Es boomt der Beton

In der höchsten Schweizer Eishockey-Liga wird gebaut wie nie zuvor: Über eine halbe Milliarde Franken kosten allein die fünf aktuellen Stadionprojekte.

Ums alte Stadion herum ein neues gebaut: In Freiburg wird für fast 100 Millionen Franken die neue BCF-Arena in die Höhe gezogen. Foto: Yvain Genevay (Le Matin Dimanche)

Ums alte Stadion herum ein neues gebaut: In Freiburg wird für fast 100 Millionen Franken die neue BCF-Arena in die Höhe gezogen. Foto: Yvain Genevay (Le Matin Dimanche)

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Der Himmel ist grau, auf dem Boden liegt Schnee, und die Helme leuchten orange auf den Köpfen der Männer, die an diesem bitterkalten Samstag mit Schaufeln hantieren. Man schreibt den 22. Dezember 2018, und die drei Männer strahlen. Es sind schliesslich keine Bauarbeiter, die hier den Elementen trotzen, in Kameras lachen, Champagner verspritzen. Sondern Bundes­präsident Ueli Maurer, Ambri-Präsident Filippo Lombardi und Ligadirektor Denis Vaucher. Sie feiern einen Moment, von dem viele glaubten, er bleibe für immer ein Luftschloss: den Spatenstich fürs neue Stadion in der oberen Leventina. «Grazie a tutti, forza Ambri!», ruft Lombardi.

Dass sie es sogar im strukturschwachen Alpental schaffen, eine neue Arena aus dem Boden zu stampfen: Das ist der erstaunlichste Fall vom Fieber, das derzeit im Schweizer Eishockey grassiert. Aber nicht der einzige und schon gar nicht der schwerste. Denn in Zürich tun sie es ja auch, in Lausanne, Freiburg und Davos. Die halbe National League projektiert, konstruiert, profitiert von tiefen Zinsen – und lässt reichlich Geld springen. Allein das ­Kostentotal dieser fünf Projekte beträgt 560 Millionen Franken.

Der gefeierte Spatenstich in Ambri: Bundes­präsident Ueli Maurer, Ambri-Präsident Filippo Lombardi und Ligadirektor Denis Vaucher. (Bild: Keystone/Samuel Golay)

Zum Vergleich: Im ganzen Land gibt es nur zwei Kantone, die 2019 Investitionen von über einer halben Milliarde tätigen.

Dabei ist Ambri mit 51 Millionen Projektkosten noch bescheiden. In Freiburg klotzen sie für fast das Doppelte. Und der gigantische Komplex, der nach drei Jahren Bauzeit Ende September in Lausanne eingeweiht wird, kostet gar das Vierfache. Kein Wunder, sagt Ligadirektor Vaucher: «Es ist eine gute Situation im Moment, es bewegt sich einiges.»

Auf die alte Seele gebaut

In Freiburg zum Beispiel. Für 95 Millionen Franken findet dort statt, was mit «Renovierung» nur unzureichend beschrieben ist. Es handelt sich eher um einen Neubau um das bestehende Fundament herum. Dadurch bleiben die steilen Zuschauerrampen erhalten, die sonst heute nicht mehr möglich wären – und damit auch der Kessel nicht, dem die BCF-Arena ihre Stimmung verdankt. Dafür wurden die Tribünen verlängert, das alte Dach durch ein höheres ersetzt. 8500 Zuschauer finden Platz im Ensemble, das am 1. Oktober gegen den SC Bern eingeweiht wird – aber bis zur Fertigstellung 2020 parallel eine Baustelle bleibt.

Der Ligadirektor freut sich. «Wir werden ein grossartiges Stadion erhalten, welches auf der Seele des alten aufbaut, so wie sie das schon in Langnau gemacht haben», so Vaucher.

Noch einmal in einer höheren Kostenklasse spielt Lausanne. Dort finanzieren die Stadt, umliegende Gemeinden sowie der Kanton eine Arena der Superlative. Sie umfasst neben dem Rink ein Trainingsfeld, ein Aussenfeld, ein 50-Meter-Schwimmbecken plus Sprungturm, Fecht- und Tischtennishallen. Das Projekt wurde auch mit Blick auf die Olympischen Jugend-Winterspiele vorangetrieben, die hier im Januar stattfinden. 220 Millionen Franken kostet das.

Zwist zwischen den Kommunen

Im Zentrum bleibt aber das Hockey: Im Mai ist die Vaudoise-Arena Schauplatz der WM. Und der Lausanne HC trägt hier nicht bloss seine Heimspiele aus, sondern betreibt neu auch die Gastronomie. Dabei soll eine Partnerschaft mit der amerikanischen Anschutz-Gruppe helfen, Grössen aus dem Showbusiness anzulocken. Zum Auftakt gibts Sport: Am 30. September kommen die Philadelphia Flyers für ein Testspiel.

Blick in die Vaudoise Arena von Lausanne: Noch ist nicht alles fertig. (Bild: Keystone/Laurent Gilliéron)

Ob mit berühmten Namen aus der NHL oder durch die Mobilisierung der ganzen Talschaft: Die Idee hinter einem neuen Stadion ist stets dieselbe: mehr Komfort, mehr Einnahmen durch Publikum und Gastronomie – mehr Wirtschaftlichkeit. Der Weg dorthin aber ist jedes Mal anders.

Bei Ambri war er lang und steinig. Er dauerte Jahrzehnte, war begleitet von Sonderbewilligungen für die alte Valascia, führte zu Zwist zwischen den Kommunen, die sich die finanzielle Last teilten. Und mündete letzten Dezember trotz allem in den Spatenstich. Diesen Sommer fuhren tatsächlich die Bagger auf.

Anderswo ging es glatter. So haben die ZSC Lions dank privater Finanzierung und geschicktem Lobbying den Neubau eines Stadions durch die Volksabstimmung gebracht und ziehen 2022 von Oerlikon nach Altstetten. Der HC Davos veredelt sein Stadion in drei Etappen zum Bijou mit Rundgang – zum 100-Jahr-­Jubiläum 2021 soll es fertig sein.

«Ein Quantensprung»

Die Vorbilder sind klar. Bern, das dank eigener Gastrobetriebe den Sport finanziert. Biel, das seit ­Bezug der Tissot-Arena 2015 den Umsatz massiv steigerte und sportlich aufrüstet. Die SCL ­Tigers, die dank renovierter Halle schwarze Zahlen schaffen und 95 Prozent Stadionauslastung.

Die Organisationsform mag von Fall zu Fall verschieden sein. Und eine solide Baufinanzierung heisst auch noch nicht, dass später alle Betriebskosten gedeckt sind. Doch da in den neuen Arenen mehr Erträge erwirtschaftet werden können, sagt Vaucher: «Für die Liga und die Clubs ­bedeutet die Entwicklung einen Quantensprung.»

Ein Spezialfall ist der EV Zug. Dort lässt sich Präsident Hans-Peter Strebel seine Lust am Bauen nicht davon verderben, dass der Club bereits über eine erst neunjährige Halle verfügt. Strebel bezahlt aus eigener Tasche das 100 Millionen teure OYM: Ein Trainingszentrum für Spitzensportler, von dem ab 2020 auch der EVZ profitiert.

Nur der ersehnte Nachfolger der Halle ist nirgendwo in Sicht.

Nicht jedes Projekt aber wird zur Erfolgsgeschichte. In Genf etwa bespielt Servette eine Halle, die noch älter ist als die Valascia. Zwar wurde Les Vernets seit 1958 mehrfach renoviert. Doch ständig kommen neue Ausgaben. Diesen Sommer obligatorische Sicherheitsbanden für einen sechsstelligen Betrag, als Nächstes ist die Eisaufbereitungsanlage fällig. Kostenpunkt: 11 Millionen.

In des Les Vernets wird auch gebaut: Montage der neuen Sicherheitsbanden. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Nur der ersehnte Nachfolger der Halle ist nirgendwo in Sicht. Die Projekte sind kaum weiter gediehen als vor zwölf Jahren; die Wirrungen um den früheren Club-Besitzer Hugh Quennec und das finanzielle Desaster beim Bau des Genfer Fussballstadions haben die Politiker vorsichtig gemacht. Ende Monat reist eine ­Delegation der Liga an den Lac Léman, um sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen.

Was man jetzt schon weiss: Allein im letzten Jahrzehnt haben hier Nachbesserungen und Unterhalt 20 Millionen Franken verschlungen. Weitere werden folgen. Viel Geld ausgeben kann man im Eishockey auch ganz ohne hochmoderne Halle.

Erstellt: 06.09.2019, 23:07 Uhr

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