Fischers Reifeprüfung

Der Jungtrainer hat in Paris bewiesen, dass er der richtige Mann fürs Nationalteam ist.

Patrick Fischer stand bisher unter genauer Beobachtung. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Patrick Fischer stand bisher unter genauer Beobachtung. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Um 18.29 Uhr, nach dem 5:0 der Kanadier über Norwegen, war es amtlich: Die Schweizer haben den WM-Viertelfinal geschafft. Das darf von einer Nation auf Rang 7 der Weltrangliste erwartet werden. Und doch ist es keine Selbstverständlichkeit – seit 2011 hatten die Schweizer die Top 8 viermal verpasst.

Noch wichtiger als die Viertelfinal-qualifikation ist die Art und Weise, wie diese zustande kam. Das Team liess sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen, wuchs zusammen und punktete bisher in allen Spielen, was sonst nur Kanada und Russland gelang. Kurz: Es macht Spass, diesen Schweizern zuzuschauen.

Das stellt Patrick Fischer ein gutes Zeugnis aus. Der Nationalcoach stand, trotz Zweijahresvertrag, nach seiner verpatzten Premiere – Rang 11 in Moskau 2016 – unter genauer Beobachtung. Er zeigte, dass er seine Lektion gelernt hat. In Russland hatte noch vieles handgestrickt gewirkt, von den ­T-Shirts, die den Patriotismus der Spieler fördern sollte, bis zur allzu optimistischen Spielweise. Kritiker sprachen von «Pausenplatz-Eishockey», weil sich immer wieder grosse Lücken auftaten. Davon kann in Paris keine Rede mehr sein. Die Schweizer treten strukturiert auf, ohne ihre läuferischen Qualitäten preiszugeben. Wenn sich die Chance bietet, checken sie vor, sonst ziehen sie sich zurück in die Mittelzone.

Eine gute Mischung

Diese taktische Flexibilität erlaubt ihnen, sowohl gegen die «Kleinen» wie gegen die «Grossen» zu reüssieren. Es ist kein Geheimnis, dass das Defensivspiel die Handschrift des schwedischen Assistenten Tommy Albelin trägt. Als dieser im vergangenen Herbst antrat, fragte man sich, wie dessen Philosophie mit jener von Fischer zu vereinen sei, er, der am liebsten mutig nach vorne spielen lässt.

Doch der Headcoach hat eine gute Mischung gefunden. Erstaunlich ist insbesondere, dass sich die offensiv orientierten Verteidiger wie Joël ­Genazzi oder Romain Loeffel (beide +7-Bilanz!) so solide präsentieren. Und dass man dem Team nicht anmerkt, dass zwei Drittel der Spieler kaum WM-Erfahrung haben.

Man darf nicht vergessen, dass diese Schweizer vor dem Turnier nicht viel Kredit genossen hatten, Fischer zahlreiche Absagen hatte hinnehmen müssen. Doch er verstand es, ein stabiles Team zu bauen, in dem jeder seine Rolle spielt – früher oder später. Und mit seiner positiven, kommunikativen Art sorgt er für eine gute Stimmung.

Was nicht heisst, dass er es jedem recht machen will. Jonas Hiller wurde zur klaren Nummer 2 im Tor degradiert, Offensivkräfte wie Damien Brunner, Denis Malgin oder Tanner Richard waren schon überzählig. Und Fischer scheut sich auch nicht davor, Probleme des Schweizer Eishockeys anzusprechen. So sagte er vor der WM: «Bei uns gibt es Spieler in der Nationalliga A, die haben eine wunderschöne Karriere, obschon sie verhältnismässig wenig zustande gebracht haben.»

Wohltuend selbstkritisch

Fischer ist ein Jungtrainer, er kann nicht auf ein reiches Palmarès verweisen und wird deshalb besonders ­kritisch beurteilt. Zumal ja nicht er der Wunschkandidat gewesen war, sondern Kevin Schläpfer. Doch er ist bereit, sich zu entwickeln, zeigt sich auch wohltuend selbstkritisch. Wie nach der Niederlage gegen Frankreich, als er den späten Ausgleich der Franzosen auf sich nahm, weil er kein Timeout ­genommen hatte, um seine müden Spieler verschnaufen zu lassen.

Der begeisternde Sieg über die kanadischen NHL-Cracks war für ihn der Befreiungsschlag. Fischer ist angekommen im Job als Nationaltrainer, hat sich die Chance verdient, die Schweizer nächstes Jahr an die Olympischen Spiele nach Pyeongchang zu führen.

Erstellt: 15.05.2017, 23:19 Uhr

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