Fliegen mit Arno

Das erste ZSC-Training unter Del Curto wird zum Volksfest. Der neue Löwendompteur dirigiert mit viel Elan und zweisprachig.

Viel Tempo und überraschte Spieler: Der erste Trainingstag mit Arno Del Curto beim ZSC. Video: Aline Bavier und Fabian Sanginés

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ZSC-Trainings sind sonst eine exklusive Angelegenheit. Mal verliert sich ein Rentner auf der Tribüne im «Stadiönli». Ein anderes Mal schaut ein Vater mit seinem Kind vorbei. Wenn es hoch kommt, nimmt eine Schulklasse einen Augenschein, nachdem sie sich auf dem Aussenfeld mit Schlittschuhfahren versucht hat. Doch an diesem Dienstagvormittag ist alles anders.

Arno Del Curto wird an seinem ersten Arbeitstag als ZSC-Trainer von Kameras begleitet, wie er die Siewerdtstrasse überquert und die Treppe hochsteigt zum Eisfeld. Auf der Tribüne herrscht ein buntes Treiben, über 200 Leute warten auf den neuen Heilsbringer und schiessen begeistert Fotos mit dem Smartphone, als er erscheint. «Ihr hättet Eintritt verlangen müssen», sagt einerzu ZSC-Finanzchef Fritz Eichenberger. Der schmunzelt. Er weiss: Das Hallenstadion wird in nächster Zeit gut besucht sein.

Arno del Curto wird von Kameras verfolgt. Bild: Sabina Bobst

Del Curto trägt eine Dächlikappe mit ZSC-Logo und einen Trainingsanzug des Clubs. Und, was man immer wieder hören wird: Er hat eine Pfeife dabei. Wenn man jemandem die Redewendung «nach jemandes Pfeife tanzen» erklären müsste, bräuchte man nur aufs Eisfeld zu deuten. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Spieler nach einem Trainerwechsel besonders aufmerksam sind, sie sich dem neuen Mann von ihrer besten Seite präsentieren wollen. Diesmal ist es wohl besonders ausgeprägt, weil Del Curto der Ruf vorauseilt, dass er gerne Tempo hat.

«Go! Go! Go!»

Der neue Löwendompteur treibt die Spieler pausenlos an, und als er zwei Tore quer gegenüber aufstellen lässt und zwei gegen zwei Spieler spielen lässt, schreit er ­immer wieder: «Go! Go! Go!» Als­­­ ­Roman Wick auf den Finish des Trainings erscheint – er ist immer noch rekonvaleszent – geht Del Curto zu ihm und sie scherzen miteinander. Vater Marcel Wick war 1992 dabei, als jener ZSC das «Grande Lugano» stürzte.


Video: Das sagt Arno Del Curtos Sohn

«Ein geiles Gefühl»: Sohn Yannick zum überraschenden Trainerwechsel. Video: Aline Bavier, Fabian Sanginés


Keiner der aktuellen ZSC-Cracks hat schon unter Del Curto gespielt, und trotzdem glauben die meisten, ihn gut zu kennen. «Die Hockeyschweiz ist klein», sagt Patrick Geering. «Natürlich haben wir schon viele Geschichten über Arno gehört. Mein ­erster Eindruck ist: Er ist genau so, wie gesagt wird, mit sehr viel Elan, sehr viel Leidenschaft dabei.»

Keine Zeit, Goodbye zu sagen

Der Captain hat in der Stunde des Aufbruchs auch Gedanken für das entlassene Trainerduo Serge Aubin und Craig Streu übrig. «Es tut mir leid für sie», sagt er. «Sie sind ehrliche Typen, die gut gearbeitet haben.» Für eine Verabschiedung von Aubin war keine Zeit mehr, am Montag war ja trainingsfrei. Die Spieler wurden per SMS über den Trainerwechsel informiert. Geering telefonierte danach noch kurz mit Aubin.

«Es scheint, als ob die Harmonie zwischen Coach und Spieler nie recht da war», sagt Chris Baltis­berger. «Er verlangte gewisse Dinge von uns, aber wir konnten sie nicht so umsetzen, wie er wollte. Dann begannen wir immer mehr zu studieren. Und wenn du studierst im Eishockey, bist du schon zu spät.»

Unter Del Curto, da ist Baltisberger überzeugt, wird es viel besser. «Er steht für Tempo­hockey und für Aggressivität. Und genau das sind unsere Stärken. Wir haben viele grosse Spieler, sind ziemlich kräftig, und Schlittschuh laufen können wir auch.» Der Flügel sagt sogar: «Wir werden übers Eis fliegen.»

Gibt Anweisungen: Arno del Curto zeigt im Training viel Elan. Bild: Sabina Bobst

Was Baltisberger und Geering besonders freut: Erstmals haben sie beim ZSC einen Schweizer Trainer. Die Sprache auf dem Eis und in der Garderobe ist damit nicht mehr Englisch, sondern ein Mix aus Bündnerdeutsch und Englisch, oder wie Geering sagt: ­«Arno-Del-Curto-Englisch.»

Die Ausländer scheinen den neuen Coach jedenfalls zu verstehen. Dominic Moore nickt immer wieder, als Del Curto spricht. Fredrik Pettersson hetzt übers Eis, als gäbe es kein Morgen. Gut 70 Minuten dauert die Trainingseinheit. Sie ist intensiv. «Jetzt spüre ich die Beine», sagt Chris Baltisberger und schmunzelt. «Ich glaube, heute muss ich nicht mehr in den Kraftraum, um ­etwas gemacht zu haben.»

Erstellt: 15.01.2019, 22:37 Uhr

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