«Deutsche sind oft nur Befehlsempfänger»

Deutschlands neuer Eishockey-Nationalcoach Köbi Kölliker vermisst manchmal Eigenverantwortung und Kreativität. Warum, erklärt er im Interview.

«Versuche, ich selbst zu bleiben»: Köbi Kölliker, Schweizer Coach der deutschen Eishockeyaner.

«Versuche, ich selbst zu bleiben»: Köbi Kölliker, Schweizer Coach der deutschen Eishockeyaner. Bild: Keystone

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In der Schweiz galt er als der ewige Assistent von Ralph Krueger, dessen treuer Freund und Berater. Nun hat Köbi Kölliker selbst ein Nationalteam übernommen – ausgerechnet jenes des grossen Rivalen aus dem Norden. Der Deutschland-Cup ist für ihn die Feuerprobe, vor allem aber eine Gelegenheit, sich vorzustellen. Der 58-Jährige ist kein Alpenvulkan wie der frühere Bundestrainer Hans Zach, hat keinen NHL-Ruhm wie Uwe Krupp, sondern eher Berner Bauernschläue. Und deshalb begegnen ihm die Deutschen, vor allem die Medien, noch misstrauisch.

Wie ist es, als kleiner Schweizer die grossen Deutschen zu befehligen?
Die Tore stehen in Deutschland am selben Ort. Es gibt andere Figuren, die Arbeit aber bleibt die gleiche wie in der Schweiz. Und die Spieler sind Profis, sie wissen, was sich gehört.

Ihr Assistent Harry Kreis sagte einmal: Deutsche führen aus, Schweizer wollen diskutieren. Stimmt dieser Eindruck?
Das ist so. Wenn man in Deutschland als Vorgesetzter spricht, herrscht Ruhe, und alle schauen einen gebannt an. Dann setzen sie um, was gesagt wurde. Das Wort zählt in Deutschland noch etwas.

Gefällt Ihnen diese Art?
Manchmal ist es mir fast zu viel. Ich bin einer, der die Spieler involviert: «Hier haben wir ein Problem, sucht eine Lösung.» Das sind die Deutschen nicht gewohnt, sie sind oft nur Befehlsempfänger. Im Spiel kann ich ihnen aber nicht sagen, wann sie aufs Tor schiessen müssen.

Und die Schweizer?
An gleicher Stelle im Training kommt von ihnen immer das «Aber» und «Könnten wir nicht?» oder «Das wäre doch auch noch gut». Der Schweizer will mehr Mitspracherecht haben. Liegt das daran, dass die Schweizer auch in den Klubs mehr Macht haben?
In Deutschland sind die Spieler eher Untertanen. Es gibt zehn Ausländer pro Verein, also zwei Blöcke. Wenige Deutsche spielen in den ersten beiden Blöcken. Es gibt Nationalspieler, die in ihren Klubs noch keine Minute Überzahl gespielt haben. Und hier müssen sie das auf einmal tun. Da blühen sie richtig auf.

Müssen Sie gegenüber Deutschen herrischer auftreten?
Ich probiere, ich selbst zu bleiben. Damit bin ich auch in der Schweiz gut gefahren. Die einen hält man an der langen Leine, andere an der kurzen. Wir haben zum Beispiel ein, zwei Routiniers, die oft noch zu engstirnig denken. Dann kann ich sie anstossen: «Probiert selbst einmal etwas!»

Sind Sie für die Spieler der Köbi oder der Jakob?
Beides. Aber das ist mir nicht so wichtig.

Lachen die Spieler über Ihren Schweizer Akzent?
Klar, wenn ich Wörter wie «Schoggipass» sage, wird schon gelächelt. Und hintenherum werden sie auch ihre Sprüche machen. Das haben wir früher über die Kanadier ja auch gemacht. Das ist normal. Aber der Respekt der Spieler ist da, und ich glaube, sie fühlen sich wohl.

Wurden Sie sonst nie belächelt?
Nein, im Gegenteil: Ich wurde sehr gut aufgenommen im Verband. Die Zusammenarbeit mit den Trainern und Managern gestaltet sich angenehm. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Viele Journalisten hingegen waren skeptisch, dass Sie das Traineramt übernehmen.
Einige kannten mich. Andere hatten meinen Namen noch nie gehört, weil sie sich teils nicht mit der Materie auseinandersetzen, wie es ein Journalist tun sollte. Die kommen ans Spiel, schauen zu und gehen wieder. Aber sie blicken nicht hinter die Kulissen, besuchen nicht das Training, fragen nicht nach dem Programm. Sie interessieren sich nur fürs nackte Resultat.

Waren Sie selbst überrascht, als Sie im Mai den Trainerjob erhielten?
Der Kontakt bestand ja schon seit Januar, vor der WM wurde die Sache dann konkreter. Aber klar, wenn man von einem ausländischen Verband angefragt wird, ist das vor allem eine Ehre. Von daher war ich schon überrascht.

Ist das Ihre bisher grösste Herausforderung?
Wenn man die Arbeit gegen aussen betrachtet, den Druck der Medien und der Öffentlichkeit, dann sicher.

Hatten Sie im Frühling noch andere Angebote?
Ja, ich war auch mit Klubs im Gespräch, hatte Angebote aus NLA und NLB. Eines aus der NLA hätte ich fast angenommen. Ganz knapp bevorzugte ich dann aber Deutschland, weil ich dachte: «Eine solche Chance erhältst du nie mehr!»

Sie waren jedoch nur zweite Wahl hinter Ralph Krueger. Fühlen Sie sich als Platzhalter?
Es gab mehrere Kandidaten, auch aus Deutschland. Dass Ralph die Nummer 1 war, finde ich logisch. Es gibt keinen Besseren für eine Nationalmannschaft. Aber er ist bei Edmonton vertraglich gebunden. Deshalb hat man weitergesucht und mich ausgewählt. Warum, müssen Sie die Verantwortlichen fragen. Das weiss ich nicht.

Sie müssen doch irgendwelche Qualitäten mitbringen.
Die anderen brachten auch Qualitäten mit. Ich konnte vielleicht in den Gesprächen überzeugen. Aber ich möchte festhalten: Dass Ralph irgendwann übernehmen wird, hat nie jemand vom Verband gesagt. Das waren die Medien.

Dann schliessen Sie aus, dass Krueger erneut Cheftrainer und Sie sein Assistent werden?
Ich schliesse nichts aus. Ich weiss nicht, wo ich im Frühling sein werde. Ralph weiss nicht, wo er sein wird. Vielleicht wird er NHL-Headcoach. Vielleicht bin ich irgendwann in Kasachstan.

Was haben Sie in all den Jahren von ihm gelernt?
Seine Führung, seine Kommunikation. Das Zusammenstellen eines Teams. Nicht nur aufs Talent zu achten, sondern auch darauf, was neben dem Eis geschieht. Wie funktioniert einer? Da ist er hervorragend.

Haben Sie noch Kontakt?
Sehr oft. Wir skypen, mailen, telefonieren. Am Mittwoch fliege ich in die USA, um unsere NHL-Spieler zu besuchen. Da werden wir uns ebenfalls treffen.

Sie selbst pendeln im Liga-Alltag jedes Wochenende vom Bernischen nach Deutschland. Ist das nicht mühsam?
Ich habe einen Einjahresvertrag unterschrieben, weil ich nicht wusste: Sagt mir der Job zu? Die Reiserei? Die Mentalität? Ich wollte nicht alles zumachen in der Schweiz, ich habe noch schulpflichtige Kinder. Es ist stressig, weil ich nun viel planen muss. Aber wenn ich Verpflichtungen in Deutschland habe, dann bin ich rasch hier. Das ist kein Problem.

Und wie gefällt Ihnen nun die Mentalität? Besteht die viel beschworene Hassliebe?
Es ist eine Liebe geworden. Die Deutschen sind angenehme Typen – aufrichtig, gradlinig, sie schauen vorwärts. Sie sagen ihre Meinung, deutsch und deutlich. Das finde ich gut. Es passt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.11.2011, 13:28 Uhr

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