Es grüsst ein neuer Schweizer Bürger

Als Kent Ruhnke den Schweizer Pass endlich in der Hand hielt, kamen bei ihm unweigerlich Erinnerungen an sein erstes Jahr auf.

Die Ruhnkes aus Kanada sind nun die Schweizer Familie Ruhnke: Kent Ruhnke gibt seiner Mannschaft Anweisungen (Archivbild 2009). Foto: Keystone

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Mein Schweizer Pass ist am Dienstagvormittag eingetroffen. Nach der Kleinigkeit von 34 Jahren in diesem Land. Dies ist auch mein 33. Jahr, dass ich die Ehre habe, für diese Zeitung Kolumnen zu schreiben. Als ich im August 1980 erstmals für den ZSC meine Schlittschuhe geschnürt hatte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich einmal Zürcher Bürger werden und die meiste Zeit meines Lebens in der Schweiz verbringen würde. Als ich den Pass nun endlich in der Hand hielt, kamen bei mir unweigerlich Erinnerungen an mein erstes Jahr auf.

Ich weiss noch, wie das ganze Team damals nach jedem Heimspiel im gleichen Restaurant in Oerlikon an­stiess. Ich war nicht nur der jüngste Coach der Liga, ich war auch Spielertrainer – keine leichte Aufgabe. Ich sagte stets: «Folgt meinen Worten, nicht dem, was ich selber tue!» Und nach dem Aufstieg feierten wir in der Playboy-Bar an der Zürcher Badenerstrasse. Ich werde nie vergessen (und meine Frau Barbara ganz sicher auch nicht!), wie zwei entzückende Tänzerinnen ihre Hüften kreisen liessen und nichts anderes trugen als ZSC-Helme. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen.

Schon bald machten meine Frau und ich uns auf zu unserer eigenen Tour de Suisse mit den Stationen Biel, Freiburg, Olten und Zug. Zweimal kehrten wir zwischendurch nach Kanada zurück, um dort mit unseren Kindern zu leben. Aber beide Male war der Drang, wieder in die Schweiz zu ziehen, zu gross. Als mich Simon Schenk Anfang 1998 anrief und fragte, ob ich herbeieilen könnte, um den strauchelnden Lions zu helfen, sagte ich sofort zu. Jene schicksalsschwere Entscheidung stellte das Leben meiner Familie dauerhaft auf den Kopf.

Wir liessen uns in Seebach nieder. Ich konnte mit dem Velo zum Hallenstadion fahren, die Kids besuchten die Schule in Zumikon, wo auch meine Frau unterrichtete; wir liebten Zürich. Laura, Corey und Nicole spielten alle für den ZSC-Nachwuchs, und wir hatten eine exzellente Saison mit Rang 2. Doch der plötzliche Herztod von Chad Silver war niederschmetternd für uns alle. Eine solch schwierige und tragische Situation hatte ich zuvor noch nie erlebt. Es seinen Eltern zu sagen, war fürchterlich, und wir verloren nicht nur einen guten Spieler, sondern auch einen grossartigen Freund. Es war für mich keine Überraschung, dass wir danach in der ersten Runde gegen Kloten verloren. Eine solche Tragödie lässt man nicht einfach so hinter sich.

Das Monster von Zürich

Wir hatten gute Freunde aus der ganzen Schweiz, aber Zürich war unsere Heimat. Laura und Corey wurden beide Bürger von Zürich (Nicole später der Stadt Bern), und am 1. April 2000 gewannen wir mit dem ZSC den Meistertitel, den ersten seit 39 Jahren. Was für eine Party wir damals feierten! Es war, als ob dieser Stadt eine riesige Last von den Schultern genommen worden sei. Dank jenem Triumph war der ZSC wieder jemand im Schweizer Eishockey.

Man kann durchaus sagen, dass die Ruhnke-ZSC-Beziehung beiden Seiten genützt hat in den letzten Jahrzehnten. Es war nicht immer einfach, aber die Belohnung war reich. Und es war für mich faszinierend zu beobachten, wie die ZSC Lions nach unserem Titel wuchsen und zum dominierenden Club des neuen Jahrtausends wurden. Manchmal frage ich mich, wo der ZSC heute stehen würde, wenn wir damals, im Frühling 1998, nicht jenes entscheidende Spiel gegen den Abstieg in Herisau 2:1 gewonnen hätten.

Ich möchte Ihnen noch eines der bemerkenswertesten Vorkommnisse meines Lebens erzählen: Es ereignete sich 2001 im alten Hallenstadion. Larry Huras war an der ZSC-Bande, das Spiel war wild und schnell. Man hatte mich angefragt, ob ich in der Pause ein Fernsehinterview geben würde, und so machte ich mich auf den Weg auf die andere Seite des Stadions. Als mich die Fans da unten gehen sahen, begannen sie plötzlich zu klatschen und meinen Namen zu rufen. Als ich beinahe auf der anderen Seite angelangt war, skandierten bereits Hunderte: «Ruhnke, Ruhnke!» Und als ich die TV-Kameras erreicht hatte, war das ganze Stadion auf den Füssen und applaudierte. Huras schaute verwirrt herum, um zu sehen, was passiert war, derweil das Spiel unter donnerndem Applaus für mich weiterlief. Und ich hatte Hühnerhaut wie noch nie.

Jene stehende Ovation hatte nichts zu tun mit Schmeichelei. Es war pure, unverfälschte Wertschätzung von 10 000 Fans. Jener Abend war für mich magisch. Aber jedes Mal, seit wir 1981 Davos schlugen, um in die Nationalliga A aufzusteigen, fühlte ich mich geschätzt und willkommen hier in Zürich. Und noch heute kommen auf der Strasse fast täglich Männer und Frauen mittleren Alters auf mich zu und erzählen mir, wie es für sie war an jenem 1. April 2000, als wir endlich Meister wurden. Ich glaube, wir haben damals ein Monster kreiert hier in Zürich. Und ich schätze es sehr, Teil davon gewesen zu sein.

Die besten Länder der Welt

Ich weiss nicht, worauf ich mehr stolz bin: auf den Meistertitel oder darauf, dass ich es schaffte, meine Familie in all den hektischen Zeiten zusammen­zuhalten und meinen Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Alle drei studierten in Kanada und hatten die Freiheit zu wählen, wo sie sein wollten. Alle drei entschieden sich dafür, in die Schweiz zurückzukehren. Das ist bemerkenswert, finde ich. Kanada und die Schweiz sind für mich die besten beiden Länder der Welt, und wir sind nun alle Bürger von beiden. Der Kreis hat sich geschlossen. Die Ruhnkes aus Kanada sind nun die Schweizer Familie Ruhnke. Das Leben nimmt manche überraschende Abzweigung. Aber unseres hätte sich nicht besser ent­wickeln können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2014, 23:54 Uhr

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