Porträt

Die Frau im Männertor

Florence Schelling, Goalie des Schweizer Eishockey-Frauennationalteams, härtet sich beim Erstligisten Bülach für Olympia in Sotschi ab.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der ältere Herr stapft in der zweiten Drittelpause über die Tribüne der Eishalle Hirslen und sagt im Vorbeigehen: «Drei von vier muss sie halten.» Sie, das ist Nationalgoalie Florence Schelling, die an diesem Mittwochabend in der 1. Liga bei Bülach debütiert. Vier Gegentore hat die 24-Jährige in den ersten 40 Minuten erhalten, und wenn der tadelnde Zuschauer drei als haltbar taxiert, macht er es sich sehr einfach: Er blendet grosszügig die Entstehung der Aroser Tore aus. Das zweite ist ein Schlenzer ins Lattenkreuz aus kurzer Distanz, das vierte ein Slapshot in Überzahl aus nächster Nähe.

So kann es gehen, wenn sich eine Frau unter Männer mischt, gerade in einer Sportart wie Eishockey. Schelling weiss, dass ihr Engagement bei den Unterländern viel Angriffsfläche für Chauvinisten bietet. «100 Prozent reichen nicht, ich muss mehr bringen. Denn wenn ich ein Tor kassiere, heisst es sofort: Da steht halt eine Frau im Kasten. Ich spüre das. Sich im Kopf darauf einzustellen, ist extrem schwierig», sagt sie.Trotzdem: Ganz anderer Meinung als der ältere Herr ist sie nicht. Nach dem 8:5, dem ersten Bülacher Sieg im dritten Match, setzt sie zur Analyse an: «Ich hätte vielleicht jeden halten können.» Und ergänzt lächelnd, dass sie sehr selbstkritisch sei. Nach kurzem Überlegen fällt das Urteil milder aus: «Na gut, das zweite war schön gemacht. Und wenn ein Mann aus dem Slot voll aufzieht wie beim vierten, kann ich nicht viel dagegen tun.»

Keine eigene Garderobe

Schon mit 16 betrat Schelling in Turin die Olympiabühne, sie ist die unbestrittene Nummer 1 im Schweizer Fraueneishockey, die ihr Land 2012 zu WM-Bronze und sich ins All-Star-Team hexte. Und doch kann sie ihre Nervosität bei der 1.-Liga-Premiere nicht abschütteln, weil sie – von zwei entschärften Kontern im Startdrittel abgesehen – lange kaum Arbeit hat und so kein Vertrauen gewinnt. «Im Spiel wurde meine Nervosität noch grösser, als Tor um Tor fiel», gibt sie zu. Dass sie fünfmal bezwungen wird, hat auch mit ihren Vorderleuten zu tun. «Wir haben sie zu wenig unterstützt», sagt Lukas Baumgartner.

Der Captain fand die Vorstellung einer Frau im Team zu Beginn «komisch», doch die Konstellation erwies sich als problemlos. Dass ihm zur Frage, was sich mit Schelling geändert habe, nichts einfällt, spricht für sich: Ihr Geschlecht ist unerheblich. So mag sie es, sie will keine Sonderbehandlung, divenhaftes Auftreten ist ihr ohnehin fremd. Sie braucht keine eigene Garderobe, hat sich mit den Jungs arrangiert, wie sich das Coach Thierry Paterlini gewünscht hat. «Ich habe mich rausgehalten, das Team sollte das selber regeln», sagt der frühere Nationalspieler. «Florence ist total unkompliziert, es lief alles geräuschlos ab.»

Dass er Schelling, die er 2010 in Vancouver hatte spielen sehen, aufnahm, ist der eigenen Erfahrung geschuldet. Als Paterlini seine Karriere in Siders ausklingen liess, trainierte Sophie Anthamatten vom Erstligisten Saastal regelmässig mit. «Sie fiel nicht ab. Und es hiess von allen Seiten, Florence sei noch besser.»

Schelling hat früh gelernt, sich in der Männerdomäne zu behaupten. Sie durchlief die Nachwuchsabteilung der Lions, kam mit 18 als erste Frau in einem NLB-Testspiel bei GCK zum Einsatz. «Bis ich nach Amerika ging, kannte ich fast nur Eishockey mit Männern, darum ist das alles nicht neu für mich», sagt sie.

Montreals Angst

2008 siedelte sie um nach Boston, begann ein Wirtschaftsstudium an der Northeastern University und war vier Saisons die herausragende Figur ihres College-Teams. Als Rückhalt der Huskies heimste sie zahlreiche Auszeichnungen ein. Sie war mehrmals Spielerin der Woche, des Monats, einzige Ausländerin am All-Star-Game 2009 (und MVP), bestritt den ersten Outdoor-Match zweier College-Frauenteams im Bostoner Fenway Park vor 38'000 Leuten, schaffte es 2011/12 mit einer sagenhaften Fangquote von 95 Prozent auf Platz 2 im Kampf um den Award für die Spielerin des Jahres.

Weil nur vier College-Saisons erlaubt sind, wechselte Schelling in die Canadian Women’s Hockey League (CWHL). Die Montreal Stars hatten sie gedraftet, ihre Verpflichtung geriet jedoch zum Politikum, da sie zwei kanadische Nationalgoalies konkurrenzierte. Schelling, die sich für die Hälfte des letzten Studienjahrs ein Praktikum in der Metropole organisiert hatte, wurde auf Druck von höchster Stelle abgegeben und zu Brampton nahe Toronto transferiert. Sie darf über die leidige Episode nicht viel erzählen, sagt nur: «Die Nationalität zählte mehr als die Leistung.» Im Januar kehrte sie nach Boston zurück, um das Studium abzuschliessen, und pendelte zwischen Massachusetts und Brampton.

Vermisste Unabhängigkeit

Seit Juni ist Schelling in der Schweiz, mit gutem Grund. Die nordamerikanischen Nationalspielerinnen trainieren seit Mai für Sotschi und fehlen diesen Winter in der CWHL, die nur fünf Teams umfasst. «Das Niveau sinkt dadurch stark. Zudem war lange nicht klar, ob die Saison erst nach Olympia oder überhaupt stattfindet, weil Sponsoren fehlen», sagt Schelling. Sotschi im Hinterkopf, führten sie die Unwägbarkeiten nach Hause. Zum Männereishockey, bei den Frauen wäre sie unterfordert.

Schelling vermisst die USA, die Unabhängigkeit des Studentendaseins, ihre Freunde. Sie lebt derzeit bei den Eltern in Oberengstringen, arbeitet beim internationalen Eishockeyverband in Zürich als Koordinatorin Administration und IT. Ein Stück Amerika bewahrt sie sich im Alltag mit Besuchen im Starbucks, wo sie vorzugsweise ihre Interviews gibt.Vielleicht macht sie ihren Master dereinst in den USA, daran mag sie aber noch nicht denken – das Olympiaturnier im Februar schwebt über allem. Bis dahin gilt es, die Chauvinisten ruhigzustellen.

Erstellt: 03.10.2013, 19:18 Uhr

Frauen im Männer-Eishockey

Florence Schelling ist die erste Frau, die einst bei einem NLB-Team zum Einsatz kam, aber nicht die erste Schweizerin, die im Männereishockey Fuss fasste. Patricia Elsmore-Sautter stieg 1998 mit Schaffhausen in die 1. Liga auf, kam in der dritthöchsten Spielklasse aber nicht zum Einsatz. Im Gegensatz zu Riitta Schäublin, die 2001/02 bei Zunzgen/Sissach debütierte und damit für ein Novum sorgte. Wie Schelling sind beide Torhüterinnen, und wie Schelling wagten beide den Sprung nach Übersee, wo sie College-Eishockey spielten. Mit Sophie Anthamatten steht derzeit auch die Schweizer Nummer 2 bei einem 1.-Liga-Männerteam im Einsatz, in der Gruppe West bei Saastal.



Im internationalen Männer-Eishockey machten Kanadierinnen von sich reden. Manon Rhéaume hütete im August 1992 in einem NHL-Vorbereitungsspiel das Tor bei den neu gegründeten Tampa Bay Lightning. Für Aufsehen sorgte 2003 Hayley Wickenheiser, die bei Kirkkonummen Salamat in der dritthöchsten finnischen Spielklasse als erste Frau in einer Profiliga skorte. Nach dem Aufstieg in die zweite Liga kam sie jedoch kaum mehr zum Einsatz und kehrte in die Heimat zurück.

Feldspielerinnen bei den Männern gibt es in der Schweiz nicht; das Reglement erlaubt dies nur bis ins Novizenalter (17 Jahre) – mit Ausnahmen bis zu den Junioren (20). (kai)

Artikel zum Thema

Eine Frau hütet das Tor bei den Männern

Florence Schelling, der Goalie der Schweizer Frauen-Hockey-Nati, wird in der kommenden Saison im Tor des Männerteams von Erstligist EHC Bülach stehen. Mehr...

Exotin unter den All-Stars

Die Schweizer Nationaltorhüterin Florence Schelling trifft morgen Sonntag im College-All-Star-Game auf das amerikanische Olympia-Team. Mehr...

Beim Frauen-Bodycheck schauen die Sponsoren weg

Im Millionen-Zürich findet die Eishockey-WM der Frauen statt. Das OK hat die Erfahrung gemacht, dass es in der Schweiz um die Akzeptanz für den Frauensport nicht zum Besten bestellt ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...