«Hunde bellen, Pferde rennen – und Profis spielen»

Chris McSorley hat Servette zum Spengler-Cup-Sieg und ins Playoff geführt. Der Macher der Genfer Adler hat den Titel vor Augen und duldet keine Ausreden seiner Spieler.

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Chris McSorley, Servette hat sich nach dem freitäglichen 6:1-Sieg gegen die ZSC Lions definitiv fürs Playoff qualifiziert. Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf?
Wir hatten eine schwierige erste Saisonhälfte, auch weil unsere beiden Goalies (Robert Mayer und Christophe Bays) verletzt ausfielen. Mit der Teilnahme an der Champions Hockey League, dem Schweizer Cup, dem Spengler-Cup und der Meisterschaft muss man schon festhalten, dass es eine beschwerliche Saison für uns ist.

Ich bedaure allerdings, dass wir nicht unter den Top-4-Teams klassiert sind wie vor einem Jahr. Ich stufe mein Team eigentlich auf der Höhe von Zug und Lugano ein. Aber alles in allem gesehen kann ich stolz sein, was meine Mannschaft bisher geleistet hat.

Sind Sie auch zufrieden mit der Leistung Ihrer Torhüter?
Ja, das bin ich, wenn sie im Tor stehen und nicht in einem Spitalbett liegen. Ich habe mir schon überlegt, ob ich die Tore zum Spital transportieren soll, damit die Goalies dort problemlos und täglich trainieren können (lacht). Robert (Mayer) und Christophe (Bays) sind Persönlichkeiten, die jeden Tag seriös und hart arbeiten. Die Feldspieler haben Vertrauen in beide Goalies. Aber auch mit unseren Aushilfen Gauthier Descloux, Janick Schwendener, Michael Flückiger oder Kevin Huber bin ich zufrieden. Huber hat beispielsweise in einem Penaltyschiessen in Freiburg alle fünf Versuche der Gastgeber zunichtegemacht.

Kritiker behaupten, dass Servette auf der Torhüterposition nicht gut genug besetzt sei, ja, dass die Goalies als Handicap gelten. Was sagen Sie zu dieser Meinung?
Ich glaube nicht, dass unsere Torhüter ein Handicap sind. Ich finde eher, dass der Verlust von Christian Marti für uns schwer ins Gewicht fällt. (Der 21-jährige Verteidiger zog sich Mitte Januar eine schwere Schulterverletzung zu. Er fällt für den Rest der Saison aus.) Christian hatte jeweils viel Eiszeit, so um die 25, 26 Minuten in jedem Spiel. Er ist ein wichtiger Mann für unsere Defensive.

Gewiss, der schwächste Teil unserer Mannschaft ist die Defensive. Aber unser Sturm und unsere Torhüter zähle ich zu unseren Stärken oder Trümpfen.

Servette hat zweimal hintereinander den Spengler-Cup gewonnen. Nehmen Sie im Dezember zum dritten Mal in Folge in Davos teil?
Ich werde mit Präsident Hugh Quennec und Geschäftsführer Christophe Stucki nach Saisonende darüber sprechen. Nach zwei Teilnahmen am Turnier begreife ich nun, warum der HC Davos so eine schwere Saison durchmacht. Wer am Spengler-Cup mitspielt, hat eine grosse Verantwortung auf sich genommen. Nicht nur, dass praktisch alle Eishockey-Fans in der Schweiz zuschauen, mittlerweile verfolgen auch in Europa und Übersee TV-Zuschauer das Turnier. Die Spieler spüren damit einen speziellen Druck.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist eine grossartige Woche in Davos. Aber die Teilnahme ist verbunden mit einer Bürde, du verbrauchst viel Energie. Wir entscheiden uns spätestens in zwei Monaten, ob wir am Spengler-Cup 2015 teilnehmen werden oder nicht.

Das Playoff klopft an die Türe. Gibt es einen Lieblingsgegner für Sie?
(schmunzelt) Ajoie, Langenthal, Red Ice Martigny – Spass beiseite: Es gibt keine schwachen Gegner mehr in der NLA. Die oberste Schweizer Liga ist so wettbewerbsfähig und ausgeglichen geworden, dass man es sich nicht erlauben kann, mit einer laschen Einstellung anzutreten. Es ist ein schlechtes Karma im Sport, wenn wir uns auf einen sogenannten Wunschgegner im Playoff einstellen würden. Das ist nicht in meiner DNA. Machst du das trotzdem, dann erhältst du die Quittung: Du wirst die Serie garantiert verlieren, und die Saison ist früh zu Ende.

Es spielt also für uns keine Rolle, gegen wen wir im Viertelfinal antreten müssen. Wir sind natürlich die Underdogs in den Playoffs. Und es ist mir noch so recht, wenn favorisierte Clubs wie der ZSC oder Bern sagen: Hoffentlich müssen wir nicht gegen die Genfer antreten, weil sie hart und unangenehm spielen.

Testpartien, NLA, Champions Hockey League, Schweizer Cup, Spengler-Cup: Ihre Spieler könnten gut und gerne auf 90 Einsätze und mehr in dieser Saison kommen. Befürchten Sie nicht, dass Ihre Spieler im Playoff ausgelaugt sein werden?
Hunde bellen, Katzen miauen, Pferde rennen – und Profis spielen Eishockey. Die Spieler wollen spielen. Ein Top-Profi verbringt rund 25 intensive Minuten auf dem Eis pro Match. In unseren Übungslektionen trainieren wir 45 Minuten lang hart. Also eigentlich wird im Training von den Spielern physisch mehr abverlangt als im Match. Ich habe jedoch noch nie einen Profi erlebt, der zu mir gekommen ist und sich über die Anzahl Spiele in einer Saison beklagt hat – aber schon einen, der über die Intensität des Trainings gemault hat.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wenn das Playoff beginnt, dann werden meine Spieler bereit sein. Ich toleriere in Sachen Belastung auch keine Entschuldigungen.

Wer wird Schweizer Meister der Saison 2014/15?
Genf. Wenn ich auf diese Frage nicht diese Antwort gebe, dann bin ich der falsche Mann für diesen Job. Das wäre dann so, wie wenn Christoph Kolumbus auf seinem Weg nach Amerika von seiner Besatzung gefragt worden wäre: Hey Captain, wohin segeln wir überhaupt? Und Kolumbus hätte geantwortet: Ich weiss es nicht. Ich glaube, dann wäre Kolumbus ja vermutlich auch der falsche Captain für das Schiff gewesen.

Was ich damit sagen möchte: Wenn ein Coach nicht weiss, wohin er gehen und was er sportlich erreichen will, dann ist er vermutlich der falsche Trainer für das Team.

Sie können auch mal aufbrausend sein im Umgang mit den Schiedsrichtern. Wie beurteilen Sie die Leistungen der Heads in dieser Meisterschaft?
Soll ich ehrlich sein?

Das wäre nett und aufschlussreich.
Unter Reto Bertolottis Leitung verbesserte sich schon einiges im Schiedsrichterwesen. Reto hat eine gute Basis für seinen Nachfolger Brent Reiber geschaffen. Die Schiedsrichterleistungen sind noch nie besser gewesen als heute, ich beurteile sie sogar als superbe. Danny Kurmann beispielsweise pfeift grossartig in diesem Jahr. Bei Meetings zwischen den Schiedsrichtern und den Coaches wird diskutiert, werden Themen angesprochen und kritisch beleuchtet. Diesen persönlichen Kontakt mit den Referees finde ich wichtig. Ich schätze ihn auch sehr.

Mein Verhältnis zu den Heads ist noch nie besser gewesen. Schiedsrichter können ebenso wenig perfekt sein wie die Coaches – aber die Kommunikation zwischen den Trainern, Schiedsrichtern und Inspizienten ist wirklich vorbildlich geworden. Deshalb hat es für mich in dieser Saison auch keinen Grund gegeben, mich über die Spielleitung aufzuregen. Oder wurde ich in diesem Winter diesbezüglich in den Medien negativ erwähnt?

Nein, nicht soweit mir bekannt ist.
Eben (schmunzelt).

Erstellt: 16.02.2015, 15:18 Uhr

Mister Servette

Der 52-jährige Kanadier Chris McSorley, in Hamilton (Provinz Ontario) geboren, ist der Macher von Servette. Seit er 2001 den zuvor schon fast maroden Club übernommen hat, geht es mit den Genfern sportlich und finanziell aufwärts. McSorley, der es als Profi im Gegensatz zu seinem Bruder Marty nicht in die National Hockey League (NHL) schaffte, ist bei den Genfer Adlern nicht nur Cheftrainer, sondern gleichzeitig auch General Manager und Mitbesitzer. Nur noch Arno Del Curto hat so viel Macht in einem Schweizer Club wie «Mister Servette», der den Verein aus der Calvin-Stadt auch marketingmässig auf Vordermann gebracht hat.

In seiner ersten Saison stiegen die Genfer in die NLA auf. 2008 und 2010 führte McSorley die Adler in den Playoff-Final, scheiterte aber an den ZSC Lions respektive dem SC Bern. 2013 und 2014 gewann er mit Servette den Spengler-Cup in Davos. Die Genfer haben sich mittlerweile den Ruf geschaffen, ein Schrecken für die KHL-Teams zu sein.

McSorley hat zweifelsohne Temperament, was die Schiedsrichter schon zu spüren bekamen. In seinem Job ist er gradlinig und oft auch unnachgiebig. Im persönlichen Umgang neben dem Rink gibt er sich jedoch charmant und witzig. Das hat der Kanadier auch am letzten Donnerstag bewiesen, als er in Bernex GE bei einem Anlass von Eishockey-Sponsor Postfinance Journalisten aus der Romandie und der Deutschschweiz eine Hockey-Lektion erteilte und für eine heitere Ambiance sorgte. Dank seinen guten Kontakten nach Übersee und seiner Überzeugungskraft gelingt es McSorley immer wieder, hochkarätige Ausländer nach Genf zu lotsen, wo in der Garderobe «Franglais» gesprochen wird.

Als letzter Verein aus der Romandie feierte 1973 der HC La Chaux-de-Fonds den Meistertitel der Elite-Klasse des Landes. McSorleys erklärtes Ziel ist es, dass Servette den Pott wieder in die Westschweiz holen wird – je früher, desto besser. (fal)

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