmt nochmals mit frischem Elan antreten. In der ZSC-Organisation wird bezweifelt, ob der Engadiner ins Organigramm passen würde. Doch es könnte für ihn gerade befreiend sein, wenn er sich nur noch auf seinen Job als Trainer konzentrieren könnte. Erfolgsgarantien gibt es im Sport keine. Doch eines ist sicher: Del Curto würde für Emotionen sorgen. Und die können die ZSC Lions dringend gebrauchen. Nicht nur die ZSC-Kabine würde beben, das ganze Hallenstadion.

Erstellt: 22.12.2018, 07:57 Uhr

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