Fussbruch, Gehirnerschütterung – und trotzdem spielen sie

Der Wille steht über der Vernunft: Im NHL-Playoff treten die Spieler an, auch wenn sie schwer verletzt sind.

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Es war in der dritten Partie des Viertelfinals zwischen den Pittsburgh Penguins und den Washington Capitals, als Sidney Crosby von Verteidiger Matt Niskanen hart gegen den Kopf gecheckt wurde und auf dem Eisfeld liegen blieb. Die Diagnose: Gehirnerschütterung. Bei einer solchen Verletzung muss der Betroffene jegliche Erschütterung vermeiden und ruhen. Crosby schonte sich gerade mal eine Partie. Bereits in Spiel 5 stand der Pittsburgh-Star wieder auf dem Eis – und setzte seinen Kopf erneut starken Belastungen und Checks aus.

Der harte Check gegen den Kopf von Crosby. Video: Youtube.

Nun steht Pittsburgh mit Crosby im Halbfinal, spielt gegen die Ottawa Senators und glich in der Nacht auf Dienstag die Serie zum 1:1 aus. Das Aushängeschild der Kanadier: Erik Karlsson. Kein Spieler der Senators und überhaupt der NHL ist im diesjährigen Playoff länger auf dem Eis gestanden als der schwedische Verteidiger. Doch auch er hat ein Handicap – präziser formuliert, zwei Stressfrakturen im linken Fuss. Während andere mit dieser Art von Verletzung sich nur an Krücken fortbewegen können, sprintet Karlsson ohne jegliche Anzeichen von Schmerzen übers Eis.

Die Schmerzgrenze steigt mit dem Leistungsdruck

Noch «verrückter» war Joe Thornton zu Beginn des Playoffs. Seine San Jose Sharks scheiterten zwar in der ersten Runde an den Edmonton Oilers, für Aufsehen sorgten aber seine Aussagen nach der Serie. Der 1,93 Meter grosse Kanadier absolvierte drei Partien mit einem Kreuz- und einem Innenbandriss im linken Knie, die er sich kurz vor dem Playoff zugezogen hatte. «Das ist ganz normal für einen Eishockeyspieler, damit müssen wir umgehen», sagte Thornton. Und Trainer Peter DeBoer zeigte sich begeistert: «Das ist der heldenhafteste Einsatz, den ich je gesehen habe.»

Man könnte nur schon bei den Sharks weitere «heldenhafte» Taten aufzählen: Hertls gebrochener Fuss, Marleaus gebrochener Daumen, Coutures verlorene Zähne. Alle spielten trotzdem weiter, gaben ihrem Körper nicht die Möglichkeit zur Regeneration.

«Wir Eishockeyspieler sind eine besondere Gattung», fügte Thornton an – und hat recht. Solche Geschichten sind nicht neu in dieser Sportart, sie sind schon fast Tradition. Denn in der wichtigsten Phase der Saison steht nicht mehr die Gesundheit, sondern die Leistung im Vordergrund. Es zählt nur noch der Sieg, der Druck steigt an – und somit auch die Schmerzgrenze. «Je mehr ich durchgeschüttelt wurde, je mehr Schnitte und Prellungen ich am Körper hatte, desto besser habe ich gespielt», sagte der ehemalige Pittsburgh-Verteidiger Phil Bourque.

Der Dienst wird nicht verweigert, Schwäche nicht gezeigt. Die Trainer müssen jeweils abwägen: Ist der gesunde Spieler wirklich besser als der verletzte? Der Entscheid hat auch mit taktischer Raffinesse zu tun. Washingtons Superstar Alexander Owetschkin hatte eine Kniverletztung, hielt dies bis nach dem Ausscheiden gegen Pittsburgh aber geheim, um den Gegner nicht zu motivieren.

Inspiration oder blanker Wahnsinn?

Natürlich ist es inspirierend, dass die Eishockeyspieler ihren Schmerzen trotzen, sich so für ihr Team und den Erfolg einsetzen. Jedoch ist es bekanntermassen eine Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Die Gesundheit so aufs Spiel zu setzen, kann ebenso töricht sein – wenn nicht gar gefährlich. Es gibt genug Spieler aus der Vergangenheit, welche Konsequenzen davontragen mussten.

Der ehemalige Flügel Ian Laperrière wurde 2010 in der ersten Runde des Playoffs von einem Puck getroffen, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, einen Bruch des Augenhöhlenknochens – und trat Wochen später im Halbfinal wieder an. Laperrière beendete seine Karriere drei Jahre später aufgrund wiederkehrender Symptome seiner Verletzungen, unter denen er heute noch leidet.

Ob denn nun der Trainer, der Arzt oder der verletzte Spieler über einen Einsatz entscheidet, ist bei jedem Team individuell. Pete Demers, der langjährige Trainer der Los Angeles Kings, sagte zur «New York Times»: «Man stellt sich schon die Frage, ob ein Einsatz die Gesundheit der Spieler längerfristig schädigen könnte.» Sie hielten sich an die Medizin und Vernunft, «unsere Spieler haben auch eine Familie. Es ist ja kein Krieg, sondern nur ein Spiel.» Doch die Spieler seien gerade im Playoff verbissen, wollten spielen. Demers betonte, das die Medizin Fortschritte gemacht habe, vor allem in der Behandlung von Gehirnerschütterungen.

Sidney Crosby kann ein Lied davon singen. Mit seiner aktuellen Verletzung hat der 29-Jährige bereits vier Gehirnerschütterungen erlitten. Trotzdem tritt er auch in der dritten Partie gegen Ottawa in der Nacht auf Donnerstag an. Pittsburgh wird ihn brauchen – auch weil mit Bryan Rust und Justin Schultz zwei weitere Spieler ausgefallen sind. Falls keiner der Verletzten antreten wird, könnte Mark Streit erstmals im diesjährigen Playoff zum Einsatz kommen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2017, 17:43 Uhr

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