«Die Euphorie in Lugano ist wieder da»

Patrick Fischer (39) trainiert in seiner zweiten Saison den HC Lugano. Der ehemalige Nationalstürmer fühlt sich im Südtessin wie zu Hause und will den Club wieder an die Spitze führen.

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Wie ist das so für einen Trainer des HC Lugano, wenn er mit seinen Spielern das Tessiner Derby gegen den HC Ambri-Piotta verloren hat? (Anm. d. Red: Ambri siegte am letzten Samstag in der Valascia 3:1.)
Eine Niederlage gegen Ambri wird in der Öffentlichkeit in Lugano anders verarbeitet als ein verlorenes Spiel gegen einen anderen Verein. Das Tessiner Derby ist etwas ganz Spezielles für die Fans und die Bevölkerung, die sich nach diesen Duellen so richtig sehnen. Nach einem Sieg herrscht eine speziellere Genugtuung, nach einer Niederlage geht es eben in die andere Richtung. Bildlich ausgedrückt: Die Fahne wird im Falle eines verlorenen Derbys für einige Tage auf halbmast gesetzt, egal ob in der Leventina oder im Südtessin.

Das Duell zwischen Ambri und Lugano gilt inzwischen als impulsivstes Derby im Land.
Sagen wir es so: Das Tessiner Derby ist in der Tat etwas ganz Spezielles. Der Kanton Tessin, mit zwei Clubs in der höchsten Eishockeyklasse vertreten, kann extrem stolz auf das Derby sein. Die Emotionen kochen, die heissblütigen Fans gehen richtig mit. Diese Derby-Atmosphäre miterleben zu können, ist ein Privileg. Ich durfte es als Spieler in meiner Zeit mit dem HC Lugano erleben, nun spüre ich diese lebhafte Ambiance als Trainer des HCL – das macht wirklich Spass.

Ihr offensiv stärkster Spieler, Fredrik Pettersson, hat am letzten Freitag gegen Servette in den Kabinengängen eine Trinkflasche aus Plastik in Richtung der Genfer geschossen. Nehmen Sie sich den Sünder noch zur Brust?
Es ist logisch, dass diese Aktion nicht die optimale Vorgehensweise war, die Emotionen oder den Frust abzubauen. Fredrik ist sich dessen absolut bewusst. Man muss die Emotionen kontrollieren können, das gehört zum Eishockey. Er hat das für einmal nicht geschafft und die PET-Flasche geworfen. Ich hoffe, dass dies das letzte Mal der Fall war. Solche Aktionen gehören nicht zum Sport, aber sie kommen eben vor.

Pettersson, Linus Klasen, Ilari Filppula – die beiden Schweden und der Finne verzaubern die Fans von Lugano und sind ganz vorne in der Skorerliste vorzufinden. Sie müssen punkto Ausländer ein sehr glücklicher Trainer sein.
Natürlich, ich bin extrem zufrieden mit dem Trio, aber nicht nur wegen der spielerischen Qualitäten der drei Stürmer. (Pettersson führt die Statistik vor Teamkollege und Landsmann Klasen an, Filppula liegt auf Rang 13). Sie arbeiten hart, auch neben dem Eis. Sie sind Vorzeigeprofis und damit auch Vorbilder für unsere Jungen. Und das ist gut so, weil wir einige junge Spieler im Kader haben.

Aber ist es nicht so, dass dieses Trio sowie der kanadische Stürmer Brett McLean – mit 18 Punkten viertbester Skorer im Team –, enorm viel Eiszeit haben?
Es geht eigentlich noch. Keiner der drei Nordeuropäer spielt beispielsweise im Boxplay. Da kommen Brett und die Schweizer Spieler zum Einsatz. Im Powerplay hat das Trio aus dem Norden natürlich mehr Eiszeit als andere. Bei Vollbestand, also bei 5 gegen 5 auf dem Eis, bin ich aber ein Coach, der konstant alle vier Reihen zum Zuge kommen lässt, zumindest bis zur 50. Minute. In letzter Zeit allerdings musste ich wegen verletzter Stürmer gewisse Spieler mehr forcieren. Aber das betraf nicht nur die Ausländer, sondern auch die Schweizer. Wenn Spieler verletzt sind und eine Lücke hinterlassen, müssen eben andere einspringen und noch mehr leisten.

Dann besteht die Gefahr, dass Ihre Ausländer in den Playoffs ausgelaugt sein werden, nicht?
Nein. Klasen beispielsweise spielt einiges weniger oft als Pettersson. Fredrik hat schon am meisten Eiszeit, ich muss aber auch erwähnen, dass er physisch, also punkto Ausdauer, der stärkste Stürmer in unserem Kader ist. Ich habe keine Angst, dass er in den Playoffs keine Kraft oder keine Puste mehr hat.

Wie gefällt es Ihnen als gebürtigem Zuger eigentlich in Lugano?
Ich kenne das Tessin seit gut 17 Jahren. Ich habe ja in Lugano gespielt und mich sofort wohlgefühlt (von 1997 bis 1999). Mir gefallen die Leidenschaft und die Emotionen der Menschen fürs Eishockey. Und was die Stadt und die Region betrifft, so ist das für mich ein Paradies. Der Club hat mir schon viel gegeben. Der HCL ist neben dem EVZ jener Verein, mit dem ich am meisten erlebt habe. Ich fühle mich extrem wohl hier.

Glauben Sie, dass Sie mit dem HCL sportlich etwas für die Zukunft aufbauen können?
Ja, auf jeden Fall. Ich traue mir das auch zu. Wir haben einige wichtige, grosse Schritte gemacht. Vom hinteren Mittelfeld in der vergangenen Saison haben wir uns unter die Top 4 der Liga manövriert. Wir wollen aber noch mehr, wir wollen logischerweise ganz nach oben.

Dann kann der Fan des HCL hoffen, dass sein Club erstmals seit dem Meistertitel 2006 wieder einmal eine Playoff-Serie gewinnen wird?
(schmunzelt) Gewiss doch.

Spüren Sie als junger Trainer die Rückendeckung der Vereinsführung, sprich von Präsidentin Vicky Mantegazza?
Jeder Trainer hat das Vertrauen der Clubführung, wenn er eingestellt wird. Peter und ich geben dieses Vertrauen auch zur Genüge zurück. (Der 49-jährige Schwede Peter Andersson ist Assistenztrainer und verteidigte von 1997 bis 2001 für den HC Lugano. Sein Sohn Calle ist nun ebenfalls Verteidiger des HCL). Wir haben über 1500 Zuschauer mehr im Schnitt an den Heimspielen als letzte Saison. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Dann kann man von einer Aufbruchstimmung in Lugano reden?
Das kann man definitiv so sagen. Die Bevölkerung und das Umfeld reagieren positiv, die Freude, dass der HCL wieder sportlich bessere Resultate liefert, ist gross. Wir haben auch viele Tessiner im Kader – fast ein Drittel der Mannschaft. Das hilft punkto Identifikation mit dem Club enorm, der Zuschauer sieht und goutiert das. Die Euphorie ist in Lugano sicher wieder da.

Erstellt: 11.12.2014, 09:48 Uhr

Patrick Fischer

Der Zuger Patrick Fischer (39) blickt als Aktiver auf eine illustre Karriere zurück. Der EVZ (1992–1997, 2003–2006, 2007–2010), der HC Lugano (1997–1999), der HC Davos (1999–2003), die Phoenix Coyotes (2006–2007) sowie SKA St. Petersburg (2007/08) waren seine Stationen. Mit Lugano (1999) und Davos (2002) wurde der Flügel zweimal Schweizer Meister. In der NHL kam er 27-mal zum Einsatz, erzielte 4 Tore und gab 6 Assists. Im Frühling 2010 hängte der 183-fache Nationalspieler seine Schlittschuhe an den Nagel und entschied sich für eine Trainerlaufbahn.

Im Juni 2010 wurde er in Lugano als Assistent der Elite-Junioren engagiert. Nur wenig später stieg er zum Assistenztrainer des NLA-Teams auf. Seit dem 30. April 2013 ist Fischer Headcoach des HCL.

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