Die spielerische Klasse als Handicap

Die ZSC Lions verloren den Final, weil sie sich nicht gewöhnt sind, ihre Komfortzone verlassen zu müssen.

Niedergeschlagen: ZSC-Captain Mathias Seger nach dem verlorenen Final.

Niedergeschlagen: ZSC-Captain Mathias Seger nach dem verlorenen Final. Bild: Keystone

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Die ZSC Lions liessen fürs Playoff ein T-Shirt drucken, auf dem in dicken Lettern steht: «Mission back 2 back», übersetzt: Mission Titelverteidigung. Sie wollten schaffen, was letztmals ihnen 2001 gelungen war. Doch sie machten in den vergangenen Wochen nicht den Eindruck, als befänden sie sich auf einer Mission. Sie spielten phasenweise gutes, temporeiches Eishockey, aber sie wirkten nicht wie ein Team, das wild entschlossen ist, Grosses zu erreichen. Und als ihnen im Final mit dem HC Davos ein Team auf Augenhöhe begegnete, machte sich bald einmal Ratlosigkeit breit. Nach einem gelungenen Start verloren sie vier Spiele in Serie. Am Samstag verabschiedeten sie sich mit einem 0:3.

Natürlich, die letzten drei Spiele ­waren alle umkämpft. Fakt aber ist: Das 4:1 für die Davoser in der Finalserie lügt nicht. Sie waren in allen Bereichen, die im Playoff entscheidend sind, eine Spur besser: Sie waren gradliniger, zweikampfstärker, kaltblütiger, entschlossener, kompakter, aggressiver, und sie hatten in Leonardo Genoni den besseren Torhüter. Es gelang den ZSC Lions nicht, bei den Bündnern Zweifel zu säen, ihnen wehzutun. Wahrscheinlich verliessen sie sich zu sehr darauf, dass sich ihre spielerischen Vorteile irgendwann doch durchsetzen würden. Doch im Playoff ist Eishockey kein Spiel mehr, es ist ein erbitterter Kampf.

Davos wie der ZSC 2012

Wenn sich in diesem Playoff ein Team auf einer Mission befand, dann der HCD. Die Bündner erinnerten stark an die ZSC Lions 2012. Beide hatten zuvor drei Jahre lang keine Playoff-Serie mehr gewonnen und räumten als Aussen­seiter den Ersten und den Zweiten aus dem Weg. Die Zürcher schlugen damals den HCD und Zug mit 4:0, die Bündner nun den SCB und den ZSC mit 4:0 respektive 4:1. Eine weitere Parallele haben die beiden Meisterteams noch: Andres Ambühl. Einen Vorkämpfer wie ihn vermissten die ZSC Lions im Final. Roman Wick war müde gespielt, andere konnten nicht in die Lücke springen.

Die ZSC Lions sind unter Marc Crawford, der Kreativität fördert, eine attraktive Spielkultur etabliert hat, zu einem exzellenten Team in der Qualifikation geworden. Niemand hat in den letzten drei Saisons nur annähernd so viele Punkte errungen wie sie. Aber im Playoff tun sie sich oft schwer, haben sie seit 2013 zwar sechs von acht Serien gewonnen, aber nur 54 Prozent ihrer Spiele – 26 von 48. Ihre spielerische Klasse spielt ihnen dabei einen Streich. Weil sie den meisten Gegnern überlegen sind, sind sie in der Regular Season nur selten gezwungen, ihre Komfortzone zu verlassen. Sich im Playoff umzustellen, wenn um jeden Zenti­meter Eis gekämpft wird, ist tückisch.

Crawford fand keine Lösungen

Auch Coach Crawford fand zuletzt keine Lösungen mehr. Wieso sein Team fast jedes Penaltyschiessen verliert und warum es trotz seiner offensiven Qualitäten im Final kein Powerplaytor schoss, wird er analysieren müssen. Der Job von Crawford wird es auch sein, den Konkurrenzkampf zu beleben, dafür zu sorgen, dass es sich seine Spieler nicht zu bequem machen in einer Organisation, in der fast alles wunschgemäss funktioniert.

Die ZSC Lions, darüber kann der verlorene Final nicht hinwegtäuschen, sind der erfolgreichste Verein der letzten Jahre, haben mit ihrer Talentförderung, die lange gereift ist und nun von Crawford umgesetzt wird, einen grossen Vorteil. Mit 9650 Zuschauern erzielten sie letzte Saison den höchsten Zuschauerschnitt der Clubgeschichte. Sie geniessen inzwischen viel Goodwill bei ihrem Anhang, sind bei Sponsoren breit abgestützt. Doch die Herausforderungen gehen ihnen nicht aus. Nächstes Jahr kommt der Kampf ums eigene Stadion in Altstetten dazu. Im Sommer oder Herbst 2016 dürfte darüber abgestimmt werden. Die Rückeroberung des Titels würde im Hinblick auf den Urnengang nicht schaden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 22:34 Uhr

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