Glaubenskrieg auf Schweizer Eis

Die Playoff-Halbfinals bieten vier gegensätzliche Ideologien. Welche obsiegt?

Kein Durchkommen: Die ZSC Lions, hier ihr Topskorer Roman Wick, müssen sich den Konfrontationen mit den ruppigen Genfern stellen. Foto: Pascal Muller (EQ Images)

Kein Durchkommen: Die ZSC Lions, hier ihr Topskorer Roman Wick, müssen sich den Konfrontationen mit den ruppigen Genfern stellen. Foto: Pascal Muller (EQ Images)

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Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich mich mit Chris McSorley in einem Café in Bern traf. Man schrieb das Jahr 2005, es war während der Festivitäten ums Allstar-Game (erinnern Sie sich noch ans Allstar-Game?). McSorley erklärte mir im Detail seinen Plan zum Meistertitel. «Ich werde das kräftigste, böseste und härteste Team bauen, das die Schweiz je gesehen hat», sagte er. Es hat wohl etwas länger gedauert, als McSorley damals glaubte. Aber nun könnte die Krönung seines Projekts kurz bevorstehen. Seine Genfer sind die Schlägertruppe geworden, die ihm stets vorgeschwebt hatte, ergänzt mit kreativen Spielern. Für mich sind sie, da wir in die Halbfinals steigen, das Team, das es zu schlagen gilt.

McSorley und der Flipperkasten

Keine andere Hockeyliga kann in den Halbfinals vier Teams bieten, deren Spielarten so sehr kontrastieren wie die National League A: Wir haben den Flipperkasten-Stil McSorleys – jeder Spieler wird gecheckt und spickt auf dem Eis herum wie die kleinen Kugeln. Das Hochgeschwindigkeits-Eishockey von Arno Del Curto in Davos. Das lähmende 1-3-1-Defensivsystem von Guy Boucher in Bern. Und das Spiel Marc Crawfords in Zürich, das auf Puckbesitz und kontrollierter Angriffsauslösung basiert. In der NHL spielen alle Teams mehr oder weniger gleich. In der russischen KHL auch. Wir hingegen bekommen nicht nur die erbitterten Kämpfe auf dem Eis zu sehen, sondern auch das Zusammenstossen ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten und Philosophien der Coachs.

Del Curto hat sein System nun seit 19 Jahren gepflegt. Boucher lässt gleich spielen, seit er Juniorentrainer in Québec ist. Crawford hat mit seinem Stil den Stanley-Cup gewonnen. McSorley ist immer noch fest davon überzeugt, dass der einzige Weg zum Titel durch den Gegner hindurchführt – und dabei nimmt er auch Knochenbrüche in Kauf. Welche Strategie erweist sich als die richtige? Das Schweizer Eishockey steht an einer Weggabelung. Während vieler Jahre wird hier nun schon eine Mischform gepflegt, welche die Hockeykulturen spiegelt, aus denen die Coachs stammen. Im Halbfinal sind jetzt vier Spielstile übrig geblieben, denen ganz unterschiedliche Ideologien zugrunde liegen.

Wer setzt den nächsten Trend?

Fest steht: Erfolg findet immer seine Nachahmer. Sollten die Berner obsiegen, werden wir also in Zukunft viele weitere Playoff-Duelle sehen wie SCB - Lausanne, in denen kaum Tore fallen? Würde ein Genfer Titel bedeuten, dass die Clubs mehr Wert aufs Körperspiel legen? Wenn Zürich gewinnt, würden andere versuchen, deren Puckkontrolle zu kopieren? Und: Kann ein anderes Team überhaupt so spielen wie der HCD Del Curtos? Selbst ich, als sogenannter Hockeyexperte, habe keine Ahnung, wohin uns diese Halb­finals führen werden. Gerade deshalb bin ich so gespannt.

Morgan Samuelsson, mein Kollege beim Teleclub, glaubt, dass die ZSC Lions den Körperkontakt möglichst vermeiden und mit solchem Tempo spielen sollten, dass die langsameren Genfer nicht mehr Schritt halten können. Das ist gut und recht. Aber ich habe noch nie ein Hockeyteam siegen sehen, das sich seinen Peinigern nicht stellt, seine Zweikämpfe nicht gewinnt. Die Zürcher werden nicht darum herumkommen, ihren Mann zu stehen, die Konfrontationen anzunehmen. Doch das ist wohl das Letzte, dass sie tun möchten – und das ist aus Zürcher Sicht ein Grund zur Sorge.

Momentan haben wir noch viel mehr Fragen als Antworten. Können die Davoser die Berner Mauer mit ihrem Speed und ihrem hartnäckigen Forechecking zum Einstürzen bringen? Oder laufen sie den Bernern ins offene Messer? Kann sich der SCB seiner Zwangsjacke entledigen und mehr Torgefahr kreieren? Hat der HCD noch die Leadership, die er braucht, da nun Reto von Arx, Sandro Rizzi und Joe Marha nicht mehr in der Mitte des Eisfelds patrouillieren und in der Garderobe für die nötige Intensität sorgen? Mein Verstand sagt mir, dass der SCB im Vorteil sein wird. Aber mein Herz möchte, dass sich der HCD durchsetzt. Weil er das schönere, das optimistischere Eishockey pflegt.

ZSC spielt kein Playoff-Eishockey

Das führt mich zurück zu den ZSC Lions. Ich frage mich manchmal, wie viele Leben sie noch haben. Es scheint, als könnten sie, obschon sie kopflos drauflosrennen, dem Kugelhagel irgendwie immer wieder entrinnen. Sie spielen kein Playoff-Eishockey. Marc-André Bergeron ist eine tickende Zeitbombe. Und wenn Severin Blindenbacher in der Offensivzone einen blinden Rückhandpass spielt, muss ich den Kopf schütteln. Ich bin kein Dogmatiker. Ich sagte meinen Spielern immer, sie müssten den besten Spielzug wählen, nicht unbedingt den ­richtigen. Das erlaubt ihnen, ihre Inspiration auszuleben. Aber ein solcher Pass wie jener von Blinden­bacher in Spiel?7 beim Stand von 0:0, das ist selbst für mich zu viel.

Marc Crawford hat am meisten Talent zur Verfügung, aber nicht das beste Team. Manchmal habe ich bei den ZSC Lions das Gefühl, dass gewisse Spieler denken: «Hey, ich habe es letzten Abend gerichtet, heute kann es mal ein anderer tun.» Aber ich glaube nicht, dass es in diesem Jahr so wieder funktioniert. Der amerikanische Autor und Pastor John C. Maxwell sagte einst: «Talent ist ein Geschenk, Charakter eine Wahl.» Die ZSC Lions müssen nun schnell wählen, was sie wollen. Denn die Zeit läuft ihnen davon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2015, 23:01 Uhr

Kent Ruhnke

Der aus Kanada stammende Neo-Schweizer coachte Biel (1983), ZSC (2000) und SCB (2004) zum Titel. Mit regelmässigen Einschätzungen begleitet er für Tagesanzeiger.ch/Newsnet das Playoff.

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NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

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