Hintergrund

Ein Check mit juristischen Folgen

Der Eishockeyaner Ronny Keller (33) bleibt für immer querschnittgelähmt. Der schwere Unfall im Oltner Stadion Kleinholz macht betroffen – und wirft auch rechtliche Fragen auf.

Eine Aktion mit Folgen: Langenthals Stefan Schnyder (r.) checkt von hinten den Oltner Ronny Keller.

Eine Aktion mit Folgen: Langenthals Stefan Schnyder (r.) checkt von hinten den Oltner Ronny Keller. Bild: Screenshot Teleclub

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jean-Claude Küttel ist Arzt der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, der Kloten Flyers und Mitglied der medizinischen Kommission der Swiss Ice Hockey Federation. Er hat sich die Szene, die zum schweren Unfall von Ronny Keller am letzten Dienstagabend führte, mehrmals auf Video angeschaut. «Es gibt bei einer solchen Situation immer zwei Spieler, die beteiligt sind. Es ist schon so, dass Keller effektiv vor der Bande abbremst und vom angreifenden Stefan Schnyder im dümmsten Moment leicht geschubst wird. Keller knallt dann kopfvoran in die Bande. Er hat zwei Meter vor der Abschrankung keine Chance mehr, sich gegen den Sturzflug zu wehren.»

So weit die Beobachtung des Verbandsarztes. Nach dem Schock mit der traurigen Nachricht, dass der Zürcher Keller auf Grund der schweren Verletzung des vierten Brustwirbels querschnittgelähmt bleibt, muss sich das Schweizer Eishockey aber auch juristisch mit dem Unfall befassen. Nationalliga-Einzelrichter Reto Steinmann hat ein ordentliches Verfahren gegen den Langenthaler Stefan Schnyder eröffnet. Es ist wohl Steinmanns schwierigster und heikelster Fall in seiner langjährigen Amtszeit als Liga-Richter. Aber der Zuger Jurist ist nicht der einzige, der den Vorfall untersucht. Auch die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn befasst sich mit dem Unfall.

Die Meinung des Experten muss Gewicht haben

Der Basler Anwalt und Sportrechtsexperte Martin Kaiser erklärt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Die Einschätzung des Einzelrichters wird Einfluss in einem zivil- oder strafrechtlichen Verfahren haben.» In der Tat führt Felix Bänziger, Oberstaatsanwalt des Kantons Solothurn, gegenüber dem «Blick» aus: «Mich interessiert jetzt, wie der Nationalliga-Einzelrichter die Szene beurteilt. Ich bin zwar nicht an sein Urteil gebunden, aber er ist der Fachmann.»

Bänzigers Aussage spricht gemäss Kaiser einen wesentlichen Punkt an: Ein juristisch ausgebildeter Eishockey-Experte wie Steinmann kann die Situation viel besser einschätzen als die Staatsanwaltschaft oder ein Gericht. Und weder die Staatsanwaltschaft noch ein Gericht können auf eine Expertenmeinung verzichten. Gerade das Gericht ist auf den Sachverstand des Verbandes angewiesen.

Ein spezifisches Rechtsproblem

Eishockey ist eine dynamische Sportart, die ein gewisses Verletzungsrisiko mitsichbringt. Das ist sich jeder Eishockeyaner bewusst. Und jeder Profi kennt auch die Regeln. Hält er diese nicht ein, muss er mit Konsequenzen rechnen – für sich, aber auch den gefoulten Spieler. Der Anwalt bemerkt dazu: «Vorliegend stellt sich deshalb die Frage, inwiefern die Nichteinhaltung der Sportregeln gleichzeitig sorgfaltswidrigkeits-begründende Wirkung im Sinne des Haftungs- und Strafrechts hat. Namentlich schwere Fouls als Beeinträchtigung der Gesundheit und körperlichen Leistungskraft stellen ein spezifisches Rechtsproblem dar.»

Kaiser nimmt die Praxis des Bundesgerichts zur Hand. Gemäss diesem seien Verhaltensweisen von Sportlern strafrechtlich irrelevant, solange sie kein besonders grob fahrlässiges oder gar vorsätzliches sportregelwidriges Verhalten darstellen würden. «Das Tor zur Annahme strafbaren Handelns ist nur geöffnet, wenn ein Sportler Verletzungen vorsätzlich zufügt oder zumindest die Sportregeln vorsätzlich so schwer verletzt beziehungsweise bei fahrlässigem Verhalten die Gefahr erheblicher Schäden bestanden hat.»

Die Ansicht des Sportmediziners

Jurist Kaiser ergänzt, dass «allgemein die Grenze dort gesehen wird, wo der Sport aufhört, Sport zu sein, wo eine sportartunspezifische Handlungsform anzunehmen ist». Das sei bespielsweise der Fall, wenn ein Gegenspieler in grober und rücksichtsloser Weise ohne Chance der Regeleinhaltung körperlich verletzt werde. «Ausserhalb des Grundrisikos einer Sportart bewegen sich solche Angriffe, die mit einer gewissen Verletzungsabsicht begangen werden, somit auf die körperliche Integrität. Die Schwere der Folge der Widerhandlung ist dabei untergeordnet ausschlaggebend, da diese auch von Zufälligkeiten abhängig ist.»

Sportmediziner Küttel, der viele Eishockey-Spiele live verfolgt hat, kommt beim Zwischenfall von Olten zum Schluss: «Man kann nicht von einem brutalen Foul von Schnyder sprechen. Es steckt meiner Meinung nach keine Absicht dahinter. Es ist vielmehr eine Verkettung von unglücklichen Umständen – mit leider dramatischen Folgen für den verunfallten Keller.»

Erstellt: 08.03.2013, 13:33 Uhr

Anwalt und Sportrechtsexperte: Der Basler Martin Kaiser.

Teamarzt: Jean-Claude Küttel betreut medizinisch die Schweizer Eishockey-Nati und die Kloten Flyers.

Artikel zum Thema

Einzelrichter fordert Gutachten an

Liga-Richter Reto Steinmann fordert bei der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik Zürich ein Gutachten an, um den Unfallhergang mit Oltens Ronny Keller aus biomechanischer Sicht analysieren zu können. Mehr...

«Es wirken unvorstellbare Kräfte, wir reden von Tonnen»

Interview Beat Villiger, langjähriger Eishockey-Clubarzt und früherer Leiter des Paraplegiker-Zentrums, äussert sich zum Fall des gelähmten Ronny Keller und wünscht sich mehr Respekt auf dem Eis. Mehr...

Die grossen Dramen des Schweizer Sports

Das tragische Schicksal des Eishockeyaners Ronny Keller ist leider kein Einzefall im Schweizer Sport. Ein Rückblick auf sechs bewegende Ereignisse. Mehr...

Der Fall McKim/Miller

Andrew McKim von den ZSC Lions wurde im Oktober 2000 im Zürcher Hallenstadion vom Davoser Kevin Miller unmittelbar nach einer Schussabgabe von hinten grob in den Rücken gecheckt. Durch den Check fiel er vornüber und schlug mit seinem Kopf auf dem Eis auf. Die bei diesem Foul erlittenen gesundheitlichen Schäden zwangen McKim, seine Profikarriere zu beenden.

Der Schiedsrichter bestrafte Miller mit einer Spieldauerdisziplinarstrafe. Im Disziplinarverfahren wurde er vom Einzelrichter für acht Meisterschaftsspiele gesperrt und mit einer Busse von 3000 Franken belegt.

Im Oktober 2007 entschied das Bundesgericht, dass dieses Foul ebenfalls strafrechtlich relevant ist, denn je krasser Spielregeln verletzt werden, die dem Schutz der Körperintegrität der Spieler dienen, desto weniger kann von der Verwirklichung eines spieltypischen Risikos ausgegangen werden und desto eher ist eine strafrechtliche Ahndung des foulenden Spielers angezeigt. Mit dem Verbot, Gegenspieler von hinten zu checken, soll genau das verhindert werden, was eingetreten ist, nämlich dass der gefoulte Spieler vornüber fällt und mit dem Kopf auf dem Eis aufprallt.

Für das Bundesgericht war somit erwiesen, dass die Körperverletzung auf ein objektiv krass regelwidriges Verhalten von Miller zurückzuführen ist.
(Zusammengestellt von Martin Kaiser)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Geldblog Der Crash wird über kurz oder lang kommen

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...