Der Meisterstürmer sucht seine nächste Leidenschaft

Der langjährige ZSC-Spieler Domenico Pittis (40) hat bei den Calgary Flames eine neue Aufgabe gefunden. Und sehnt sich doch nach dem Spiel.

Immer noch fit: Assistenztrainer Pittis im Kraftraum der Flames. Foto: Silvan Schweizer

Immer noch fit: Assistenztrainer Pittis im Kraftraum der Flames. Foto: Silvan Schweizer

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Die Miene hellt sich auf, als Domenico Pittis von seinen grössten Momenten in der Schweiz erzählen soll. Es sprudelt unvermittelt: wie er 2008 nach einer schwierigen Phase und seinem überstürzten Abgang aus Kloten den ZSC mit dem entscheidenden Penalty gegen Genf zum Titel schoss. Oder wie er in derselben Saison im Final des Spengler-Cups gegen die stürmischen Russen von Ufa seine beste Defensivleistung erbrachte. Die Erinnerungen sind wach. Doch Pittis ist kein Spieler mehr.

Im Sommer 2013 hat er seine Karriere unfreiwillig beendet. Nach 18 Profijahren, 9 davon in der Schweiz – in Kloten, Zürich, Visp und Zug. Es hatte sich für den alternden Mittelstürmer keine ­Option mehr aufgetan, jedenfalls keine bei Clubs auf höchster Stufe. Und nur das kam für Pittis infrage. ­Besonders schmerzte ihn, dass die ZSC Lions ihn nach dem zweiten Titel 2012 nicht mehr weiterbeschäftigen wollten. «Man könnte meinen, wenn man Erfolg hat, tun sich Türen auf», sagt er noch ­immer betrübt.

Der Hass auf Hartley

Dabei tut Erfolg das tatsächlich. Dank ­jenem Triumph fand ZSC-Trainer Bob Hartley zurück in die NHL. Zu Calgary. Und dank ihm schufen die Flames jene Stelle im Trainerstab, für die er bereits einen Mann vorgesehen hatte: Pittis. Hartley hatte ihn in Zürich kennen gelernt. Er schätzte den Arbeitseifer des Kanadiers, war beeindruckt, wie er während des Playoffs alles daransetzte, seine Oberschenkelverletzung zu kurieren, extra zum Spezialisten in einem ­US-Kurort flog, um irgendwie noch mitzutun. Solche Leute will Hartley um sich. «Als Spieler stiess er mich aus meiner Komfortzone, forderte mich heraus. Manchmal hasste ich ihn regelrecht», sagt Pittis. «Heute sehe ich, warum er so handelte. Es ist kein Zufall, dass er so viel gewonnen hat.»

Calgary bedeutete für den 40-Jährigen eine Heimkehr. Hier wuchs er auf, besass auch während seiner Schweizer Zeit ein Haus für den Sommer. Bei den Flames ist Pittis einer von fünf Assistenten, sein Bereich lautet «Skills and Conditioning» – Fertigkeiten und Konditionierung. Er beobachtet die Spieler und versucht individuell Korrekturen an­zubringen und neue Ansätze aufzuzeigen – läuferisch, technisch, taktisch.

Wie halte ich den Stock am besten beim Bully? Wie bewege ich mich ums Tor herum mit Scheibe? Wie laufe ich seitwärts im Stile von Sidney Crosby? Pittis hat eigens Videoanleitungen für die Spieler produziert. Im Sommer trimmt er im Förderungscamp die aufstrebenden Talente der Organisation. Für eine Woche pro Monat reist er zum Farmteam nach Glens Falls, New York, rapportiert an Hartley. Doch vor allem feilt er mit den NHL-Spielern an Details.

Europäischer Erfahrungsschatz

Dass Pittis selbst sich nie dauerhaft in der NHL festsetzen konnte, nur 86 Spiele in der weltbesten Liga bestritt, spielte in den Überlegungen Hartleys offenbar keine Rolle. Im Gegenteil: Er wusste, dass Pittis gerade dank seinen Erfahrungen aus der Schweiz wertvoll sein könnte. Dort hatte der Stürmer erkannt, dass seine kanadische Eishockeykultur nicht die einzig wahre ist, hatte europäische Philosophien und Mentalitäten kennen gelernt. Und dieses Wissen kann er bei den Flames, die Tschechen, Schweden, Finnen und Schweizer beschäftigen, nun ausspielen. «Schweden zum Beispiel sind keine konfrontativen Personen», sagt Pittis. «Mit einem Mikael Backlund muss man anders sprechen als mit einem Kris Russell, der auf einer Farm in Alberta aufgewachsen ist.»

Er steht täglich auf dem Eis, scherzt und lacht viel, hat seine ganze Familie in der Nähe. Und doch wirkt Pittis nicht uneingeschränkt zufrieden mit seiner Tätigkeit. Er sagt: «Ich vermisse das Spiel. Das tut jeder, der aufhört. Wer ­etwas anderes sagt, lügt.»

Es heisst, was dem Spielen am nächsten kommt, sei das Coaching. Und ein Cheftrainer möchte Pittis dereinst auch sein. «Ich befinde mich derzeit in einem langen Lernprozess», sagt er. Es scheint, als gehöre das Loslassen der Spieler­karriere zu diesem Prozess dazu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2015, 08:12 Uhr

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