Ein grosser Bruder geht seinen Weg

Der EHC Kloten verdankt seinen geglückten Saisonstart auch seinem neuen amerikanischen Center Drew Shore. Der 25-Jährige hat eine interessante Familiengeschichte.

«Ich hätte vor einem Jahr nie gedacht, dass ich nun hier sein würde»: Kloten-Topskorer Drew Shore bei der Swiss-Arena. Foto: Esther Michel

«Ich hätte vor einem Jahr nie gedacht, dass ich nun hier sein würde»: Kloten-Topskorer Drew Shore bei der Swiss-Arena. Foto: Esther Michel

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Als Drew Shore dreizehn Jahre alt war, schrieb er seinen Eltern einen Brief. «Genau genommen waren es mehrere», erinnert er sich. Und alle hatten sie den gleichen Inhalt. «Bitte lasst mich nach Kanada Eishockey spielen», bat er, der älteste von vier Buben, Sarah und Davis Shore. «Das war so ziemlich der Inhalt all meiner Briefe.» Teenager Drew wollte nicht weg von zu Hause. Aber wenn das der Preis für seinen Traum war, wollte er ihn zahlen. Und so fing die Karriere von Klotens neuem amerikanischen Stürmer an.

Ein Dutzend Jahre später ist Shore 25 und bester NLA-Torschütze des Monats September. Bei Kloten schwärmen sie vorzugsweise von der wichtigen Defensivarbeit, die der Center verrichte. Von seinem kompletten Spiel in allen drei Zonen und davon, wie er charakterlich in die Mannschaft passe. Aber die sieben Tore des Amerikaners nehmen sie auch gerne. Sie waren ein Schlüssel für den über Erwarten guten Saisonstart.

Shores offensive Ausbeute ist in mehrfacher Hinsicht wichtig. Sie beweist, dass die neue sportliche Führung in der Lage ist, einen guten Ausländer zum relativ günstigen Preis zu verpflichten. Sie verhilft zu wertvollen Punkten in der Tabelle. Und sie mindert so auch den Resultatdruck, den noch offenen vierten Ausländerplatz bald zu besetzen. So gesehen machte Shore mit seinen Treffern letzten Monat die Arbeit von zwei. Absehbar war das nicht. Shores Eltern sind Juristen und waren ohne Verbindung zum Eishockey. Sarah hatte Tennis gespielt, David hielt es mit Lacrosse. Die beiden lernten sich während des Studiums in Denver kennen, gründeten eine Familie und erlebten bald, wie ihr Erstgeborener in den Bann einer neuen Sportart geriet. 1995 war der NHL-Club aus Québec nach Colorado gezogen, hatte dort auf Anhieb den Stanley-Cup gewonnen. «Die Avalanche war das grosse Thema damals», blickt Shore zurück, «ein Forsberg, ein Sakic waren Superstars der Stadt.»

Doch bereit für einen Boom war Denver nicht. Es gab viel zu wenig und zu wenig gute Juniorenteams, um das Eishockeyfieber, das die Avalanche bei den Jungen entfachte, zu nutzen. «Heute ist das ganz anders», sagt Shore, «aber vor zehn Jahren musstest du weg aus Colorado, wenn du dich als junger Spieler verbessern wolltest.» So wie er damals.

Die Eltern waren wenig begeistert, ihren Sohn zu einer Gastfamilie nach Vancouver zu schicken. «Doch sie merkten auch, wie wichtig mir das Ganze war, also waren sie schliesslich einverstanden», sagt Shore heute. «Natürlich hatte ich dann am Anfang ständig Heimweh. Aber es war in jeder Hinsicht eine grossartige Erfahrung.»

Vorbild für seine drei Brüder

Und es war die frühe Angewöhnung an ein Leben auf Wanderschaft. Insgesamt fünf Jahre war der Jugendliche weg von zu Hause. Nach Vancouver zog er weiter nach Ann Arbor in Michigan, wo das Nachwuchsprogramm von USA Hockey seine Basis hat, entwickelte sich dort zum Leistungsträger und wurde 2009 mit einem frühen NHL-Draft belohnt: Die Florida Panthers zogen den 1,91 Meter grossen Center in der 2. Runde.

Die Shores entwickelten sich schnell zu Colorados erfolgreichster Eishockeyfamilie. Alle drei Brüder folgten nämlich dem Vorbild des Ältesten: Nick teilte mit Drew gar ein Jahr das Zimmer in Ann Arbor und wurde 2011 gedraftet (Los Angeles), Quentin war 2013 an der Reihe (Ottawa), Nesthäkchen Baker wird wohl am nächstjährigen Draft das Quartett vervollständigen.

Dass eine frühe Draftposition keine NHL-Karriere garantiert, sollte Drew aber bald erfahren. Doch bis es so weit war, folgte «die bisher schönste Zeit meiner Karriere», wie er sagt. Shore kehrte nach Denver zurück, studierte Finanzwesen und entwickelte sich zum Star und Captain des lokalen Universitätsteams. Er traf Weggefährten von früher wieder, schloss neue Freundschaften und spielte in seiner Heimatstadt noch einmal mit Nick zusammen, der ihm gefolgt war. «In verschiedenen Linien zwar, weil wir beide Mittelstürmer sind – aber im Powerplay kamen wir schon zusammen aufs Eis.»

Die Rückkehr nach Denver war auch darum Shores schönste Zeit, weil es anschliessend mit der NHL nicht recht klappte. Nachdem er mit 21 zu den Profis gewechselt hatte, pendelte er zwei Saisons lang zwischen NHL und AHL, wurde dann in einem Tauschgeschäft nach Calgary geschickt und erhielt auch dort nicht die Chance, die er sich erhofft hatte. Bloss zwei Spiele bestritt Shore letzte Saison in der besten Liga der Welt. «Es war kein gutes Jahr, ich brauchte einen kompletten Neustart.»

Nur ein Paar Shorts für Kloten?

Den hat er nun. Im Sommer heiratete er, seit Mitte August ist er in Kloten. Er wusste wenig über seinen neuen Arbeitsort. Sein früherer Teamkamerad Peter Mueller hatte ihm vorgeschwärmt, andere ebenfalls, aber nicht alle Informationen waren korrekt. «Jemand meinte, ich bräuchte hier höchstens ein einziges Paar Shorts – das war leicht untertrieben», so der 25-Jährige über seine bisherige Schweiz-Erfahrung. Shore weiss natürlich, dass weder das schöne Wetter noch seine gute Torquote ewig hält. Er sieht die Saison in der Schweiz als Möglichkeit, seine Karriere neu zu lancieren. Ob er in einem Jahr noch immer hier ist oder einen neuen Anlauf Richtung NHL unternimmt? «Wer weiss. Ich bin eigentlich eher der Typ, der weit in die Zukunft plant», sagt Shore, «aber ich hätte vor einem Jahr ja auch nie gedacht, dass ich heute hier sein würde.»

Und so nutzt der Mann, der seine Eishockeykarriere einst mit Briefen an die Eltern begann, sein Schweizjahr anderweitig zur Laufbahnplanung. Shore belegt online die letzten Kurse seines Studiums in Denver, Ende Saison hat er seinen Abschluss. Immerhin diesen Teil seiner Karriere kann der beste NLA-Torschütze des vergangenen Septembers gut voraussehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2016, 19:56 Uhr

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