Der vergessene Schweizer

Drei Schweizer spielen in Nashville, für Schlagzeilen sorgen Roman Josi und Kevin Fiala, über Yannick Weber spricht kaum einer. Für seine Rolle braucht es viel Herzblut.

Hechten nach Eiszeit: Im besten Fall kommt Yannick Weber in einem Spiel auf 15 Minuten. Foto: C. Modra (Getty Images)

Hechten nach Eiszeit: Im besten Fall kommt Yannick Weber in einem Spiel auf 15 Minuten. Foto: C. Modra (Getty Images)

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Wo sind die Trikots mit der Nummer 7? Es gibt sie, doch es gilt, gründlich zu suchen. Der Stadion-Fanshop in der Bridgestone Arena von Nashville gehört zu den schmuckeren der NHL. Dort gibts allerlei, wirklich! Zum Beispiel die mit leicht irrem Blick lächelnde, knapp metergrosse Stoffpuppe des Verteidigers P.K. Subban mit riesigem Kopf – wer kauft so was, unendliche Popularität hin oder her?

Die Trikots der Spieler, sie sind unter der Decke, entlang der Längswand, aufgehängt – fast alle des Kaders, ausser eben: Nummer 7. Diese sind ganz am Rand, in der von Gestellen etwas versteckten unteren Reihe. Sie gehören Yannick Weber. Vielleicht ist der Platz Zufall, wahrscheinlich nicht.

Ein anderer Weber

Die Fans in Nashville, und diese kommen fast ausnahmslos mit dem goldgelben Säbelzahntiger-Shirt ans Spiel, sie haben vor allem die Namen Subban, Josi, Forsberg oder Rinne auf dem Rücken. Man liest auch Weber. Doch es ist das Jersey mit der Nummer 6, sie gehörte Shea Weber, der bis 2016 der unbestrittene Superstar Nashvilles war, bis er in einem der spektakulärsten NHL-Deals der letzten Jahre für Montreals Subban getauscht wurde.

Die Rolle Yannick Webers, des Berners, ist eine andere: Fünfter Verteidiger, und dies ist in Nashville undankbarer als anderswo. Die Eiszeit wird fast ausschliesslich danach ausgerichtet, wie sehr die Top 4 von Headcoach Peter Laviolette forciert werden können. Und weil Weber diese Rolle akzeptiert, befindet er sich gerade in einer für ihn ungewohnten Luxussituation: Er wird Ende Saison nicht um einen neuen Vertrag feilschen müssen, die Predators statteten ihn letzten Sommer mit einem 2-Jahres-Kontrakt aus.

Deiner mag den zusätzlichen Druck

Vielleicht ist es ein Rekord: Fünf Mal hintereinander unterschrieb Weber zuvor Einjahresverträge, meistens nur knapp über dem NHL-Mindestlohn von rund 700'000 US-Dollar: zuerst drei Mal in Vancouver, dann zwei Mal in Nashville. Alle NHL-Spieler kennen diese Situation des «Contract Year», keiner mag den zusätzlichen Druck, und mag er das noch so dementieren. Denn Leistungsschwankungen können über mehrere Millionen Dollar entscheiden – oder gar die Zukunft in der Liga kosten.

«Natürlich erhoffst du dir längere Verträge, um diesen Stress nicht zu haben», sagt Weber. «Aber diese werden nicht einfach so vergeben. Und ich kann mich gut an all die verschiedenen Situationen erinnern in diesen fünf Jahren.» Mal sei er froh gewesen, überhaupt einen Ein-Weg-Vertrag erhalten zu haben – nur diese garantieren den vollen Lohn. «Und dann gab es Fälle, in denen ich finde, ich hätte mit zwei Jahren belohnt werden sollen.»

Die beste Abwehr der Liga

Weber hat sich nicht gerade den einfachsten Ort ausgesucht als Verteidiger, der gerne öfter auf dem Eis stehen möchte. In San Jose mögen mit Erik Karlsson und Brent Burns zwar die zwei besten Offensiv-Verteidiger der Liga vereint sein – zur besten Abwehr wählten die Fachmedien aber wiederholt jene Nashvilles. Weber zählt die Top 4 der Predators auf: «Josi, Subban, Ellis, Ekholm.» Und er macht sich keine Illusionen: «In jedem anderen Team würden sie im ersten Verteidiger-Paar spielen. Mein Ziel muss sein, unsere Top 4 zu pushen und sie damit besser zu machen.»

Im besten Fall kommt Weber in einem Spiel auf rund 15 Minuten Eiszeit, im Schnitt sind es derzeit aber bloss knapp 12. Doch dann gibt es auch Partien wie gegen Edmonton vor zweieinhalb Wochen. Knapp sieben Minuten Auslauf erhielt Weber nur, bis zu acht Spielminuten vergingen zwischen seinen bloss zehn Shifts, in denen er auf der Bank tatenlos ausharren musste: Unter solchen Bedingungen in Spielrhythmus zu kommen, ist gerade für Verteidiger ein Ding der Unmöglichkeit. «Das ist wirklich schwierig», sagt Weber. «Du musst halt auch unter solchen Umständen dein Bestes geben.»

Kein Gedanke an die Schweiz

Das tut Weber nun immerhin mit dem Wissen, «mindestens bis 2020 in der Liga bleiben zu können». Nie dachte er daran, in die Schweiz zurückzukehren, wo er netto durchaus mindestens so viel verdienen könnte wie in der NHL – ohne die ständige Ungewissheit, wie lange die Karriere noch dauern mag in der aktuellen Liga. «Es ist ein hartes Business hier, mein Ziel wird es dennoch immer bleiben, einen langen Vertrag zu erhalten», sagt Weber. Und eines, das will er festgehalten haben: «Ich bin stolz darauf, seit 10 Jahren in der NHL spielen zu können.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.11.2018, 06:20 Uhr

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