Die Ersatzgoalies treten aus dem Schatten

Descloux, Waeber, Paupe – in der noch jungen Qualifikation machen die Nummern 2 beste Eigenwerbung. Falls die Entwicklung anhält, kommt sie allen zugute.

Illustration: Kornel Stadler

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Wer den Namen Gauthier Descloux kennt, kann sich, ohne zu erröten, als Eishockey-Experte bezeichnen. 42 National-League-Spiele hat der 22-Jährige zwar vor dieser Saison bestritten, sowohl in Genf als auch in Ambri war er dabei aber die Nummer 2. In dieser Saison schenkt ihm Trainer-Rückkehrer Chris McSorley in Genf aber das Vertrauen, und Descloux dankt es mit Topleistungen. Zuletzt sicherte er am Mittwoch den 2:1-Sieg nach Penaltys gegen Lausanne, und generell ist er die Entdeckung der noch jungen Saison. Fünfmal durfte er schon spielen, und seine Fangquote von 96,20 Prozent ist sensationell und Liga-Bestmarke. Die weiteren Podestplätze belegen Leonardo Genoni (95,83) und Lukas Flüeler (93,80). Robert Mayer, immerhin Nationalspieler mit Nordamerika-Erfahrung, bleibt in Genf immer öfter nur die Rolle des Türchenöffners an der Bande.

Weitere positive Beispiele sind Biels Elien Paupe und Berns Pascal Caminada. Beide haben je zweimal gespielt und in den 120 Minuten je nur zwei Tore zugelassen. Auch sie haben mehr als 95 Prozent aller Schüsse abgewehrt und ihren Trainern und Sportchefs bewiesen, dass diese guten Gewissens Jonas Hiller respektive Genoni eine Ruhepause verordnen können, ohne dass gleich Panik ausbricht. Eine Pause, die kein Goalie grundsätzlich will, die jedem aber im Frühling, wenn es ans Eingemachte geht, zu grösserer Frische verhilft. Statistisch noch besser da stehen Freiburgs Ludovic Waeber und Rapperswils Noel Bader mit Fangquoten von 100 und 97 Prozent. Neun Ersatzkeeper erreichen über 90 Prozent Fangquote, und so kann man sagen: Der zweite Anzug sitzt so gut wie lange nicht.

Noch ist die Saison jung, aber die Erkenntnis, auch der Nummer 2 vermehrte Spielpraxis zu gönnen, scheint sich endlich durchzusetzen, nachdem dies international schon längst die Norm ist. Hier ist sie neu: In der letzten Saison totalisierten nur 8 der zusätzlich eingesetzten 19 Goalies mehr als 500 Einsatzminuten. Paupe und Caminada bestritten nur je vier Spiele, sie dürften ihre Marke in dieser Saison pulverisieren.

Idealbesetzung beim ZSC

Die ZSC Lions sind das Idealbeispiel, wie die Goalieposition besetzt sein sollte. Sie haben mit Lukas Flüeler und Niklas Schlegel zwei Schweizer von internationalem Niveau. Kein Wunder, sagt Trainer Serge Aubin: «Ich kann jeden Abend bedenkenlos Lukas oder Niklas einsetzen. Das ist ein sehr gutes Gefühl.» Als Alternative können es sich finanzstarke Clubs leisten, für die wichtigste Saisonphase einen ausländischen Goalie als Absicherung zu verpflichten. Oft erinnert das an ein Vabanque-Spiel, denn die Überflieger zwischen den Pfosten warten im Februar meist auch nicht untätig auf einen Anruf aus der National League, sondern spielen in einer anderen Liga.

Ein Hutwurf als Höhepunkt

Dass es gut gehen kann, zeigt das Beispiel SCB: 2015 verpflichteten die «Mutzen» Jakub Stepanek als Ersatz für den verletzten Marco Bührer, und der Tscheche hexte die Berner unkonventionell, aber erfolgreich zum Titel. Nicht immer geht es aber so auf, das musste – ebenfalls beim SCB – Michael Garnett im Playoff-Final 2017 erfahren. Nur einmal erlangte er richtig Aufmerksamkeit, und seis wegen einer ungewöhnlichen Aktion – als Mark Arcobello gegen den EV Zug einen Hattrick vollendete, da schmiss der Nordamerikaner seine Kopfbedeckung in Richtung des Schützen, so wie es in seiner Heimat üblich ist. Nicht den Helm wohlgemerkt, sondern seinen Hut. Garnett, der die Partie in zivil verfolgte, erntete verwunderte Blicke. Er war als Backup für Leonardo Genoni geholt worden, weil der Zürcher aber gesund blieb, war sein Stammplatz auf der Tribüne.

Weniger russisches Roulette

Für jene Vereine, die sich diesen Luxus nicht leisten können, gilt in der wichtigsten Saisonphase ein vereinfachtes Motto: beten. Und zwar inbrünstig, denn falls sich der Stammgoalie im Februar verletzen sollte, droht massives Ungemach. Die Verantwortung liegt dann auf den schmalen Schultern eines Mannes, der nur wenig Erfahrung hat und erinnert an russisches Roulette. Je mehr die Backup-Torhüter in der Qualifikation Matchpraxis sammeln, desto ruhiger dürften die Trainer und Sportchefs schlafen, wenn es wirklich wichtig wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2018, 15:39 Uhr

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