«Ich schaffe ja nicht einmal den Spagat»

Der Davoser Meistergoalie Leonardo Genoni überzeugt auch an der WM. Heute gegen Schweden (20.15 Uhr) braucht es erneut seine flinke Fanghand.

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Die Schweiz mühte sich an dieser WM bisher im Toreschiessen. Der Abwehrverbund wirkte vor allem anfangs wenig gefestigt. Und selbst designierte Leistungsträger wie Mark Streit oder Damien Brunner spielten noch nicht ihrem Rendement entsprechend auf. Einer aber zeigte sich von alle dem unbeirrt: Leonardo Genoni.

Der Davoser Meistergoalie konnte seine bemerkenswerte Playoff-Form konservieren. Er sicherte der Mannschaft Siege gegen Frankreich und Deutschland, parierte dabei 97 Prozent aller Schüsse und kassierte nur ein Gegentor. «Es war nicht leicht, den Fokus nach dem Titel gleich wieder zu finden», gibt er zu. «Aber ich schaffte es.» Nur müsse er es nun auch weiterziehen. Schliesslich wartet mit Schweden heute seine dritte und bisher schwierigste Prüfung.

Marcel Kull, der wichtigste Wegbegleiter

Genoni (27) ist trotz dreier Titel mit dem HCD kein regelmässiger WM-Teilnehmer. Vor diesem Turnier in Tschiechien brachte er es erst auf drei Einsätze. Er hat in seiner Karriere auch schon Einladungen zurückgewiesen, weil er sich schlicht nicht in der Verfassung für höhere Aufgaben fühlte: «Ich spüre jeweils ganz gut, ob ich in der Form bin, das Nationalteam auch wirklich zu verstärken.»

Nach dieser Saison war das keine Frage. Genoni lernte unter seinem langjährigen Torhütertrainer und wichtigsten Wegbegleiter Marcel Kull, aggressiver aufzutreten, seine Zone vor dem Gehäuse zu verteidigen, notfalls mit Körpereinsatz. Und er entwickelte seine Instinkte weiter. «Ich bin gar nicht so beweglich, wie man mir das oft nachsagt. Ich schaffe ja nicht einmal den Spagat», sagt er. «Aber ich kann das Spiel gut lesen.» Er lasse sich vom Stürmer nicht abschiessen, sondern hole den Puck bei ihm gewissermassen ab. Weil Genoni oft am richtigen Ort steht, sieht man auch weniger «Big Saves» von ihm, spektakuläre Hechteinlagen zum Beispiel. «Die werden erst nötig, wenn der Torhüter einen Stellungsfehler macht.»

Man spürt, dass Genoni sich und seine Spielweise oft hinterfragt, ihn der Gedanke antreibt, besser zu werden. Zählt er selbst seine Stärken auf, nennt er die Attribute: überlegt, verantwortungsbewusst, vertrauensvoll. Auch Selbstdisziplin macht ihn aus: Für sein BWL-Fernstudium büffelte er jeweils auf den langen Busfahrten an die Auswärtsspiele. Die meisten Kollegen schliefen nebenan. Die letzte Prüfung für den Bachelor absolvierte er noch während des diesjährigen Playoffs – und schloss mit dem Notenschnitt von 5,0 ab. Im September will er mit dem Masterstudium weitermachen. Er prüft derzeit, welche Formen möglich sind. Denn noch zieht es den Kilchberger nicht ins Unterland zurück: Er hat für zwei weitere Jahre in Davos unterschrieben.

Hand und Fuss am Kopf

Genoni wirkte stets ein bisschen reifer, abgeklärter auch als die meisten gleichaltrigen Altersgenossen. Dazu passt, dass er mit 27 bereits verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Mit seiner Frau Anina kam er schon als 14-Jähriger zusammen. «Es passt einfach mit ihr», sagt er, «und da ich als Eishockeyspieler nicht nur eine gewisse finanzielle Absicherung, sondern auch genügend Zeit habe, um den Kindern beim Aufwachsen zuzusehen, war es für uns ein natürlicher Schritt.»

Die Hand von Sohn Giulien (2) und der Fussabdruck von Tochter Emilia (9 Monate) sind mittlerweile auf der Rückseite seines Helms verewigt. Auch im Nationalteam tritt Genoni mit der gelb-blauen HCD-Maske auf. An der WM hatte bisher alles Hand und Fuss, was er anpackte.

Erstellt: 09.05.2015, 11:05 Uhr

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