Die Zeit der unerwarteten Helden

Kent Ruhnke spricht über die Meisterschaftsphase, in der aus Komparsen plötzlich Hauptdarsteller werden.

Fabrice Herzog macht für den ZSC mit vollem Einsatz all das, was im Playoff so gefragt ist. Foto: Manuel Lopez (PPR)

Fabrice Herzog macht für den ZSC mit vollem Einsatz all das, was im Playoff so gefragt ist. Foto: Manuel Lopez (PPR)

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Am Donnerstag brauchten die ZSC Lions einen Schuss für den 1:0-Sieg im wegweisenden Spiel der Serie gegen Lugano. Patrick Geerings Handgelenksschuss in die hohe Ecke war gut, aber nicht grossartig und eigentlich leicht haltbar für Goalie Elvis Merzlikins – wenn sich da nicht zwei grosse Hindernisse vor ihm aufgebaut hätten.

Reto Schäppi und Fabrice Herzog hatten sich als perfekte Schutzschilder vor Luganos Tor gestellt. Einer stand vor dem anderen, und als der Puck vorbeizischte, teilten sie sich wie einst das Rote Meer – Merzlikins war chancenlos. Ein Goalie kann nicht halten, was er nicht sehen kann. Natürlich wird der Treffer Geering gutgeschrieben. Aber wer ist der wirkliche Held?

Wir sehen ein anderes Lions-Team, als wir nach den letzten Jahren erwartet hatten. Sie spielen mit mehr Inten­sität und kollektiver Willenskraft, als ich mich erinnern kann. In Interviews sprechen die Spieler über ein physisches Eishockey, über das Gewinnen der Eins-gegen-eins-Duelle. Auf dem Eis stellen sie sich zusammen jeder Konfrontation, sie zeigen eine gemeinsame Entschlossenheit, und so überzeugen sie die Tessiner langsam davon, dass sie nicht durch Einschüchterung gewinnen können. Die Serie wird durch Talent entschieden, ja mehr noch durch Charakterstärke – und vielleicht einen weiteren Helden.

Flink wie eine Schlange

Niklas Schlegel entspricht nicht dem Prototyp eines Goalies. Mit 180 Zentimetern und 67 Kilogramm (!) wirkt er neben Kollege Lukas Flüeler mit seinen 192 Zentimetern und 97 Kilos wie ein Zwerg. Dies kann ein Grund sein, weshalb Zürichs Verantwortliche zögerten, ihn zur Nummer 1 zu machen. Natürlich muss Schlegel andere Wege finden, um Pucks zu stoppen als mit reiner Masse.

Am Donnerstag ist ihm dies wieder gelungen. Als sein Team mit 3 gegen 5 spielte, gelang ihm eine schwierige Parade auf einen Distanzschuss, und der Rebound war gefährlich nahe bei einem Spieler Luganos, der dann nur noch das weit offene Tor hätte treffen müssen. Schlegel fuhr sein rechtes Bein aus wie eine Schlange und konnte so den Puck gerade noch an den Pfosten lenken. Ein weiterer Pfostenschuss und ein Lattentreffer komplettierten sein Glück an diesem Abend. Ein 1:0-Shutout in seinem ersten Playoff-Spiel. Aus diesem Stoff werden Helden gemacht.

In der letzten Woche habe ich einen Artikel über die Montreal Canadiens aus der NHL gelesen mit der amüsanten Schlagzeile «Die Canadiens sind nach dem Trainerwechsel regeneriert, niemand weiss aber genau, wieso». Das könnte man auch über Lugano sagen. Wieso weigert sich dieses Team, für gewisse Coaches zu spielen, kämpft dann aber hart für andere?

Der neue Coach Greg Ireland ist weder von imposanter Gestalt noch mit dem Charisma von Genfs Chris McSorley ausgestattet, er bekommt aber eine grossartige Leistung von seiner Mannschaft. Seine vier soliden Sturmreihen sorgen dafür, dass die Zürcher Abwehr alle Hände voll zu tun hat. Maxim Lapierre und Luca Fazzini sorgen bei ihnen für Schweissausbrüche. Luganos Forechecking macht das Leben für die Abwehr der Lions sehr schwierig, und deshalb kann die Zürcher Offensive auch nicht dauerhaft Druck auf ihre Gegner ausüben. Wie es grosse Teams aber tun, können sie reagieren und brechen nicht auseinander. Sie sind immer noch daran, herauszufinden, wer sie sind, und bauen ihr Selbst­vertrauen auf. Ich denke, sie werden nur noch besser.

Die Genfer haben (zusammen mit Davos) in den letzten 17 Jahren das Schweizer Eishockey weiter gebracht als jede andere Mannschaft. Wieso? Weil sie die anderen NLA-Teams zwangen, härter zu werden und intensiver zu arbeiten, um gegen ihren angriffs­lustigen Stil erfolgreich sein zu können. Nun haben sie sich aber mit ihrer Taktik in den eigenen Fuss geschossen. Dieses Team ist nichts anderes als eine schmollende, schmutzige und unverschämte Gruppe unreifer Schläger.

Und der Imperator hat das Heft derzeit nicht in der Hand. Diese Taktik der Einschüchterung entsteht nicht wie von Zauberhand aus dem Innenleben des Teams. Es passiert absichtlich und vorsätzlich, und es waren klare Ver­suche dabei, den Gegner zu verletzen. Dem EV Zug ist es aber sehr gut gelungen, den Sturm zu überstehen und seiner Strategie treu zu bleiben. Wir können die Adler gar nicht schnell genug loswerden, und ich wünsche Zug heute alles Gute.

Bern - Davos wird grossartig

Beim SC Bern ist es problematischer. Ich spüre nicht die gleiche Entschlossenheit wie letztes Jahr, und das Team scheint sich von seinen Stärken zu entfernen. Die Helden beim letztjährigen Meistertitel waren die Handwerker, die Bergers, Gian-Andrea Randegger, Helbling und Rüfenacht. Coach Kari Jalonen konzentriert sich auf seine drei Toplinien und verteilt die Eiszeit nicht gleichmässig und weicht die Gegner nicht mit dem harten Spiel auf wie beim letztjährigen Titel. Natürlich wird Bern gegen Biel weiterkommen, aber ein Halbfinal gegen Davos wird viel schwieriger. Der HCD spielt so gut wie noch nie diese Saison, und Beat Forster ist in der Abwehr wieder ein Gigant. Bern - Davos wird für den Zuschauer eine grossartige Serie.

Die Lions haben immer noch den schwierigsten Weg in den Halbfinal. Hans Wallson ist es gelungen, seine Linien so zu mischen, dass Finesse und Aggressivität vorhanden sind, und das ist ein Playoff-Rezept, das funktioniert. Zu dieser Jahreszeit wird es auf dem Eis schnell eng, und man kann dem Verkehr nicht ausweichen. Die Stars können damit oft nicht umgehen, und so muss sich ein Team nach anderen Helden umschauen. Zürich sucht in einem jungen Goalie seinen Helden, und die Blöcke von Schäppi und Trachs­ler sind für das physische Spiel und die Inspiration zuständig. Die Verteidigung ist besser. Wird das reichen für ein Date mit Zug? Ich denke es.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:05 Uhr

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NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

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