Der grosse Eishockey-Check

Heute beginnt mit der Partie ZSC – EV Zug die Eishockey-Saison 2011/12. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die zwölf NLA-Teams unter die Lupe genommen und wagt sich punkto Prognosen aufs Glatteis.

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Fünf Monate nach der Davoser Meisterparty beginnt heute Abend der Puck-Marathon. Er kündigt sich als noch ausgeglichener und spektakulärer als in den letzten Jahren an. Für Unterhaltung dürfte wahrlich gesorgt sein, sowohl auf als auch neben dem Eis. Tagesanzeiger.ch/Newsnet blickt voraus und glaubt, dass die 50 Spiele umfassende Regular Season wie folgt ablaufen wird:

Kloten Flyers (Tipp: 1. Rang Qualifikation): Nur der Titel ist genug im Flughafendorf

«Wenn nicht jetzt, wann dann» heisst einer der Hits der deutschen Unterhaltungsband De Höhner. Das musikalische Stück zum Grölen und Mitklatschen gibt passend die sportliche Situation der Flyers wieder. Trotz Verletzungspech vor dem ersten Bully und heikler Finanzlage gehört Kloten zu den meistgenannten Titelanwärtern. Schliesslich haben die Zürcher Unterländer die nominell stärkste Equipe seit dem Meistertriple in den gloriosen 90er-Jahren. Der verlorene Sohn Roman Wick ist aus Nordamerika zurückgekehrt und könnte im Playoff-Finale den entscheidenden Unterschied ausmachen. Nur ein AHL-Titel in der Karriere, das wäre für Wick junior ohnehin zu wenig. Unser Tipp: Kloten beendet die Qualifikation als Erster – und dann ist der Weg offen nach oben.

HC Davos (2. Rang): Fast kein Meisterblues im Landwassertal

Der Meister hat mit Jaroslav Bednar seinen Topskorer an den HC Lugano verloren. Und die Pechsträhne des pfeilschnellen Peter Guggisberg reisst nicht ab. Trotzdem darf man das eingespielte Kollektiv von Arno Del Curtos verschworener «Hockeybande» nie unterschätzen. Und dem Trainer, der seine 16. Saison im Landwassertal bestreitet, fällt immer etwas ein, die Spieler bei Laune und auf Trab zu halten. Zudem hat der Rekordmeister (30 Titel) mit Leonardo Genoni den besten Torhüter der Liga, was der Kilchberger spätestens am Spengler Cup eindrücklich bestätigen wird. Der HCD wird also den Meisterblues spätestens im Dezember verkraftet haben. Grössere Probleme erwarten die Bündner neben dem Eis: Der Terminschutz für das traditionelle Klubturnier in der Altjahreswoche wackelt – wieder einmal. Die Konkurrenz ist neidisch auf den Spengler Cup, den Goldesel des HCD.

SC Bern (3. Rang): Wer füllt die Lücke?

Der schlimme Unfall von Kevin Lötscher war über die Sommermonate das Hauptthema rund um den Bärengraben. Die Lücke des Wallisers wurde nicht gefüllt. Christian Dubé und Simon Gamache (beide Gottéron) sowie Brett McLean (Chigaco/NHL) können nicht mehr für Skorerpunkte beim SC Bern sorgen. Andere Spieler, wie etwa der kanadische Neuzugang Byron Ritchie, müssen einspringen. Die jüngeren Spieler sollen weitere Forschritte erzielen. Das Kader ist immer noch gut genug für einen komfortablen Platz in der Qualifikation. Und der SCB ist auch potent genug, sich auf dem Transfermarkt zu betätigen, sofern das nötig wäre. Trainer Larry Huras wäre darüber nicht unglücklich.

HC Lugano (4. Rang): Die Signora sagt, wo es lang geht

Wieder einmal versucht man in der Resega, an die Zeiten des «Grande Lugano» anzuknüpfen – diesmal mit einer Frau an der Spitze des Klubs. Vicky Mantegazza, die Tochter des langjährigen Mäzens Geo Mantegazza, ist Präsidentin und Fan in einer Person. Reifere und erfahrene ausländische Professionals wie Bednar, Rob Niedermayer und Kimmo Rintanen (Durchschnittsalter des Trios: 36 Jahre) wurden engagiert, dazu mit Barry Smith ein Coach, der im 60. Lebensjahr steht. Der wichtigste Zuzug kommt aber nicht aus dem «Altersheim»: Mit Benjamin Conz haben die Luganesi einen Torhüter unter Vertrag genommen, der die überforderte Defensive stabiler machen wird. Signora Mantegazza spricht von einem Fundament, das erbaut werden soll. Ob das Gebilde HCL später eine schmucke Villa wird, muss bezweifelt werden. Dafür ist die Mannschaft zu alt und zu unausgeglichen.

5. ZSC Lions (5. Rang): Es wird wieder in die Hände gespuckt

Es ist ein interessantes Projekt, was das Management der Lions aufgegleist hat: Mit Bob Hartley (51) steht ein Mann an der Bande, der faulen Spielern Beine macht. Ob das bei allen Arbeitnehmern Anklang findet, sei dahin gestellt. Der harte Weg könnte aber für die Zukunft durchaus wegweisend sein. Und Hartley darf man nicht unterschätzen: Der Stanley-Cup-Sieger von 2001 hat sich minutiös auf seinen Job in der Schweiz vorbereitet. Ein Handicap ist der Ausfall von Captain Mathias Seger zu Saisonbeginn. Dafür ist Severin Blindenbacher zurückgekehrt und Ari Sulander darf in diesem Winter als finnisch-schweizerischer Doppelbürger das Fondue geniessen. Oder anders gesagt: Kein Klub ist auf dem Torhüterposten gesamthaft gesehen so gut besetzt wie der ZSC mit Routinier Sulander (42) und Lukas Flüeler.

EV Zug (6. Rang): Die taktische Flucht nach vorne

Mit Rafael Diaz sucht ein weiterer Schweizer Verteidiger sein Glück in der NHL. Damit hat der EV Zug seinen Patron in der Abwehr verloren. Die Zuger haben diesen Ausfall nicht kompensiert, hoffen aber darauf, dass sie einfach mehr Tore schiessen als der Gegner. Das Spektakel ist also garantiert, dafür sorgt schon alleine der impulsive Headcoach Doug Shedden. Die fünf Profi-Refs – neuerdings mit Rückennummern – werden sich freuen, mit Shedden den verbalen Infight auszutragen.

HC Fribourg-Gottéron (7. Rang): Raufen sich die Eisdrachen zusammen?

Auch Fribourg-Gottéron stellt eine Equipe, die reichlich Tore produzieren müsste. Hans Kossmann, ein Neuling auf dem Posten als Cheftrainer, hat ein anderes Problem: Wie bilde ich ein Team aus lauter Häuptlingen? Eine delikate Aufgabe für den Trainer, der als Spieler kein Künstler war. Viele Beobachter glauben, dass das Spektakel im Üechtland vor allem neben dem Eisrink passieren wird. Wie auch immer: Wir sind gespannt auf die Storys, für welche die Eisdrachen der Ausgabe 2011/12 sorgen.

Servette (8. Rang): Regent McSorley wird es richten

Der Substanzverlust der Genfer Adler scheint auf den ersten Blick recht gross. Aber Chris McSorley ist immer bekannt dafür, dass er aufgrund seiner familiären Verbindungen auf dem Transfermarkt zuschlagen kann. Dazu weiss der Regent von Les Vernets, wie man das Personal hart anpacken und motivieren kann. Servette bleibt die ewig harte Nuss für alle Mannschaften und wird sich für das Playoff qualifizieren. Für grosse Stricke reicht aber die Substanz nicht aus – Teamleader Goran Bezina hin oder her.

SCL Tigers (9. Rang): Es wird wieder kälter im Emmental

Die Emmentaler waren im letzten Jahr die grosse positive Überraschung und schafften endlich ihre erste Playoff-Teilnahme. Heuer glauben wir nicht, dass die Tigers dieses Husarenstück wiederholen können. Der Abgang von Conz wurde zwar mit dem Transfer des amerikanischen Goalies Robert Esche wohl kompensiert, aber die Konkurrenz wird den SCL von Beginn an ernst nehmen. John Fust steht vor einer heiklen Bewährungsprobe. Aber im Tal der heulende Winde hat man neben dem Eis einen wichtigen Sieg bereits errungen: Im Juli stimmten die Bürger dem Gemeindebetrag von 15 Millionen Franken für die dringend notwendige Sanierung der alten Ilfishalle zu.

EHC Biel (10. Rang): Ohrfeigen an den grossen SCB

Trainer und Sportchef Kevin Schläpfer hat in die Abwehr investiert, aber gleichzeitig mit Lötscher, Rico Fata und Brendan Bell gefährliche Offensivkräfte verloren. Die Seeländer sind wohl für das Playout gebucht, verspüren dort keine Lust auf die berühmte und berüchtigte Liga-Qualifikation. Für die eine oder andere Ohrfeige an den SCB wird es trotzdem reichen. Und auch in Biel freut man sich auf die Realisierung eines neuen Stadions.

Raperswil-Jona Lakers (11. Rang): «Back to the roots»

Harry Rogenmoser, ein Idol aus guten alten Zeiten des SCRJ, soll am Obersee so etwas wie für einen Neubeginn sorgen. Ob das dem Trainerneuling und Sportchef gelingt, muss bezweifelt werden. Das Kader des Vierkantone-Klubs (St. Gallen, Schwyz, Zürich und Glarus) hat gegenüber dem Vorjahr nicht an Substanz gewonnen. Loïc Burkhalter und Niki Sirén werden neuerdings als Verteidiger aufgeführt – das sagt schon vieles über die Qualität der Abwehrfraktion aus. Die Retouchen am Lakers-Tenü – weniger Eisblau als früher – werden nicht nur von Eishockey-Fans, sondern auch von Mode-Experten im Lande begrüsst.

Ambri-Piotta (12. Rang): Das liebe Geld

Es ist wie jedes Jahr, wenn es kälter und ganz früh dunkel wird in der Leventina: Die Einwohner freuen sich über die Derbys gegen Lugano und schütten verzweifelnd den Kopf, wenn sie noch ihr letztes Erspartes in die Topfkollekte des HCAP legen müssen. Der Dorfklub hat kein Geld, der Spielbetrieb kann knapp aufrechterhalten werden. Die Substanz des Kaders reicht auch dieses Jahr nicht aus, um unter die Top 8 vorzustossen; auch wenn die Nordtessiner fünf Ausländer auf der Lohnliste haben, um bei Verletzungen gewappnet zu sein. Fazit: Man wird die Montanara in der Valascia erst dann hören, wenn die Duelle mit dem NLB-Meister ausgetragen werden.

Erstellt: 08.09.2011, 11:42 Uhr

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